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Montag, 08.10.2018

Wie eine brave Mutter ihre Tochter als Kriegerin überrascht

Von Bettina Ruczynski

Auflagenmillionärin Karin Slaughter beleuchtet in ihrem neuen Thriller die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen. Foto: imago
Auflagenmillionärin Karin Slaughter beleuchtet in ihrem neuen Thriller die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen. Foto: imago

© imago/Lumma Foto

Das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern ist zuweilen ein recht spezielles. Das scheint auch bei Andrea Oliver und ihrer Mutter Laura so zu sein. Die Mittdreißigerin Andrea steckt fest. Nicht nur, dass es mit der Karriere in New York nicht recht klappen will – sie weiß überhaupt nicht, wohin mit sich und ihrem Leben. Als ihre Mutter an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt, lässt sie alles stehen und liegen und geht zurück in den Süden, um der Mutter beizustehen.

Mit der ihr eigenen subtilen Raffinesse zeichnet Karin Slaughter die faszinierenden Schicksale von zwei eng miteinander verbundenen Frauen. Gleichzeitig kippt sie eine der beiden aus allen Gewissheiten und die Leser gleich mit. Denn als ein Amokschütze das Schnellrestaurant eines Einkaufszentrums überfällt, stellt sich ausgerechnet die harmlose Logopädin Laura dem Attentäter wie eine im Nahkampf geschulte Kriegerin entgegen. Die Mittfünfzigerin schneidet ihm zielgerichtet die Kehle durch und beendet mit dieser brutalen Tat sein Morden. Das wirft Fragen auf, nicht nur bei den ermittelnden Polizisten, sondern vor allem bei Andrea. Wie gut kennt sie ihre Mutter? Wer ist diese Frau, die plötzlich Saiten aufzieht, die so gar nichts zu tun haben mit der gutmütigen und gescheiten Person, die Andrea ihr Leben lang als ihre Mutter zu kennen glaubte?

Am Ende wird der Böse besiegt

Karin Slaughter dreht 542 Seiten lang am Spannungsschräubchen – Steigerungen inklusive! – und lässt ihre Leser erst ganz am Schluss vom Haken. Die Übersetzung besorgte Fred Kinzel. Das ist großes Kino, wie man es von der US-amerikanischen Schriftstellerin kennt. Doch diesmal hat sich die 47-Jährige selbst übertroffen, denn die in zwei Zeitebenen erzählte Geschichte ist um etliches dichter, komplexer und psychologisch anspruchsvoller als viele ihrer bisherigen Bestseller. Die Autorin spart nicht mit Schrecknissen und schickt ihre beiden ungewöhnlichen Heldinnen durch etliche Höllen.

Als Laura kurz nach der Tat von einem Fremden bedroht und gefoltert wird, rettet Andrea ihrer Mutter das Leben. Schlotternd vor Angst befördert sie den Angreifer mit einer gusseisernen Bratpfanne, die sich als recht wirkungsvolle Hiebwaffe erweist, erst zu Boden und dann ins Jenseits.

Bei der anschließenden Flucht quer durch die USA – dabei immer den Hinweisen und Wegmarkierungen der Mutter folgend – erkennt Andrea Zusammenhänge, die in eine dunkle Vergangenheit führen, wie sie sie nie für möglich gehalten hätte. Sämtliche Wahrheiten in ihrem Leben und in dem ihrer Mutter ändern die Vorzeichen oder lösen sich komplett auf. Mit „Ein Teil von ihr“ zeigt sich Karin Slaughter in Bestform. Mit über 35 Millionen verkauften Büchern in 37 Sprachen gehört sie zu den erfolgreichsten Autorinnen der Welt. Ihr Thema: „Ich schreibe über Verbrechen, die Frauen angetan werden“, so die bekennende Feministin, die mit ihrer Frau in Atlanta, Georgia, lebt. „Aber am Ende wird der Böse dann zur Strecke gebracht. Das ist doch eine Erleichterung.“ So zum Glück auch diesmal; wenn auch nur knapp. Doch das Verhältnis von Mutter Laura und Tochter Andrea bleibt ein spezielles. Und auch das ist in Ordnung.

Karin Slaughter: Ein Teil von ihr.

Harper Collins, 542 Seiten, 22 Euro

Hörbuchlesung: Nina Petri. Lübbe Audio

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