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Dienstag, 17.04.2018

Was kann und darf Theater?

Das Theater Konstanz bietet seinen Zuschauern einen umstrittenen Deal: Wer bei der Aufführung von George Taboris „Mein Kampf“ ein Hakenkreuz-Symbol im Saal trägt, erhält freien Eintritt. Die Idee sorgte für große Aufregung - und heftige Kritik.

Von Kathrin Drinkuth

© dpa

Konstanz. Ein Hakenkreuz, Symbol für massenhaftes Morden der Nazis, als Gratis-Eintrittskarte für ein Theaterstück? Ein Witz? Was sich der in der Türkei geborene deutsche Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu als Provokation am Theater Konstanz ausgedacht hat, ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Am Dienstag beantwortet er bei einer teils sehr emotional geführten Debatte mit Journalisten gut eine Stunde lang Fragen zur Aktion, bevor er aufsteht und zur Lichtprobe geht, um weiter an der für diesen Freitag geplanten Premiere von George Taboris Stück „Mein Kampf“ zu arbeiten.

Die Debatte dreht sich darum, was Theater eigentlich kann und darf. Das Schauspielhaus in Konstanz bietet den Zuschauern zur Vorführung von George Taboris Stück „Mein Kampf“ einen umstrittenen Deal an: Wer zur Aufführung im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol trägt, erhält freien Eintritt. Wer dagegen eine Karte kauft, kann sich entscheiden, ob er einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tragen will.

Ist das Geschmacklosigkeit, wie es unter anderem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz dem Theater vorwirft? Oder ein misslungener Marketing-Gag? Weder noch, heißt es beim Theater. Mit der Idee habe man zeigen wollen, wie leicht Menschen bestechlich seien. Theaterintendant Christoph Nix sieht darin zudem eine Auseinandersetzung mit Rassismus. „Und das Theater ist der einzige Ort, an dem unmittelbar solche Auseinandersetzungen stattfinden“, sagt er.

Taboris „Mein Kampf“ ist nach Darstellung des Theaters ein Groteske der früheren Jahre Hitlers. Das Stück zeige, „dass wir nicht von Ideologien befreit sind“ und sich historischer Horror entwickeln könne, hieß es im Schauspielhaus.

Auch Regisseur Somuncu verweist darauf, dass Antisemitismus in Deutschland zunehmend hoffähig sei - dem müsse man entgegenwirken. Es gehe darum, die demokratische Verfassung in Schutz zu nehmen, sagte er. „Aber nicht dadurch, dass wir uns zum Opfer machen oder uns zurückziehen in Räume und kleine abgezirkelte Bereiche, in denen wir mit Gleichgesinnten Gleichgesinntes austauschen - sondern offensiv raus auf die Straße und zwar direkt ins Gesicht unserer politischen Gegner.“ Aufgabe des Theaters sei es, praktische Anleitungen für Diskussionen zu geben - „und genau das ist die Idee meiner Inszenierung“.

Bislang seien bereits mehrere Anfragen für eine Freikarte im Gegenzug für das Tragen eines Hakenkreuz-Symbols eingegangen, sagte Nix. Ein Treffpunkt für Nazis soll das Theater nicht werden. Man werde darauf achten, dass es bei den insgesamt 14 Vorstellungen jeweils nur eine Handvoll Menschen mit Freikarte sei. Am Eingang werde streng kontrolliert und auch intensiv darauf geachtet, dass die Symbole nach der Veranstaltung wieder eingesammelt würden. Zudem seien Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, falls es zu Zwischenfällen kommen sollte.

Dass die Premiere auch noch ausgerechnet auf den Geburtstag von Adolf Hitler (1889-1945) fällt, ist nach Angaben von Nix ein früherer Wunsch seines Freundes George Tabori (1914-2007). Das Theater habe zudem ein Gutachten eingeholt, um mögliche juristische Fragen zu klären. Denn grundsätzlich ist das Tragen von Hakenkreuzen in der Öffentlichkeit verboten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz sagt. Es seien bereits mehrere Anzeigen eingegangen, die nun geprüft würden.

Das Schauspielhaus wiederum verweist darauf, dass die Verwendung aus seiner Sicht erkennbar eine künstlerisch-vermittelnde Funktion habe. Deshalb drohe keine Gefährdung der demokratischen Rechtsordnung oder des politischen Friedens.

Wie genau die bei den Aufführungen verwendeten Symbole - sowohl Hakenkreuz als auch Davidstern - aussehen sollen, gibt das Theater derzeit ohnehin noch nicht preis. „Das werde erst noch entschieden“, sagte Somuncu wage. „Wir sind noch im aktiven Prozess der Inszenierung - es kann auch sein, dass wir am Ende die Zuschauer dazu aufrufen werden, sich eine Mickey Maus anzuheften.“ (dpa)