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Freitag, 19.01.2018

Was muss man wissen?

Bildung schafft weit schärfere Unterscheidungsmerkmale als schnöder Reichtum.

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SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt.
SZ-Kolumnist Prof. Werner J. Patzelt.

© Ronald Bonss

Ein Problem von Bildung scheint zu sein, dass jeder einzelne Bildungsinhalt verzichtbar ist. Millionen leben glücklich ohne Kenntnis von Goethes „Faust“ oder der Tennisregeln. Auch lässt sich jede Behauptung über Wissenswertes als Ausdruck von Rückwärtsgewandtheit, Ideologie oder Fachidiotentum ausgeben. Warum nämlich lernen, was ohnehin im Internet steht? Was hat man von Latein, Religionswissen oder Kenntnissen in Botanik? Und wem nützt wohl die Mengenlehre?

Außerdem dienen Bildungskanons gut der diskursiven Verfestigung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Gebildete von Parvenüs oder Prolls scheidend, schafft Bildung nämlich Distinktionsmerkmale, die auch Reichtum nicht abgelten kann. Ist es aber gerecht, jemanden auf Abstand zu halten, nur weil er zu Wagners Nibelungen-Zyklus keine kluge Konversation machen kann, ihm die „Ilias“ Hekuba ist – und islamische Baukunst ohnehin?

Hat nicht auch „die Geschichte“ längst bewiesen, dass keine Bildungsinhalte überzeitlich gültig sind, es also verdienten, verlässlich tradiert zu werden? Vorbei ist doch die Zeit der „höheren Töchter“, die „Klavier und Französisch“ konnten, auch die Ära von Chinas Beamten-Literaten, und erst recht die Epoche jener ägyptischen Priester, bei denen Herodot als „Vater der Geschichtsschreibung“ vor zweieinhalb Jahrtausenden den Ursprung aller Weisheit vermutete. Keiner dieser Hinweise ist falsch. Doch keiner trifft auch den Kern der Sache. Es geht bei Bildung ja nicht um die Sicherstellung des technischen oder organisatorischen Funktionierens einer Gesellschaft. Das ist Aufgabe von Technikwissenschaft und beruflicher Ausbildung.

Und die Letztere verdient, da von größter Wichtigkeit, eine viel stärkere Wertschätzung als heute. Bei Bildung aber geht es um das Selbstbild einer Gesellschaft: Was und wie will sie sein? Welches kulturelle Erbe will sie weitertragen, welches andere aber außer Gebrauch geraten, von gelebter Gegenwart zur Geschichte werden lassen?

Bei Debatten darüber ist jede Gesellschaft orientierungslos, die nicht wirklich mag, wie sie wurde und weiterhin wird. Und erst recht ist das eine Gesellschaft wie die unsere, in der Eliten und Bevölkerung nicht einmal darüber einig sind, ob man überhaupt eine besondere Kultur hat oder durch Bildung gar weitergeben soll.

Der Schriftsteller Michael Bittner und der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt sind selten einer Meinung. Diese Kolumne teilen sie sich aber - und schreiben jeden Freitag im Wechsel über Debatten, die Land und Leute erregen.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Dresdner Gewissen

    An diesem Artikel werden sich wohl wieder die Bildungsunterschiede der Kommentatoren zeigen. Ich habe bisher noch keine bessere Kurzbeschreibung des Problem gefunden „ Was soll in der Schule als Allgemeinwissen vermittelt werden?“

  2. alter Schwede

    Endlich wieder mal ein guter Artikel an dem sich Bittner mal ne Scheibe abschneiden sollte. Aber leider wird sich danach auch nicht viel verändern

  3. Bildungsminister

    Warm so verzagt und zweifelnd, Herr Patzelt? Färbt die Beschäftigung mit dem extremistischen, selbsternannten Volk schon ab? Ich glaube der deutsche "Mainstream", um dieses denunzierende Wort zu gebrauchen, weiß sehr wohl was in den Bildungskanon gehört. Die extremistischen Ränder eher nicht, obwohl sie sich für das Volk halten und besonders lautstark mit ihrer Bildungsferne prahlen. Mit denen werden Sie nie einen Konsens über Bildungsinhalte herstellen können. Da wird der Gefestigtste wankelmütig, wie man sieht.

  4. So gewollt

    Es gab letztens den Bericht einer Abiturientin, welche beklagte, das sie zwar ein Gedicht in drei Sprachen interpretieren kann, aber vom deutsceh Steuerrecht nicht die blasseste Ahnung hat. Und Steuern zahlen (und vermeiden) muss jeder, ab der Schule bis zum Tod. Aber genau da ist das Problem. Offensichtlich soll der Bürger das System als übermächtig wahrnehmen, es nicht durchschauen. Der Mainstream-Bildungskanon hilft da viel dazu. Von Bittner wird man dazu hören: Die richtige Ideologie und Überteugung macht das schon wett.

  5. Berg

    Die Erkenntnis ist doch alt und allgemein ggeläufig: DIE MENSCHEN SIND VERSCHIEDEN. Und jeder Einzelne kann nach Schule und Lehre/Studium seine besten Eigenschaften 40 Stunden lang von 168 Wochenstunden beruflich nutzen, und mit allen Gefühlen, Überzeugungen, Hoffnungen, Wünschen das außerberufliche Leben. Dementsprechend wird ein bestimmtes Wissen und Können genutzt, andres aber vergessen. Damit kommt jede beständige Ehe aus, damit ist jedes Arbeitsverhältnis erfolgreich, damit zieht Zufriedenheit ein. So. Das ist der "Normal"fall. Doch dazu gibt es noch andere Verlockungen wie Drogen, Kleptomanie, Eifersucht, Parteilichkeiten, Unglück, Krankheit, die alle für Unterbrechungen, Verzierungen, Verunreinigungen des Lebens sorgen. Alles das kann unter Verhalten infolge "Bildung" eingeordnet werden, und es macht das Leben jedes Einzelnen interessant.

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