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Montag, 10.09.2018

Wenn Angst zu Wut wird

Mit Heinrich Manns „Der Untertan“ eröffnet das Staatsschauspiel Dresden seine Spielzeit. Eine Puppe wird zur kongenialen Hauptfigur.

Von Johanna Lemke

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Der große und der kleine Diederich Hessling in „Der Untertan“.
Der große und der kleine Diederich Hessling in „Der Untertan“.

© Sebastian Hoppe

Für einen heimlich genaschten Bonbon gibt es einen Schlag mit der Gerte. Für zwei noch zwei obendrauf. Und das geht so weiter, denn Diedel konnte leider nicht genug kriegen von den Bonbons. Also wird er tüchtig verdroschen. Er wimmert leise. Der Mann, der ihm den Hintern versohlt, ist sein Vater. Komisch nur, dass er so aussieht wie das Kind selbst: die gleichen Klamotten, die gleiche Frisur. Es ist eigentlich also er selbst, der da prügelt. Diederich Hessling gibt es zweimal. Und er wird noch öfter auftauchen an diesem Abend.

Das Staatsschauspiel Dresden hat zu seiner Spielzeiteröffnung Heinrich Manns „Der Untertan“ auf die Bühne gebracht. Ein Text, der so frappierend heutig ist, dass man sich fragt, warum er nicht an jedem zweiten Theater in diesem Land gespielt wird. Die Geschichte von Diederich Hessling, der unter dem letzten deutschen Kaiser vom „weichen Kind“ zum Despoten und damit letztlich zum Untertan wird, in ihr lässt sich so ziemlich all das erdichten, was auch in Zeiten der gesamteuropäischen Rechtsrückerei gerade diskutiert wird. Es braucht keine Videos von Nazis in Chemnitz, um die Aktualität zu verstehen. Regisseur Jan-Christoph Gockel braucht dafür eigentlich nur eine Puppe.

Der Hass auf Juden wächst

Es ist wirklich eine unglaubliche Figur, die der Puppenspieler Michael Pietsch geschaffen hat. Die Marionette, die er spricht und in Perfektion bis zum ängstlichen Wimpernschlag an Fäden führt, ist das kindliche Ich des lebendigen Diederich Hesslings, seine innere Stimme und sein weicher Kern. In dem hölzernen Körper findet Diederichs Skrupel eine Stimme, sein Gewissen, aber eben auch sein Hass, seine Angst, seine Rachelust. Alles, was er nach außen nicht zeigen wird, kommt immer dann um die Ecke, wenn er es am wenigsten braucht. Das Nebeneinander aus Marionettenphysis und menschlichen Zügen macht die Magie dieser Figur aus, die tun kann, was in der Zeit unter Wilhelm II. niemandem gestattet ist: Es kann zweifeln.

„Gefällt es Ihnen in Berlin, Herr Hessling?“, wird der junge Mann zu Beginn gefragt. Und der kleine Diedel in Puppengestalt plärrt aus dem Stubenwagen: „Ich hasse Berlin! Ich will zurück in meine Kinderwiege!“ Der Große aber antwortet stramm: „Jawohl!“ Und so geht es die ganze Zeit. Zuerst versucht er, das innere Kind noch zu überhören. Schließlich schubst er es wütend von der Bühne – was freilich nicht viel bringt. Nichts Menschliches lässt sich auf Dauer eindämmen.

Das drehbare Bühnenkonstrukt von Julia Kurzweg ist ein Haus, von allen Seiten einsehbar. Es ist auch ein Bild für den Lauf der Zeit, die nicht anhält. Die Geschichte beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert, Wilhelm II. ist Kaiser. Anstand und Disziplin sind alles. Doch es macht sich Radikalisierung breit, Nationalisten ergreifen die Stimme. Die Untertanen von heute werden zu den Duckmäusern von morgen. Der Hass auf Juden wächst, der Ton der Inszenierung wird schriller, die Kostüme von Sophie du Vinage bizarrer. Das Ensemble trägt dick gefütterte Wattons, Bierkrüge knallen aneinander. Einer stirbt im Suff. Das Volk fordert einen Führer.

Die Überraschung des Abends ist Jannik Hinsch. Er spielt den lebendigen Diederich Hessling und legt über gute drei Stunden Spielzeit eine bemerkenswerte Entwicklung hin. Das junge Ensemblemitglied hat das Linkische abgelegt. Während sein Hessling zu Beginn ausharrt, bis sein zitterndes inneres Kind sich beruhigt hat, brüllt er ihn später einfach nieder. Er muss irgendwie bestehen in dieser Gesellschaft. Zuerst schließt er sich einer schlagenden, aber vor allem saufenden Verbindung an, dann übernimmt er trotz betriebswirtschaftlicher Unfähigkeit die Papierfabrik seines Vaters. Er trägt einen steifen Anzug, sein Bart ähnelt nun dem des Kaisers. Und man sieht, was es ihn kostet, seine Ängste zu bezwingen: Sein Körper ist ein einziger Krampf. Die Puppe steht derweil am Rand und staunt aus großen Augen.

Noch ein Schauspieler kann an diesem Abend zeigen, was er drauf hat: Lukas Rüppel ist der Konkurrent Hesslings, der feingeistige Buck Junior. Rüppel spielt ihn großartig in seiner anämischen Windigkeit. Auch Torsten Ranft ist in mehreren Figuren wie immer genial. Sven Hönig als Arbeiter kommt zu moralinsauer rüber, das Komödiantische der Nebenrollen funktioniert aber gut. Allerdings ist es unbegreiflich, warum die weiblichen Figuren nicht über stereotype Eigenschaften hinausreichen. Man kann es nicht ändern, dass Heinrich Mann die Frauen in der Geschichte mit Mädchenhaftigkeit oder plumper Erotik ausstattete. Aber ein Regisseur sollte im Jahr 2018 Schauspielerinnen einladen, mehr hineinzulegen. Deleila Piasko spielt Hesslings ersten Schwarm Agnes als hübsches Ding im Spitzenkleid, darstellerische Vielfalt geht anders. Ähnlich Ursula Hobmair als Hesslings spätere Frau Guste Daimchen: Auch in einem Kostüm mit monströsen Brüsten könnte mehr als Frivolität stecken.

Mitunter überfordert der Abend mit all seinen Ideen und Analogien. Wenn der europäische Geist im Rollstuhl von Pöblern auf der Empore im Pegida-Ton niedergebrüllt wird, wirkt das klischiert. Doch das ist nur eine der wenigen Szenen, die dieser geistreichen Inszenierung nicht stehen.

Hitler und Ulbricht statt Wilhelm II.

Gerade, als Hessling denkt, er hätte sein störendes inneres Kind endlich beseitigt, kommt der kleine Diedel um die Ecke. Um seinen Hals hängt eine Blechtrommel. Es ist unübersehbar Günter Grass’ Oskar, Symbol für das Infantile in der Gesellschaft, aus dessen Angst Wut geworden ist. Das Kaiserbild auf dem Klo wird ersetzt durch Hitler, dann durch Ulbricht, schließlich durch die D-Mark: die Götzen der Deutschen. Krachend bricht das Kaiserreich zusammen, sinkt das Haus auf der Bühne ein. Zum Vorschein kommt ein Turm, auf dessen Spitze der Sieger steht: der kleine Diedel. Ihren Spieler hat die Puppe abgelegt, sie wird nun geführt vom Volk. Die rechte Hand zeigt nach vorn.

Wieder am 9., 13. und 17. 9. im Staatsschauspiel Dresden; Kartentel. 0351 4913555

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Franz K.

    Den letzten Satz verstehe ich nicht. Was will uns der Autor damit sagen?

  2. Roba

    @1: Der Mann ist tot; Sie müssen Ihren - von Mann als vorhanden erhofften - auch politischen Verstand walten lassen.

  3. beobachter

    Interessante Situation: Die Profiteure heutiger Verhältnisse sehen sich paradoxerweise nicht als Personifikationen des Untertans; sie nehmen weder eigenen Opportunismus, noch Arroganz der Macht, Kriegstreiberei oder überhaupt "Klassengegensätze" wahr und jubeln mit "Hurra" der Kanzlerin zu.

  4. brainpain

    @3: interessante Sicht auf die Dinge. Meinen Sie mit "die Profiteure heutiger Verhältnisse" all die sicher und gut bezahlten Mitarbeiter und Führungskräfte in den öffentlichen und privaten Verwaltungen, bei Banken und Versicherungen, in gut gehenden Industrieunternehmen, im medizinischen Sektor, bei der Bundeswehr oder im Polizeidienst? Die mit 30 Tagen Urlaub und Lohnfortzahlung bei Krankheit, gerne auch noch Weihnachtsgeld? Selbst im Handwerk ist zur Zeit wirtschaftlich überwiegend gute Stimmung. Die "Profiteure" sind immer noch die Mehrheit - nur redet kaum jemand darüber. Dass diese Mehrheit überwiegend der Kanzlerin zujubelt, wäre mir neu. Den eigenen Opportunismus erkenne ich eher bei denjenigen, die immer den Pfeifen hinterherlaufen, die ihnen am blumigsten (oder lautesten) die Märchen von den goldenen Bananen vorflöten. Da werden eigene Überzeugungen, sofern überhaupt vorhanden, gern über den Haufen geworfen.

  5. beobachter

    @ 4; Diederich Heßling hätte es nicht schöner sagen können.

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