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Montag, 29.01.2018

Wie tötet man eigentlich ein Kind?

Am Schauspiel Leipzig wird „König Ubu“ zum bitterkomischen Tribunal für Massenmörder.

Von Ute Grundmann

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Die Schraube der Absurdität dreht sich immer weiter in „König Ubu“ am Schauspiel Leipzig.
Die Schraube der Absurdität dreht sich immer weiter in „König Ubu“ am Schauspiel Leipzig.

© Rolf Arnold

König Ubus Hof ist ein Tollhaus. Grausamkeiten werden versungen, über Morde wird gelacht, der Hofstaat steckt in Show-Klamotten, Ubu selbst in einem zu engen Jackett über blankem Oberkörper. Als schriller, schier endloser Witz geht Alfred Jarrys Groteske „König Ubu“ über die große Bühne des Schauspiel Leipzig; bei seiner Uraufführung 1896 in Paris machte das Stück noch Skandal, auch, weil es mit dem Wort „merde!“ („Scheiße!“) begann. Darüber regt sich heute niemand mehr auf. Aber vielleicht über einen Massenmörder, der sich seiner Taten brüstet, dabei ungestraft bleibt und immer nach mehr Blut und Geld giert? Das scheint Claudia Bauer, seit 2015 Hausregisseurin in Leipzig, fragen zu wollen.

Denn ihre Inszenierung, die am Sonnabend Premiere hatte, beginnt nicht mit Jarry, sondern mit Simon Stephens „Ubus Prozess“. In einem nüchternen, kurzen Dokudrama stellte er 2012 Ubu vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und so startet der zweistündige Abend, bei noch offenen Saaltüren, in steifem Gerichtsdeutsch, mit dem das Tribunal sich aus dem Off vorstellt, die besondere Art der Verbrechen erläutert, deretwegen Ubu angeklagt ist. Der steckt derweil in einer Videobox wie in einer engen Zelle, dreht und wendet den feisten, nackten Körper, feixt und starrt mit aufgerissenen Augen.

Unterschrift mit Klobürste

Dann steigt Ubu (Roman Kanonik) aus der Box heraus, ist im rosa Anzug nun live auf der Bühne, zusammen mit seiner Frau, die in einem engen, üppigen Abendkleid steckt. Julia Preuß spielt sie als keifende, zickige, machtgierige Nervensäge, ist aber leider nur schwer zu verstehen. Die Ebenen Film und Schauspiel behält die Inszenierung bis zum Ende bei. Claudia Bauer verfremdet Jarrys Groteske, für die der französische Surrealist André Breton den Begriff „schwarzer Humor“ prägte, gleich mehrfach. Denn bei Ubus bricht im riesigen, halbrunden, gülden schimmernden Saal, den Bühnenbildner Andreas Auerbach gestaltet hat, eine Party los.

Vier Verschworene Ubus kommen herein. Es sind Daniel Barke, Diana Labrenz, Maike Lindermann, Friedrich Rau, die das A-capella-Ensemble Voxid bilden. Sie veranstalten erst mal eine Bussi-Orgie und singen dann ihre Texte. Sie wurden von Kostümbildnerin Vanessa Rust mit rosa Show-Klamotten und Frisuren wie aus den 1950er Jahren ausgestattet. Sie bewegen sich und betonen ihre Worte bewusst komisch. Da wird im gehopsten Stechschritt paradiert, wenn Ubu ihnen droht, fallen alle zusammen. Mal sind nur gesungene Laute zu hören, mal wird starr aufgesagter Text mit A-cappella-Gesang unterlegt. Und ein gesungenes Lachen seiner Mit-Verschwörer kontert Ubu mit „der König wird trotzdem massakriert“. Roman Kanonik gibt diesen grotesken König als Machttier und Urviech, aber auch weinerlich und unterwürfig. Nichts ist hier natürlich, alles wird ausgestellt, dabei geht es doch auch um Plan und Ausführung eines Königsmordes. Das wiederum zeigt ein Video in übertriebener Stummfilmmimik der Zeit Alfred Jarrys.

Und auch auf der Bühne wird es drastisch: Ubu signiert mit einer kotverschmierten Klobürste Papiere, die er so stolz herzeigt wie Donald Trump seine Dekrete. Später wird noch das Wort „Lügenpresse“ fallen, Ubu vor dem Tribunal den Mielke-Satz „Ich liebe doch alle Menschen“ sagen. So setzt die Regisseurin kleine Widerhaken, an denen sich Ähnlichkeiten, Parallelen zur heutigen Realität festhaken können.

Aber sie dreht auch die Schraube der Absurdität immer weiter: Da bringen tanzende Tortenkellner Süßes herein, das ans Publikum verteilt wird, natürlich landen Torten auch in Schauspielergesichtern. Mehrfach überschreitet das überzogene Spiel auch die Grenzen zur Nervigkeit, weil die Lächerlichkeit der Figuren nie gefährlich wird. Mit dem Schlussteil der Inszenierung passen die Elemente dann plötzlich zusammen, fügen sich wie die letzten Teile eines Puzzles. Denn da steht Ubu wieder vor dem unsichtbaren Tribunal, dem ein Arzt nüchtern von Obduktionen der über 1 000 Mordopfer berichtet, ein Zeuge fast ungerührt die Frage beantwortet, wie man denn ein Kind tötet. Und während Ubu droht, flucht und sich immer noch mit seiner Macht brüstet, breitet sich der kalte Schrecken seiner Taten und der anderer Diktatoren aus.

Claudia Bauer nutzt Simon Stephens Doku-Drama als Klammer und als Spiegel, um so zu fragen, wie man denn mit solchen Tätern umgehen soll: Ist es besser, sie lächerlich zu machen oder sie vor Gericht zu stellen? Eine direkte Antwort gibt sie nicht und auch das Tribunal bricht kurz vor dem Urteil abrupt ab. Begeisterter Beifall im Schauspiel Leipzig.

Wieder am: 3. und 24. Februar, Schauspiel Leipzig. Kartentel. 0341 1268168

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Martin

    Liebe Redaktion, der Titel ihres Artikels erscheint mir in Anbetracht zum gestrigen Tatort, über den Sie heute auch berichten, sowohl gegenüber allen betroffenen Eltern äußerst unpassend.

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