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Freitag, 27.10.2017

Was Platon wusste

Meinen und Wissen sind nicht dasselbe. Diese Einsicht hilft in der Politik – und beim Autokauf.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

Im Jahr 404 v. Chr. hatten die Athener ihre Demokratie fürs Erste ruiniert. Auf ihren Volksversammlungen hatten sie fatale Fehlentscheidungen getroffen, getragen von persönlichen Überzeugungen und Zielen, die sich vor allem aus ihrem Charakter und aus ihrer Haltung ergaben – doch viel weniger aus dem Wissen um politische Tatsachen oder um deren Zusammenhänge. Experten und Erfahrung verachteten sie nämlich. Wer dem – oft recht ungesunden Volksempfinden – in die Quere kam, wurde durch Volksbeschluss verbannt. Auch war da einer, der seinen Mitbürgern so lange mit Nachfragen kam, bis sie merkten, wie wenig sie – trotz gegenteiliger Selbsteinschätzung – wirklich wussten. Den klagten sie später vor dem Volksgericht an, vor allem ob verderblichen Einflusses auf die Jugend. Dafür ließ man Sokrates durch Gift sterben. Sein Schüler hieß Platon. Unter dem Eindruck der von den Athenern selbstverschuldeten Staatskrise sowie der Kritiklust seines Lehrers stellte er den Unterschied zwischen „Meinen“ und „Wissen“ in den Mittelpunkt seines Denkens.

Zwar ist vieles falsch, was Platon lehrte. Auch überzeugt nicht, wie er belastbares Wissen vom bloßen Meinen abgrenzte. Doch dass es einen Unterschied zwischen dem Meinen und dem Wissen gibt, ist seitdem nicht mehr überzeugend zu bestreiten. Also ist es intellektuell höchst leichtgewichtig, aus dem demokratischen Recht eines jeden auf die ihm passende Meinung zu folgern, es gäbe jede politische Meinung die „Welt da draußen“ auch gleich richtig wieder. Oder es werde jede politische Ansicht, in politische Praxis umgesetzt, genau das bewirken, was man sich entlang seiner politischen Überzeugungen erhofft. Parteiführer lernen das oft schmerzlich am Wahlabend.

Gewiss wird auch jemand, der ziemlich viel von Autos versteht, sich manchmal täuschen. Wird man deshalb ein defektes Auto besser selbst reparieren? Natürlich mag der Autohändler einen übers Ohr hauen. Soll man ein Auto also aufs Geratewohl kaufen? Folgt daraus, dass viele Wege nach Rom führen, jeder beliebige Weg werde ganz gewiss in Rom enden, weshalb es keine Wegweiser braucht? Gewiss nicht. Doch selbst kluge Leute scheinen solche Zusammenhänge oft nicht zu begreifen. Das ist schade, auch schlecht für gute Politik – wie einst in Athen. Warum nicht daraus etwas lernen?