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Montag, 12.12.2016

Wenn es plötzlich kracht

Vom Opfer zum Täter: „Gott wartet an der Haltestelle“ erzählt im Dresdner Kleinen Haus von den Motiven einer jungen Terroristin.

Von Sebastian Thiele

Wer hat Schuld? Yael (Laina Schwarz) oder Amal (Henriette Hölzel)?
Wer hat Schuld? Yael (Laina Schwarz) oder Amal (Henriette Hölzel)?

© K. A.

Der Countdown läuft. Warnschreie gellen, Kellner hetzen umher und gestikulieren wild. Keiner reagiert. Verkrampft wartet das Publikum auf die Explosion. Doch die Katastrophe auf der Bühne kommt mit gespenstischer Stille. Die Spieler erstarren. Die Zuschauer schauen ihrem eigenen Tod zu. Was für eine Bombe ging da soeben hoch im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels?

In „Gott wartet an der Haltestelle“ von Maya Arad Yasur treffen zwei Frauen an einer israelischen Grenze aufeinander: Eine israelische Soldatin, ambivalent dargestellt von Laina Schwarz, missachtet aus Menschlichkeit die Vorschriften. Eine junge Palästinenserin, die Henriette Hölzel engagiert spielt, stellt sich schwanger. Wenig später fliegt ein voll besetztes Restaurant in Haifa in die Luft. Das ist tragischer Terroralltag in Israel und nicht die erste Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden, die das thematisiert. Aber vielleicht besitzt diese deutsche Erstaufführung, die am vergangenen Freitag Premiere feierte, besondere Strahlkraft und findet sich in Spielplänen anderer deutscher Theater wieder.

30 Opfer. Die Täterin steht fest. Doch wer trägt die Schuld? Die Soldatin Yael, welche die Palästinenserin Amal ohne Passierschein einreisen lässt? Der Taxifahrer, der Amal ohne Passierschein ins Restaurant fährt? Die israelische Grenzstation, die den Tod von Amals Vater verursacht? Leutnant Yaniv von der israelischen Armee, der Yael unter Druck setzt? Klar: Eine simple Lösung gibt es nicht. Vielleicht findet man ein wichtiges Grundmotiv der Terroristin in ihrer Familie: Amal will ihren Vater glücklich machen. Und stolz. Denn als Vater einer Märtyrerin genießt er höchste Anerkennung. Im palästinensischen Flüchtlingslager kann Amal seinen Wünschen nicht gerecht werden.

Auf mehreren Erzählebenen wird die Attentatsgeschichte entfaltet. Von Beginn an bezieht man die Zuschauer ein. Im Befehlston werden Plätze zugewiesen. Alle gehorchen. Einige finden sich an Tischen auf der Bühne wieder. Andere sehen von zwei gegenüberliegenden Tribünen zu. Sperrige, befremdliche Elektronikteppiche sorgen unterschwellig für Unbehagen. Mit Tempo agiert das fünfköpfige Ensemble. Es wirbelt um die Tische, setzt sich ins Publikum und nimmt Kontakt auf. Quer durch den Raum fliegen die Textbausteine. Munter wechselt man die Rollen und springt durch Vor- und Rückblenden.

Findet das Publikum anfangs den Einstieg nur schwer, so fühlt es sich bald kräftig an der Gurgel gepackt. Eine starke Sogwirkung geht von der Erzählweise der Regisseurin Pinar Karabalut aus. Zwischen den einzelnen Handlungsfetzen werden die Kernfragen eines universalen menschlichen Dilemmas sichtbar: Wie können aus normalen Menschen Terroristen werden? Reicht nicht oft nur ein persönliches Erlebnis aus, um einer radikalen Gruppe auf den Leim zu gehen? Inhaltlich durchdacht und ästhetisch konsequent geht „Gott wartet an der Haltestelle“ diesen Fragen nach. Die Bühne von Franziska Harm besticht durch Reduktion und Bespielbarkeit, das Musikkonzept von Daniel Murena unterstützt von sensibel bis schmerzhaft die bedrückende Sinnsuche. Absolut überzeugend agiert das Ensemble. Meistens energetisch, aber auch gezielt entschleunigt.

Besonders Nicolas Streit als Soldat Zachi und Taxifahrer Jamal sowie Mathis Reinhardt in den Rollen Leutnant Yaniv und Amals Vater spielen sehr wandelfähig. Und nicht zuletzt: Gegenwärtiges Theater funktioniert auch prächtig ohne Video. In einer zentralen Szene findet eine palästinensische Hochzeit statt. Eigentlich möchte man mittanzen. Plötzlich bricht die Musik ab. Fares, der von der Polizei gesuchte Bruder Amals, ist erschossen worden. Auch das Publikum hat es ernsthaft erwischt. Wie so oft an diesem engagierten, eindrücklichen und äußerst empfehlenswerten Abend.

Wieder am: 14., 23., 30.12. im Kleinen Haus; Kartentelefon: 0351 4913555