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Donnerstag, 03.05.2018

Wer ist hier der Herr im Land?

Herzlich durchgeknallt: Oskar Roehler verfilmt mit „Herrliche Zeiten“ einen Roman des AfD-Wahlkämpfers Thor Kunkel.

Von Oliver Reinhard

Evi (Katja Riemann) und Claus (Oliver Masucci, r.) beuten für den Bau ihres Pools Rumänen wie Sklaven aus.
Evi (Katja Riemann) und Claus (Oliver Masucci, r.) beuten für den Bau ihres Pools Rumänen wie Sklaven aus.

© Concorde Filmverleih

So kann Deutschland auch beschreiben, wer will: „Ein Land von Schwuchteln, regiert von einer Frau, die sie Mutti nennen.“ Heftige Sache. Erst recht, wenn es aus dem Großmaul eines herzlich antipathischen Arabers kommt. Aber dieser Mohammed ist nun mal herrisch, brutal, von mittelalterlichen „Tugenden“ beseelt und hegt nur Verachtung für unsere Konsensrepublik samt der sie dominierenden Bourgeoisie. Auch für den Nachbarn Claus, diesen neureichen Schönheitschirurgen in seinen Papageienklamotten. Umso erfreuter ist Mohammed, als Claus sich doch noch anschickt, vom Schlaffi zum Schikanör zu werden. Sogar zum Mörder. Mithin zu Mohammeds „Bruder“.

Der Scheichsohn ist nicht die Haupt-, aber eine zentrale Nebenfigur in Oskar Roehlers neuem Film „Herrliche Zeiten“. Der stand schon im weiten Vorfeld unter strenger medialer Beobachtung. Denn der einst mit „Die Unberührbare“, „Der Alte Affe Angst“ und „Elementarteilchen“ zum genialischen Aufmischer des deutschen Films aufgestiegene Roehler hat sich zuletzt immer wieder dezidiert konservativ geäußert. Sein jüngster Roman „Die Selbstverfickung“ war eine einzige Krawallbürste, mit der er die Political Correctness hinwegfegen wollte. Nun also „Herrliche Zeiten“. Nun ein Film nach Motiven des Romans „Subs“ von Thor Kunkel, zentraler PR-Manager der AfD in der letzten Bundestagswahl. Klingt ziemlich gezielt nach „Alarmstufe Rechts“. Was Roehler trotzdem ein wenig erbost: Als er sich für „Subs“ entschieden habe, sei Kunkels AfD-Hang noch gar nicht bekannt gewesen.

Claus merkt ebenfalls erst spät, welche Mächte in ihm schlummern. Viele Freuden hält das Leben für den Simpel nicht bereit, zumal Gattin Eva ein hochneurotischer Pflegefall ist. Umso lieber nehmen sie das Angebot von Bartos an, der sie fortan bekocht, putzt, Claus sogar seine massagekundige Frau Lana zwecks Schweinkram leiht, überhaupt Mädchen für alles ist und seinen Arbeitgeber „Herr“ nennt. Zwar will Bartos kein Geld. Doch wird bald klar, dass er sehr wohl eine Agenda hat.

„Herrschaftliche Haltung muss man erlernen“, lautet sein Lehrziel für Claus. Und obwohl der zunächst zögert, verführt ihn Bartos teufelsgleich Schritt für Schritt zum Herrischen und Ausbeuterischen. Er lässt rumänische Sklaven im Garten einen Pool ausheben und bringt Claus dazu, einen bockigen Arbeiter niederzuknüppeln, dann die Leiche im Fundament zu vergraben.

Für Eva ist das zu viel. Sie bewegt Claus, Bartos samt Gattin vor die Tür zu setzen – und findet durch diesen Befreiungsschlag so viel Selbstvertrauen, dass sie wie verwandelt und das Paar so glücklich wie nie wird. Leider sind Bartos und Lana bald zurück. Mit Videos erpressen sie ihre ehemaligen Brötchengeber. Verzweifelt bittet Claus Mohammed um Hilfe. Der gewährt sie auch. Und wie ... Ausgerechnet der sinistre Araber ist keine Erfindung Thor Kunkels; er wurde hinzugefügt von Roehler und seinem Autor Jan Berger. Auch sonst erweist sich Oskar Roehler seines Rufes als Provokateur wieder mal würdig: Der „Er ist wieder da“-Hitler Oliver Masucci spielt Claus, Katja Riemann dessen Gattin Evi, und dass ihnen ausgerechnet der arabische Nachbar eine unbesorgte Zukunft garantiert, greift überdeutlich das Motiv von Michel Houellebecqs Roman „Die Unterwerfung“ (Europas unter den Islam) auf.

Damit dürfte der bekennende 68er-Abrechner sein Hauptziel erreichen und mit „Herrliche Zeiten“ dem aktuellen Affen der Debatte um ein Ausbreiten neurechter Künstler ordentlich Zucker geben. Den kann man natürlich schlucken. Oder es lassen und das Kunstwerk vor allem unter filmischen Aspekten betrachten.

Wieder mal lässt Roehler seine Hauptdarsteller zwischen Knallcharge und Charakterkunst changieren, greift wollüstig in die Farb- und Ausstattungstöpfe und macht ein trashig-böses Funny Game daraus. Dem tropft die Liebe des Regisseurs zum US-Independentkino eines Quentin Tarantino oder Robert Rodriguez aus jedem Knopfloch. Es zeigt aber zudem, dass Oskar Roehler seine einstige Größe noch nicht wiedergefunden hat; Frust und Zorn sind auch im Kino keineswegs die besten Ratgeber.