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Dienstag, 15.05.2018

Wie die Stasi den Osten verkaufte

Auch die Nachwende-Staffel der ARD-Serie „Weissensee“ bot viel gute gemachte Unterhaltung. Nur: Warf sie neue, andere, sogar typisch ostdeutsche Blicke zurück?

Von Oliver Reinhard

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Neues System, neue Verdienstmöglichkeiten: Nach der Wende stellt Stasioffizier Falk Kupfer (Jörg Hartmann, l.) sich, seine Kontakte und seine Methoden in den Dienst des – natürlich adeligen – West-Managers Hermann von Stein (Bernhard Schütz).
Neues System, neue Verdienstmöglichkeiten: Nach der Wende stellt Stasioffizier Falk Kupfer (Jörg Hartmann, l.) sich, seine Kontakte und seine Methoden in den Dienst des – natürlich adeligen – West-Managers Hermann von Stein (Bernhard Schütz).

© c ARD/Frederic Batier

Frage in die Runde: Sind Sie in der DDR erwachsen geworden? Haben auch Sie eine Familienbiografie, in der die Staatssicherheit eine zentrale Rolle spielte, Angehörige wahlweise in den Knast kamen oder gedopt oder nach der Geburt ausgetauscht oder nach der Wende Nazis oder für West-Glücksritter oder die Treuhand tätig wurden? Nicht? Seien Sie froh. Es wäre Ihrem Wohlbefinden eher abträglich gewesen, wie man nun in der vierten Staffel „Weissensee“ über Familie Kupfer aus Ostberlin sehen konnte, die sämtliche dieser Schicksalsschläge im Angebot hatte. Der Tenor vieler Einwände gegen die ARD-Erfolgsserie: Sie bürde dem armen Kupfer-Clan so ziemlich alles auf, was der SED-Staat an Unterdrückungsinstrumenten vorrätig hatte. Und damit erheblich zu viel, um ein glaubwürdiges Bild der historischen Realität zu zeichnen. Sogar aus ostdeutscher Perspektive, wie das Erste versprach.

General mit Gewissensbissen

So ging es auch nach der Wende weiter: Der älteste Kupfer-Sohn Falk, nun im Rollstuhl, stellt sich samt seiner Stasi-Kontakte und -Methoden einem gierigen Westkonzern zur Verfügung. Zudem verliebt er sich unter seinem Tarnnamen „Schmitt“ ausgerechnet in eine Physiotherapeutin, die noch immer an ihren fünf Jahren Stasi-Knast leidet. Währenddessen arbeitet Exfrau Vera für die Treuhand, leitet Bruder Martin einen Ostbetrieb, der von Westberatern zerstört wird. Zur selben Zeit schmuggelt Mutter Marlene für einen Stasi-General die SED-Millionen über die Schweiz weißgewaschen zurück, fliegt das Paar Nicole und Peter nach Mallorca direkt in die Bar jenes MfS-Killers, der einst Nicoles oppositionellen Bruder umgebracht hat. Man muss sich glatt wundern, dass die Stränge um Martins Model-Tochter und Falks Nazi-Sohn ganz ohne Stasi auskommen ...

Gleichwohl geht die Kritik am exemplarisch-erzählerischen Überladen der Kupfers zumindest großteils ins Leere. Denn ob Grimmelshausen oder Goethe, Stendhal oder Seghers, Boyle, Bolaño oder Benjamin Button; immer schon hat die Literatur und später mit ihr der Film Figuren erdacht, in denen sich stellvertretend für ihre jeweiligen Epochen und Gesellschaften das große Ganze und ganz Große der Weltgeschichte als persönlich im Kleinen Erlebtes brenngläsern bündelt. Und da die Weissensee-Ausdenker sich unter anderem vorgenommen hatten, etwas differenziertere Blicke auf jenen dunklen Planeten namens Stasi zu werfen, ist auch die Schwerpunktsetzung immerhin nachvollziehbar.

Dass manches an dieser Differenzialrechnung aufgeht, liegt erheblich an der Charakterkunst von Uwe Kockisch und Jörg Hartmann als Vater Hans und Sohn Falk Kupfer. Kockisch legt seinen Stasi-General als alternden Idealisten an, der keine Zweifel an der Richtigkeit des Ziels namens sozialistische Gesellschaft hat. Dafür jedoch mehr und mehr an den Methoden, für die auch er einsteht. Es gehört zu den sehenswertesten Momenten, wenn des Generals Gewissensbisse schärfer werden, je tiefer sich die Auswirkungen der Unterdrückungsmaßnahmen auch in seiner Familie niederschlagen – und je unbarmherziger sich in Falk der Wille zum Jetzt-erst-recht-Durchgreifen verhärtet.

Aber da ein Zuviel an kontinuierlicher Läuterung eben zu viel wäre, benötigt Falk als mit dem Vater konkurrierender und sich von ihm ungeliebt fühlender Sohn wesentlich mehr Zeit und Schläge wie etwa die öffentliche Forderung Hans Kupfers um Offenlegung der Stasi-Akten, um ins Grübeln zu kommen. Dass dies erst spät geschieht und für Falk zu spät, ist eine weitere Stärke von „Weissensee“, das sich selbst und seinen Zuschauern klugerweise kein kollektives Happy End gönnt. Und so starke, ebenso hindernis- wie rückschlagreiche Lieben wie die zwischen Hans und seiner Frau Marlene sowie zwischen Falk und Petra sieht man sehr selten im Fernsehen.

Nur: Obschon sich Klischees fast nur in Nebenrollen tummeln, sind das am Ende zu viele, als dass sie sich einfach versenden würden. Die kalten West-Abzocker, der peinliche Oberneonazi, der Stasi-Knecht in Treuhanddiensten, vor allem MfS-General- und Wendegewinnler Gaucke bleiben als Pappgenossen aus der Frühzeit der gesamtdeutschen DDR-Filme letztlich mottenkugeliger als die Volkspolizei erlaubt.

BRD auch nicht besser als DDR?

Was aber war nun neu an dieser anders sein sollenden Ost-Perspektive auf die Spätachtziger und Frühneunziger? Neben der vielschichtigeren Darstellung zweier MfS-Männer, der lange nur verteufelten Treuhand und einem ansehnlichen Maß an Schilderungen dessen, was beim Wiedervereinigen so alles schiefgelaufen ist?

Nicht viel. Im Gegenteil unterscheidet sich gerade wegen der Fixierung auf die Staatssicherheit als auch nach der Wende Überall-Strippenzieher der Blick durch die „Weissensee“-Brille kaum von jenem, der schon in den frühen Neunzigern das Bild des Ostens vor und nach 1989 in den medialen Darstellungen dominierte: Fast alles war erst Stasi und Unterdrückung, dann Übernahme, Ausbeutung – und immer noch Stasi. Wenn obendrein laut Drehbuch gleich mehrere Serienfiguren sagen dürfen, es sei nach 1989 auch nicht besser als davor, muss sich das Erste ernsthaft fragen lassen: Haltet Ihr das echt für „die“ ostdeutsche Perspektive aufs Gestern und Heute?

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Manfred Hengst

    Wenn es die Stasi nicht gegeben hätte wäre nur eine Folge nötig gewesen. Warum nur gibt es wenig Filme über das Treiben ehemaliger Nazis in Westdeutschland. Es gibt nicht zwei Wahrheiten. Den sogenannten Geldtransfer der Stasi über Moskau wurde ellenlange Dialoge gewidmet, dem Betrug bei der Treuhand nur weniger Sätze. Auch hier wieder zwei Wahrheiten . Aber sie werden schon ihre Filmpreise bekommen.

  2. Moritzburger

    @1: Woher haben sie eigentlich das Märchen, dass Nazis nur in Westdeutschland Ihr Unwesen trieben und in der DDR alles vorbildlich lief? Jeder einigermaßen seriöse Historiker wird ihnen genau das Gegenteil beweisen können. Nazis konnten in der DDR genauso gut Karriere machen wie in der Alt-BRD. Und dass die Treuhand installiert wurde, haben wir der Deutschen Liebe zu Behörden zu verdanken. Es wären andere marktwirtschaftliche Lösungen möglich gewesen, aber die damaligen Regierungen beider deutscher Staaten wollten das direktiv von oben regeln. Mit bekannten Ergebnissen.

  3. Manfred Hengst

    Ich hab nichts drüber geschrieben ,das es auch in der DDR ehemalige Nazis gab , die Posten erhalten haben. Darüber haben zahlreiche westdeutsche "Historiker" nach 1990 genug geschrieben. Auch ein Programm zur Vertuschung der eigenen Missstände. Empfehlung : Einfach mal die Studien über die Verflechtung von Nazis im Außen und Justizministerium lesen. Es gibt eben auch andere Filme wie der über den Frankfurter Prozeß.

  4. Ellen de Combat

    Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen und meine Empörung über den heutigen Artikel im Feuilleton von Herrn Oliver Reinhard zum Ausdruck zu bringen. Sein westdeutscher herablassender Zungenschlag über die Fernsehserie "Weissensee" ist nicht zu überlesen. In einer sächsischen Ausgabe einer Zeitung habe ich mehr Fingerspitzengefühl und Geschichtswissen erhofft. Bitte stellt dem Herrn aus Paderborn dringend einen Redakteur mit Erfahrung aus der DDR an die Seite. Freundliche Grüße.

  5. Moritzburger

    @3: Sie versuchen es ja schon wieder. "Westdeutsche Historiker hätten ein Programm zur Vertuschung der eigenen Missstände geschrieben". Diese Behauptung können Sie bestimmt belegen. Ansonsten ist es eine glatte Lüge. Die Fakten: Im Jahr 1954 waren 27 Prozent aller Mitglieder der SED zuvor in der NSDAP und 32,2 Prozent aller Angestellten im Öffentlichen Dienst der DDR ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen. Die Liste der Nazis in Amt und Würden der DDR ist genauso lang wie die in der Alt-BRD: Bei einem Viertel der Einwohner!! In den 80er Jahre haben Stasi und SED mit Nazis aus dem Westen sogar kooperiert. Das sind alles nachprüfbare Fakten. Sparen Sie sich also ihre Relativierungen und Geschichtsverdrehungen. @4. Wo finden Sie denn den westdeutschen herablassenden Zungenschlag? Werden Sie mal konkret und nicht so pauschal. Oder zelebrieren Sie jetzt das „ostdeutsche Duckmäusertum“?

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