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Montag, 18.09.2017

Wende an den Wänden

Markenwechsel: Das Albertinum entsorgt die ungeliebte Kunst aus der Zeit der DDR ins Museumsdepot.

Von Paul Kaiser

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Blick in die 6. Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum 1967. Aller fünf Jahre präsentierte das die aktuelle Kunstproduktion in der DDR. Auch heute wird gern umgeräumt. Dabei verschwindet nach und nach die Kunst der DDR im Depot.
Blick in die 6. Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum 1967. Aller fünf Jahre präsentierte das die aktuelle Kunstproduktion in der DDR. Auch heute wird gern umgeräumt. Dabei verschwindet nach und nach die Kunst der DDR im Depot.

© SZ-Bildarchiv

  • Blick in die 6. Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum 1967. Aller fünf Jahre präsentierte das die aktuelle Kunstproduktion in der DDR. Auch heute wird gern umgeräumt. Dabei verschwindet nach und nach die Kunst der DDR im Depot.
    Blick in die 6. Kunstausstellung der DDR im Dresdner Albertinum 1967. Aller fünf Jahre präsentierte das die aktuelle Kunstproduktion in der DDR. Auch heute wird gern umgeräumt. Dabei verschwindet nach und nach die Kunst der DDR im Depot.
  • Paul Kaiser
    Paul Kaiser

Geschichte wiederholt sich nicht, und wenn dann nur als Farce. Diese Marx’sche Sentenz, längst zum Kalauer geworden, passt treffend zur aktuellen Situation im Dresdner Albertinum. In dessen ständiger Ausstellung, gemeinhin Essenz und DNA eines Museums von Rang, ereignen sich derzeit Dinge, die selbst Gutmeinende bislang für schlichtweg unmöglich gehalten hätten. Mit brachialer Geste und ganz ohne Begründung, so als erkläre sich der Vorgang wegen seiner Plausibilität ohnehin von alleine, wurde die kunstgeschichtliche Epoche zwischen 1945 und 1990 aus der Schausammlung ins Depot entsorgt.

Die Gretchenfrage eines westdeutsch dominierten Kunstbetriebes „Wie hältst du es mit der Ost-Kunst?“ war hier allerdings schon früher mit schrillen Untertönen immer mal zu vernehmen. Schon in den 1990er-Jahren setzte im Albertinum eine Marginalisierung ein und die hier einst in der DDR mit großem Erfolg gezeigten Werke wurden ausgemustert. Jene Stellvertreter-Abrechnung an den Bildern, mit denen Generationen sozialisiert worden waren, erwies sich als kleinkariert, mitunter auch durchsetzt von kolonialen Attitüden, mit denen man den Ostdeutschen das Sehen lehren wollte.

Von Ulrich Bischoff, 19 Jahre lang Direktor der Galerie Neue Meister, war kurz vor seiner Pensionierung sogar öffentlich zu vernehmen, dass er die DDR-Bestände im Hause gar nicht kenne. Aber selbst er wäre wohl niemals darauf verfallen, diese Kunst ganz aus dem Haus zu weisen. Dies aber ist jetzt unter der Ägide seiner Nachfolgerin Hilke Wagner geschehen. Sollte fortan ein Tourist durch die einst der ostdeutschen Kunst vorbehaltenen Räume flanieren, könnte er auf die Idee verfallen, dass es die DDR nie gegeben habe, und dies, je nach Mentalität, für eine gute oder schlechte Nachricht halten.

Im Ernst: In der Folge dieser einsamen Entscheidung wird nun, nach der längst abgespielt geglaubten Tragödie um die Kunst aus der DDR, erneut eine Debatte auf den Spielplan gesetzt. Dabei geschieht dies ohne Not und äußeren Druck, wenn man den objektiven Platzmangel in der Galerie Neue Meister einmal außer Acht lässt. Denn der seit der Wiedervereinigung schwelende Bilderstreit um die Akzeptanz jener Kunst aus dem Osten hat ja nicht nur Akademieaustritte und bittere Kränkungen erzeugt. Er brachte auch Erkenntnisse, an denen Mitarbeiter der Galerie Neue Meister durchaus in produktiver Weise beteiligt waren. In diesem Prozess erlangte eine unter Schmerzen erarbeitete Erkenntnis breiten Konsens. Nämlich die, dass jene beiden, oft als verfeindet dargestellten deutschen Kunstentwicklungen Teil einer gemeinsamen Kunstgeschichte sind, welche nicht gegeneinander ausspielbar, sondern integrativ zu betrachten lohnt.

Diese Auffassung gehört mittlerweile zum Standard einer wissenschaftlich gestützten Museumspraxis. Man erinnere als Beispiel nur an die Nationalgalerie in Berlin, die in sehenswerten temporären Präsentationen die einst verschmähte Ost- mit der Westkunst verband und damit den „Bürgerkrieg der bildenden Künstler“ befriedete. Oder man schaue mit Neugier auf die ostdeutschen Kunstmuseen in Leipzig, Cottbus, Jena, Erfurt oder Frankfurt/O. – vom Museum Barberini in Potsdam einmal ganz zu schweigen. In diesen Häusern ist die Kunst aus der DDR in ihrer spannungsreichen Vielfalt und in klug konzipierten Kontexten neu zu entdecken. Derzeit versucht sich mit Enthusiasmus die Moritzburg Halle an einer Sammlungspräsentation, die Ost und West nicht mehr als Koordinaten einer politischen Kampfästhetik zwischen Abstraktion und Figuration versteht.

In Sachsen ticken die Uhren nun einmal anders, mag man meinen. Aber hier nun sind sie stehen geblieben in einer Zeit, die längst vergangen schien. Im Albertinum herrscht Wertewandel und die brüske Abhängung muss vielen Ostdeutschen als öffentliche Herabwürdigung gelten. Keine Wand mehr da für die großen Dresdner Maler – von Bernhard Kretzschmar, Wilhelm Rudolph, Theodor Rosenhauer, Albert Wigand, Willy Wolff bis hin zu Peter Graf, Max Uhlig, Stefan Plenkers, Hubertus Giebe und Eberhard Göschel. Und schon gar kein Plätzchen mehr für die Meister der alten Leipziger Schule, von der das Albertinum solche herausragenden Werke wie Werner Tübkes „Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten“ oder den Sisyphos-Gemäldezyklus von Wolfgang Mattheuer besitzt, aber nicht zeigen mag. Im Übrigen zur Freude des Kunstmuseums Bern, das in diesem Frühjahr den kompletten Sisyphos-Zyklus als Leihgabe zeigte. In der Kunsthalle Rostock läuft noch bis 1. Oktober eine Mattheuer-Retrospektive.

Selbst vor einem internationalen Schwergewicht wie A.R. Penck macht die Neudeutung nicht Halt. Pencks Solo-Raum wandelte man kurzerhand in ein Randkabinett um und verlegte ihn aus dem Rundgang wie einen Fremdkörper ins erste Geschoss. Dass er diesen vor seinem Tode nicht mehr selbst besichtigen musste, kann noch, makaber genug, als Gewinn angerechnet werden. Pencks einst im Treppenhaus hängendes Monumentalgemälde „GoGoGorbatschow“ von 1988, drei mal fünf Meter groß und vom damaligen SKD-Chef Werner Schmidt ins Museum geholt, korrespondiert im neuen Domzil auf engstem Raum mit kleinformatigen Nebenwerken aus der Dresdner Frühzeit. Das im Albertinum mehr als spürbare Ressentiment gegenüber Dresdens verlorenem Sohn hat Tradition. Sämtliche Penck-Retrospektiven machten um die Elbestadt einen großen Bogen wie zuvor andere Vorhaben.

Man durfte aber gewarnt sein. Hilke Wagner, langjährige Leiterin des Braunschweiger Kunstvereins und gänzlich ohne Museumserfahrung, hatte bereits vor ihrem Amtsantritt in Dresden zum 1. November 2014 klargemacht, wohin die Reise mit ihr führen würde. Es gelte, so die selbstbewusste Direktorin, das Albertinum zu einer „Marke“ zu profilieren und die Gegenwartskunst aufzuwerten. Nach solchem Verständnis muss ihr die Schausammlung geradezu als Flagship Store gelten, in dem man ungestraft, holterdiepolter einfach umräumen und umetikettieren darf, solange die Kasse stimmt.

Aber stimmt die Kasse? Hier schlägt die subjektive Kritik um ins monetär Objektive, was in unseren Zeiten die entscheidende Wertung bringt. Die Krise des sächsischen Staatsmuseums ist zu offensichtlich: Das Albertinum hat sein altes Publikum verloren und ein neues nicht dazugewonnen.

Aus den legendären Besucherschlangen, die sich in den 1980er-Jahren nicht nur zu den zentralen Kunstausstellungen drängten und dem Albertinum jährliche Besucherzahlen bis zu 1,2 Millionen einbrachten, ist ein verebbendes Rinnsal geworden. Konnten im Jahre 2015 noch 161 000 Besucher gezählt werden, halbierte sich deren Zahl innerhalb eines Jahres noch einmal – im Jahre 2016 kamen gerade 89 000 zahlende Gäste ins Haus.

Das sind Jahresbesucherzahlen, die für Häuser in der verschmähten Provinz als akzeptabel gelten, nicht aber für das sächsische Museum der Moderne. Für ein Haus, das sich gerne auf Weltniveau wähnt, muss das ein Fiasko sein. An diesem sind nicht die Pegida-Aufmärsche oder wegbleibende Russen schuld, wie die Jahrespressekonferenz argumentativ tönte, sondern wohl eher ein borniertes Selbstverständnis, das eigenen Wandlungsprozessen im Wege steht. Mit der nun statt der Kunst aus der DDR gezeigten und luftig gehängten hippen Mischung, die jüngste zeitgenössische Kunst mit ausgewählten Arbeiten der Dresdner Abstraktion in bisweilen waghalsige Relationen zwingt, ist diese Lücke jedenfalls nicht zu schließen.

Es ist dieses Bündel an Defiziten, das man nicht einfach in posthöfischer Manier schweigend aussitzen kann. Man wird schon fragen dürfen, mit welchen Sonderausstellungen die wegbrechenden Besucherzahlen zu kompensieren sind. Und spätestens da wird man sich erneut die Augen voller Verwunderung reiben: So gar kein Ass im Ärmel? Mit der aktuellen Ausstellung „Geniale Dilletanten“, einer kulturhistorischen Wanderausstellung des Goethe-Institutes, oder der avisierten Carl-Lohse-Ausstellung in Kooperation mit dem Ernst-Barlach-Haus in Hamburg wird das torkelnde Schiff wohl alleine nicht Fahrt aufnehmen. Höchste Zeit, in die Depots zu schauen!

Paul Kaiser, geboren 1961, Kultur- und Kunstwissenschaftler am Dresdner Institut für Kulturstudien, ist einer der führenden Experten zur Kunst in der DDR.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

>>> Dossier: Der Streit über die DDR-Kunst