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Freitag, 05.08.2016

Wilde Sausen an der Wilden Sau

In Pohrsdorf mixt Apotheker Eckard Schleiermacher ein Konzertprogramm zusammen, dass jeder Stadt schmeicheln würde.

Von Andy Dallmann

Eckard Schleiermacher, Apotheker und nebenbei Betreiber des Saxstalls in Pohrsdorf bei Tharandt.
Eckard Schleiermacher, Apotheker und nebenbei Betreiber des Saxstalls in Pohrsdorf bei Tharandt.

© Robert Michael

Eckard Schleiermacher hat schon viele Leidenschaften ausgelebt. Teils mit heftigstem Körpereinsatz, teils auch mit wissenschaftlicher Akribie. Jetzt geht es ihm nur noch ums pure Vergnügen und die Lust daran, Selbiges großzügig mit Freunden wie Fremden zu teilen.

Seit 2008 veranstaltet er regelmäßig Konzerte und ist dennoch eher der Gegenentwurf zu dem, was üblicherweise einen Konzertveranstalter ausmacht. Schleiermacher nimmt nie Eintritt, sondern gibt sich stets mit dem zufrieden, was in der Spendenbox landet. „Obwohl das oft nicht viel und eigentlich nie kostendeckend ist.“ Er feilscht nie mit Künstlern über deren Gagen, er zahlt ein angemessenes Fixum. Er verzichtet konsequent auf Fördergeld und Zuschüsse von Sponsoren, „weil das nur unnötig Arbeit bedeutet und einen in Abhängigkeiten treibt“. Der 58-Jährige macht lieber fast jeden Handgriff selbst, plakatiert dafür nirgends und bucht ausschließlich Musiker, die er selbst gerne hören will. Rentabilität? Ist ihm völlig egal. „Erfolg spielt für mich keine Rolle, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich immer eine volle Hütte haben will.“ Er zieht ein Gesicht, als hätte er in einen Apfel gebissen, der nach Zitrone schmeckt. „Nee, zu viele Leute wären nur ein Problem: Ich würde niemanden wegschicken, aber genauso wenig auf entspannten Musikgenuss verzichten wollen.“ Wozu sollte er auch? Er ist ja auch kein Klubbetreiber, sondern privater Gastgeber; bei ihm ist man zu Besuch, wenn man für ein Saxstall-Konzert ins Dorf rollt.

Wiesen, Felder, Bäume, Blumen, Kühe und gackernde Hühner, zwischendrin plätschert die Wilde Sau. Pohrsdorf liegt einfach idyllisch am Rande des Tharandter Waldes. Doch hierher muss man schon gezielt abbiegen, zufällig fährt keiner durch. Zwischen Dorfstraße und Kirchweg, ein kleines Stück bergan, leuchtet weiß ein respektabler Vierseithof. Davor üppiges Grün, mittendrin ein Nussbaum, um den herum viel Platz auf pflegeleichtem Granitpflaster bleibt. „Im Sommer mache ich die Konzerte am liebsten hier draußen“, sagt Eckard Schleiermacher. „Da wird die Luft nie knapp.“ Im Saal, dem einstigen Schweinestall, passiert das regelmäßig. Drängen sich Dutzende in die Reihen aus wild zusammengewürfelten Stühlen, perlt bald auf der ersten Stirn der Schweiß.

Erst singen, dann laufen

Eng geht es im Saxstall schon deshalb zu, weil sich hier Schleiermachers Vorgänger-Hobby in Vitrinen und an den Wänden manifestiert. Rund 100 Saxofone – von der raren Kontrabassausgabe bis zur Miniaturversion, von 150 Jahre alten Originalen aus der Werkstatt des Erfinders Adolphe Sax bis zu modernen Instrumenten – hat er mit sich stetig steigerndem Sachverstand zusammengetragen. Vor ein paar Jahren waren es noch ein paar Saxofone mehr, doch dann wechselte Schleiermacher das Metier und fror den Bestand auf 100 Stück ein. „Ich sammle keine Saxofone mehr“, sagt er mit einem Lächeln, dass er fast ausschließlich mit seinen braunen Augen zustande bringt. „Jetzt sammle ich Konzerte.“

Auf dem Weg dahin schlug er ein paar Haken. 1958 in Halle in eine musikalische Familie hineingeboren, war er als Schüler Mitglied im Stadtsingechor, einem der ältesten Knabenchöre Deutschlands. Während sein kleiner Bruder Steffen Schleiermacher vom Chor weg gleich bei der Stange blieb, Musik studierte und als Pianist wie Komponist längst eine Koryphäe ist, wollte der Ältere lieber laufen. Eckard Schleiermacher ging an die Sportschule, hetzte sich als Leichtathlet bei Wettkämpfen ab. Ein bisschen strafft sich die Haltung, als er wie nebenbei bemerkt: „48 Sekunden auf 400 Meter, das war meine Bestzeit.“ Um weiter trainieren zu können, suchte er sich einen Studiengang, der die nötigen Freiräume versprach und landete bei der Pharmazie. Während der Ausbildung lernte er seine Frau kennen, zog mit ihr nach Dresden und später auf den Hof ihrer Eltern nach Pohrsdorf. „Das Anwesen ist seit dem 17. Jahrhundert in Familienbesitz, wir sind die erste Generation, die ihr Geld nicht mehr mit Landwirtschaft macht.“ Schleiermachers machen das mithilfe ihrer Apotheken; seine steht in Klingenberg. 1994 funktionierte er die einstige Kinderkrippe um, schmiss vorher seinen Job in der Forschungsabteilung des Radebeuler Arzneimittelwerks. Zu viele schnieke Klugscheißer, zu wenige klare Perspektiven. „Jetzt bin ich mein eigener Herr“, sagt Schleiermacher, fährt sich durchs etwas verwilderte Grauhaar und lässt sich gegen die Gartenstuhllehne fallen. „Ich verdiene mein Geld, und ich gebe es auch aus.“ Ganz kurz nur grinst er. „Natürlich könnte ich mit einem Porsche die Straße hoch- und runterbrettern. Aber nein, ich stecke meine Euro lieber in Konzerte.“

Er veranstaltet aber nicht nur Konzerte, er gibt sie regelmäßig selbst, etwa mit der von ihm initiierten Apotheker Big Band. Der Pohrsdorfer Ex-Saxofonsammler spielt natürlich Saxofon. Dass er das überhaupt kann, verdankt er seinem Sohn Johannes, Jahrgang 1984, der es wiederum auf diesem Instrument zu einigen Meriten und zu Anerkennung in der deutschen Jazzszene brachte. „Als mein Sohn elf war, wollte er ein Instrument lernen“, erzählt der Vater. „Ich war sofort für Saxofon und dachte insgeheim: Da lernst du das gleich ein bisschen mit.“ Anfangs teilten sie sich ein Instrument, für erste Duette musste der Lehrer seines rüberreichen. „Dann hatte ich genug: Ich habe mir ein Saxofon gekauft und war sofort scharf aufs Nächste.“

Jazz statt Urlaub

Rund die Hälfte seiner Sammlung ersteigerte Schleiermacher via Ebay in Übersee, Instrumentenbauer überließen ihm zudem ausrangiertes Gerät. Der Saxstall wurde so auch zu einem Gnadenhof für Saxofone. Deren Hüter brach jedoch noch einmal aus, um seinen Körper zu schinden: „Mit 40 fing ich an, Marathon zu laufen. So richtig heftig, inklusive der 72-Kilometertour über den Rennsteig.“ Auch hierbei war ihm der messbare Erfolg wurscht, dabei sein, durchhalten – damit machte er die für sich entscheidenden Wertungspunkte.

„Nach der ersten Hüftoperation hatte sich das erledigt. Jetzt halte ich mich eben ganz an die Musik.“ Nicht einmal Urlaub brauche er, den mache seine Frau längst ohne ihn. „Wozu soll ich auch wegfahren, wenn ich es hier so schön habe?“ Zeit bliebe ihm dafür sowieso nicht, denn im Gegensatz zu den Klubs zieht er ohne Sommerpause durch. Und ohne ihn würde im Saxstall nichts laufen, seine Konzerte sind tatsächlich seine Konzerte und kein Spaß für die ganze Familie.

Manchmal helfe seine Frau mit, besorge die Blumen, die jeder Künstler nach dem Auftritt bekommt, manchmal springe auch seine Tochter, eine angehende Lehrerin, bei der Vorbereitung ein. Manchmal aber fliehe sein Schwager, weil er keine Lust auf den Trubel habe, vom Familienhof, manchmal verzupften sich alle, um irgendwo anders Ruhe zu finden. Und fast immer entgeht ihnen so etwas, denn Eckard Schleiermacher holt meist Musiker ins Dorf, die jedem großstädtischen Klub zur Ehre gereichen würden. Aus ganz Deutschland, aus Europa, aus Übersee kommen sie und staunen. So familiär es auf dem Hof auch zugeht, so professionell läuft jeder Auftritt ab. Zudem sei das Publikum überwiegend diszipliniert, „weil es ja quasi bei mir privat zu Besuch ist“. Aus dem Dorf, aus Nachbargemeinden, aus Dresden, Radebeul, selbst aus dem Erzgebirge reisen Leute an. Einige von Schleiermachers Nachbarn hatten im Saxstall ihren Erstkontakt mit Jazz und dennoch keine allergischen Reaktionen. „Manche kamen allerdings nie wieder.“ Macht nichts, an seiner Linie, modernen Jazz gerne auch etwas experimenteller zu servieren, mit Folk, Blues und Verwandtem anzureichern, halte er bedingungslos fest. Weil ihm die Auslastungsquote ganz egal, selbst ein Konzert mit weniger als zehn Gästen kein Grund zum Jammern ist. Denn: „Hobbys kosten nun mal Geld. Punkt.“

Längst stehen die Musiker Schlange, um in Pohrsdorf zu spielen. Im Schnitt landen bei Schleiermacher drei bis vier Mail-Anfragen täglich. „Meine Telefonnummer bleibt geheim, sonst käme ich vor lauter Anrufen nicht zum Arbeiten.“ Das Programm stehe für Monate, doch seine Neugier bleibe wach. „Bietet sich was Frisches, besonders Vielversprechendes an, versuche ich das schon unterzubringen.“ Inzwischen weiß er auch, was er auf keinen Fall in eine Ankündigung auf seiner Website schreiben darf. „Interessante junge Band – das ist ein Killer, da kommt keiner.“ Eigentlich unerheblich, denn dann hätte Schleiermacher die Band für sich und wenig Stress drumherum. „Na ja. Schöner ist es schon, wenn ich das Erlebnis teilen kann.“

Konzerttermine und Anfahrtshinweise gibt es unter www.saxstall.de

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