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Freitag, 04.05.2018

Wie Ulbricht beim Turnen

Wer einen Scharlatan zum Hoffnungsträger erklärt, macht Bildung zur Statusprotzerei.

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Beunruhigende Nachrichten erreichen uns aus dem Vereinigten Königreich. Die Hochschulen des Landes melden einen sprunghaften Anstieg der Zahl der aufgedeckten akademischen Betrügereien. Schon sorgt man sich um den Ruf so elitärer Einrichtungen wie Oxford und Cambridge. Deutsche Universitäten könnten gewiss Ähnliches melden, lassen es aber lieber bleiben, um ihr Image nicht unnötig selbst zu beschmutzen. Immerhin zivilisiert sich der Betrug: Viele Studenten klauen die Texte für ihre Abschluss- und Doktorarbeiten nicht mehr zusammen, sie lassen sie gleich komplett gegen ordentliche Bezahlung von professionellen Geisterschreibern verfassen.

Solche Meldungen befeuern den Zorn jener Pessimisten, die schon lange über den Niedergang von Bildung und Kultur im Lande klagen. Seltsam ist allerdings, dass diese Kritiker oft aus den Reihen jener Rechtsparteien stammen, die seit Jahren einen Krieg gegen Kultur und Bildung führen. Sie sind es ja, die einen Scharlatan wie den Freiherrn Guttenberg noch heute als Hoffnungsträger feiern und damit der Betrügerei die Absolution erteilen. Sie verkleinern die Bildung zur eitlen Statusprotzerei oder unterwerfen sie dem Maßstab technischer Nützlichkeit. Sie streichen mit gutem Gewissen aller Kunst die Unterstützung, die sich nicht als „Kreativwirtschaft“ gewinnbringend vermarkten lässt. Wenn solche Vertreter der Bildungsferne mir etwas über Bildung beibringen wollen, wirkt das auf mich so komisch wie die Bilder des seligen Walter Ulbricht beim öffentlichen Turnen.

Aber wozu sich ärgern? Es hat doch alles seine Richtigkeit. Begabte junge Akademiker, die arm bleiben, weil sie nicht über die Beziehungen verfügen, die nötig sind, um gut bezahlte Posten zu ergattern, schreiben kluge Arbeiten für reiche Dummköpfe, die Zeugnisse brauchen, um die Posten ihrer Eltern erben zu können. So finden reibungslos Angebot und Nachfrage auf dem Markt zueinander.

Ist das nicht ein wunderbares Beispiel für die herrschende Gerechtigkeit, in der sich am Ende alles ausgleicht? Ich werde jedenfalls von nun an immer daran denken, wenn mir irgendein Spielverderber einreden will, es seien gar nicht die „Leistungsträger“, die in unserer Gesellschaft an der Spitze stehen. Sondern die Rücksichtslosesten und Gerissensten.