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Donnerstag, 08.11.2018

Wenn Deutsche nach Afrika fliehen

Von Bettina Ruczynski

Christian Torkler inszeniert in seinem ersten Roman ein Gedankenspiel über Flucht und Migration und regt an, in neue Richtungen zu denken. Foto: Annette Hauschild
Christian Torkler inszeniert in seinem ersten Roman ein Gedankenspiel über Flucht und Migration und regt an, in neue Richtungen zu denken. Foto: Annette Hauschild

© Annette Hauschild

Was wäre, wenn alles komplett anders herum wäre auf der Welt? Diese einfache Frage kann zu irritierenden Antworten führen. Was wäre also, wenn Deutschland ein darbendes, in Kleinstaaterei zerfallenes, in Trümmern liegendes Land wäre voller Not und Chaos? Was wäre, wenn das reiche Afrika regelmäßig Hilfsgüter schickte und zusammen mit den vielen fantastisch guten Nachrichten, die man von dort hört und sie ausschmückend weitererzählt, zum Sehnsuchtsort für jeden Deutschen würde, der noch die Kraft zum Aufbruch in den ebenso fernen wie schwer abgeschotteten Süden hat? Was wäre dann?

Der 1971 in Greifswald geborene Christian Torkler hat Theologie und Philosophie studiert, sieben Jahre in Tansania gelebt und ist seit einigen Jahren in Kambodscha und Berlin zu Hause. Er hat den Mut, in seinem ersten Roman unsere Gegenwart mit entgegengesetzten Vorzeichen neu zu erzählen. Das ist kein kleines Wagnis. Das ambitionierte Vorhaben könnte wegen platt anmutender Grundidee leicht in die Binsen gehen. Oder zumindest Leser abschrecken, die einen didaktischen Grundkurs in Fluchtursachenbeseitigung samt Mitmenschlichkeit befürchten.

Zu Fuß durch den Alpenschnee

Allen Skeptikern sei versichert: Beim Roman „Der Platz an der Sonne“ handelt es sich um ein höchst lesenswertes, spannendes und kluges Buch, dessen Lektüre enormen Mehrwert liefert. Chapeau, Christian Torkler – das gewagte Experiment ist geglückt. Die hoffentlich zahlreichen Leser, die diesem außergewöhnlichen Roman zu wünschen sind, werden nicht belehrt, sondern angenehm anspruchsvoll unterhalten und ohne erhobenen Zeigefinger animiert, in neue Richtungen zu denken. Torkler wirbt um Verständnis.

Die in starken Bildern fast filmisch erzählte Story zieht in ihren Bann: Josua Brenner wird am ersten Juni 1978 in eine zerstörte Welt hineingeboren. Im zerbombten Berlin schlägt er sich als Hansdampf in allen Gassen durch. Fährt Taxi und Suppe, betreibt eine Glühweinbude und eine Bar, die den treffenden Namen BARacke hat, zahlt Schutzgeld. Die Bude wird dennoch abgefackelt. Trotz regelmäßig entrichteter Beiträge bezahlt die Versicherung nichts, im Gegenteil.

Nicht nur in der Beschreibung dieser Szene beweist Torkler ein fast britisch zu nennendes Talent für schwarzen Humor. Mit sicherem Gespür für Details malt er ein Milieu, das zwischen dem Schwarzmarkt-Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und der nervösen Untergangs-Aufbruchs-Hysterie der großen Bankenkrise vor zehn Jahren changiert. Garniert wird das Ganze durch das unverwechselbar schnoddrige Berliner Idiom.

Als Josua Brenner in der Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik buchstäblich nichts mehr zu verlieren hat, kommt eine Ansichtskarte aus Afrika. Einer seiner besten Kumpel hat es geschafft. Er ist dort, wo Milch und Honig fließen, wo Sicherheit und Wohlstand winken. Dort will Josua hin, und so macht er sich auf den Weg. Ein abenteuerliches Road Movie beginnt – Ausgang ungewiss. Josua gerät an Schlepper und Menschenhändler, überquert die Alpen im Tiefschnee zu Fuß, findet echte und falsche Freunde, wird als Arbeitssklave in einer Schwefelmine ausgebeutet, leidet Hunger, sieht Verbündete sterben, erreicht Afrika und landet im Gefängnis.

Christian Torkler, aufgewachsen in einem Pfarrhaus, wo ihn die Geschichten von Flucht und Vertreibung seiner ostpreußischen Verwandten früh geprägt haben, erzählt auf leichtfüßige Weise vom unzerstörbaren Menschentraum eines besseren Lebens in einer besseren Welt. Er erzählt von einem Traum, der tödlich enden kann, wenn man ihn in die Tat umsetzt. „Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer.“, heißt es in Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“.

Christian Torkler: Der Platz an der Sonne.

Klett-Cotta, 591 Seiten, 25 Euro

Lesung am 12. November, 18 Uhr, im Militärhistorischen

Museum Dresden

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