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Montag, 26.02.2018

Warum stirbt das Deutsch aus?

Der Schriftsteller Eugen Ruge nimmt seine Dresdner Rede zum Anlass für eine Liebeserklärung an seine Zweitsprache und für einen polemischen Abgesang.

Von Karin Großmann

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© kairospress

Es war eine Nachricht im Morgenradio, die Eugen Ruge aufhorchen ließ. Ein angesehener Wissenschaftler äußerte die Vermutung, die deutsche Sprache könnte in zwei-, dreihundert Jahren eine ausgestorbene Sprache sein. Dieses Schicksal ereilt sie nicht allein. Schon heute sind achtzig Prozent aller noch existierenden Sprachen bedroht, und etwa jede Woche wird eine zu Grabe getragen. Man könnte sich damit abfinden. Ist halt so in der Globalisierung. Doch wenn einem Schriftsteller das Handwerkszeug unter der Hand abhandenzukommen droht, muss ihn das beunruhigen. Offenbar tröstet es Ruge auch nicht, dass sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ in dreißig Sprachen übersetzt wurde. Mit englischen Begriffen aus dem Online-Wörterbuch führte der Autor vor: Es ist nicht dasselbe, ob einer das schöne Wort „Zubrot“ verwendet oder von „extra income“ spricht.

Wo liegen die Ursachen für das Verschwinden? Wem lässt sich die Schuld in die Schuhe schieben? Was hat es für Folgen, wenn die eigene Sprache mehr Angreifer als Beschützer findet? Solche Fragen stellte Eugen Ruge am Sonntagvormittag im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus, und er fand überraschende Antworten. Sein unaufgeregtes Nachdenken setzte den Schlusspunkt in der diesjährigen Reden-Reihe, die gemeinsam von Staatsschauspiel und Sächsischer Zeitung veranstaltet wird. Vor ihm standen die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali, der CDU-Politiker Norbert Lammert und der US-Soziologe Richard Sennett am Pult. Vier ganz unterschiedliche, doch in jedem Fall anregende, streitbare Betrachtungen der Welt.

Eugen Ruge unternahm seine ersten Schritte in dieser Welt in Soswa im nördlichen Ural. Sein Vater war als junger Kommunist vor der Nazi-Herrschaft in Deutschland in sein gelobtes Land geflohen, in Stalins Sowjetunion. Nach dem Überfall der Deutschen wurde er deportiert. Wie er nach langen zermürbenden Jahren aus einem sibirischen Arbeitslager freikam, hat er erst nach dem politischen Umbruch 1989 in einem Buch beschrieben. Dort spielt auch jene Taja eine Rolle, die Eugen Ruges Mutter wurde.

„Deutsch ist für mich im Grunde eine Fremdsprache oder doch zumindest eine Zweitsprache“, sagt Ruge auf der Dresdner Bühne. Seine Familie kam 1956 nach Ostberlin. „Es war das Russische, was ich zuerst gehört und gesprochen habe.“ Er erinnert sich an Gutenachtgeschichten und Kinderlieder. Vergessen aber sind die Koseworte, mit denen ihn die Mutter bedachte. Vielleicht, meint Ruge, ist es gerade das, was ihn hellhörig und empfindsam macht für den Verlust einer Sprache. Denn damit sind auch Identität, Kultur und Selbstverständnis gefährdet. Seine Rede wird zum polemischen Abgesang. Die Balance zwischen Verzweiflung und Heiterkeit, die der 63-jährige Autor sonst beherrscht, erweist sich bei diesem Thema als schwierig. Zumal er gar nicht anders kann, als das Sprachproblem politisch zu betrachten.

Ruges These: Das Deutsch stirbt aus, weil die Deutschen ihre Sprache nicht lieben. Sie geben sie gedankenlos oder absichtsvoll preis. Dafür bringt der Redner überzeugende Argumente. Da wird etwa das Deutsche immer häufiger eingetauscht gegen das Englische. Ruge erzählt von Berliner Szene-Restaurants, die sich international geben und zunehmend auf deutschsprachige Speisekarten verzichten. Er erzählt von einer Wohnungseigentümerversammlung im Prenzlauer Berg, die auf Englisch ablief, weil einer in der Runde Deutsch nicht beherrscht – obwohl er seit Jahren als Wissenschaftler im Land arbeitet. Doch für Akademiker, Künstler und kleine, neue Firmen wird Englisch immer mehr zur Pflicht, der sie sich willig unterwerfen.

Eugen Ruge zitiert den FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, der Englisch als Amtssprache in Deutschland einführen will – weil das auch der „beschäftigungsorientierten“ Zuwanderung nütze. „Lambsdorff spricht wohlgemerkt nicht über Asylsuchende, sondern über Fachkräfte; es geht ihm nicht um Nächstenliebe, sondern um unser Wohlstandniveau. Ihn interessiert nicht, ob oder wie die Länder, in denen die Fachkräfte ausgebildet wurden, ohne dieselben auskommen.“ Ruge polemisiert mit der Auffassung von EU-Kommissar Günther Oettinger, in der Bundesrepublik werde Englisch künftig die Arbeitssprache sein und Deutsch nur die Sprache für den Hausgebrauch, für Familie und Freizeit. Warum, fragt der Redner, sollten Migranten dann noch Deutsch lernen? „Eine Familiensprache haben sie schon, sie brauchen keine zweite.“

Weil der Schriftsteller ein dialektischer Denker ist, bezieht er Gegenargumente und mögliche Missverständnisse stets mit ein. Bin ich altbacken?, fragt er sich, sind es Anzeichen von Rassismus und Alterssturheit? Eugen Ruge liefert nie einseitige Bilder. Das erklärt mit, warum sein autobiografisch gefärbter Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ so erfolgreich ist. Der Epochenroman erhielt 2011 den Deutschen Buchpreis, wurde allein in Deutschland über eine halbe Million Mal verkauft und von Matti Geschonneck als Kammerspiel verfilmt. In wechselnden Perspektiven spiegeln sich Aufstieg und Fall einer berühmten Intellektuellen-Familie in der DDR. Der Autor folgt den Spuren nach Mexiko und Sibirien und mitten hinein in die Abgründe des 20. Jahrhunderts.

Gerade weil er die Katastrophen hautnah in der eigenen Familie erlebt hat, bezieht er sie in das Nachdenken über die deutsche Sprache ein. „Deutsch ist, ob man will oder nicht, die Sprache Hitlers und Eichmanns. Die Sprache der Bürokraten des Todes.“ Eugen Ruge nimmt den Dresdner Romanisten Victor Klemperer als Verbündeten, wenn er von vergifteten Wörtern spricht. Man könne ein Wort wie „völkisch“ nicht benutzen, ohne damit das Gift anzurühren, das darin stecke. „Heißt das aber, dass wir die deutsche Sprache den Nazis überlassen? Dass wir uns aus der Verantwortung schleichen wie aus einer peinlichen Situation, in der wir nicht angetroffen werden wollen?“

Wenn der Autor über die Gründe nachdenkt, die zum Verschwinden der deutschen Sprache führen, gehört für ihn der Nazismus dazu – ein Nazismus, der dieser Sprache bis heute Wunden zufügt und sie entstellt, so Ruge. Er äußert Verständnis dafür, dass sich die aufklärerischen Eliten des Westens nach dem Krieg in Richtung USA orientierten. Weniger verständlich findet er, dass diese Orientierung anhält, obwohl die Supermacht wenig Anlass dafür bietet. Ruge nennt die USA die kriegerischste aller Nationen, erinnert an militärische Operationen ohne UN-Mandat, an die Atombombe auf Hiroshima, an die heimliche Unterstützung für Pinochet in Chile, an den Vietnamkrieg, „dessen Anlass übrigens genauso erlogen war wie der Anlass für den Krieg im Irak“. Der Realist Ruge ahnt, dass selbst Donald Trump manche Deutschen nicht davon abhalten wird, die US-amerikanische Kultur und Sprache blind zu verehren.

Wie er selbst das Land kennenlernte, erzählt der Autor in seinem Reisebuch „Annäherung“. Die riesigen Leuchttafeln am Broadway zum Beispiel sind für ihn nicht nur Werbung, sondern Symbol: „das bombastische Antlitz der Banalität“. Das Buch versammelt Beobachtungen aus 14 Ländern, die sich zu einem Gesamtbild verdichten: Armut und Eigennutz wachsen, Ursprünglichkeit und Individualität gehen verloren.

Die Zukunft sieht nicht viel besser aus, glaubt man Eugen Ruges jüngstem Roman „Follower“. Die Geschichte spielt an einem Tag im China des Jahres 2055, und alles, was heute bedrückend erscheint an Überwachung, Vereinzelung und Selbstoptimierung, wird dort noch perfektioniert. Der Mensch agiert als total vernetztes Datenbündel. In dieser Zeitsatire treibt Ruge auch den Reinigungswahn von Sprachpolizisten auf die Spitze.

In seiner Dresdner Rede führt er dazu absurde Beispiele an. Das reicht von der Politikerin, die von „Flüchtlinginnen“ redet, bis zur Tilgung des „Negerkönigs“ im Kinderbuch von Astrid Lindgren. Die neue Sauberkeit der deutschen Sprache, meint Ruge, trägt zu ihrer Verunstaltung, zu ihrer Verumständlichung, zu ihrer Sterilisierung“ bei. Was sonst noch zu retten war, hat die Rechtschreibreform erledigt, wie Ruge mit hübschen Musterstücken fehlerhafter Getrenntschreibung belegt. „Die Rechtschreibreform bedroht nicht die deutsche Sprache“, sagt er. „Aber sie ist ein Symptom, und zwar dafür, dass die Deutschen ihre Sprache nicht lieben.“ Ans Ende setzt der Schriftsteller die Einladung, sich an der deutschen Sprache zu erfreuen, solange es sie noch gibt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Uwe M.

    Sehr schöner Artikel der mir aus dem Herzen spricht. Nicht nur Ruges Meinung zur Sprache sondern auch seine Anmerkungen zur kriegerischen USA ist sehr treffend.

  2. Graf von Henneberg

    Genau so ist es! Ich kann Herrn Uwe M. nur beipflichten.

  3. Berg

    Gut, dass es die Dresdner Reden gibt. Den Vortrag hätte ich gerne gehört, die Bücher gerne gelesen. Doch vieles ist in der Extrapolation auf zig Jahre voraus immer unwahrscheinlicher. Da will es wohl jemand Orwell 1984 nachmachen. Da haben wir es schon: isses so gekommen, wie Orwell es in der Farm oder 1984 voraussagen wollte? Nee! Eben nicht! - Und alles was jetzt zur deutschen Sprache hinzukommt, ist eine ERGÄNZUNG; denn die entsprechenden deutschen Worte verschwinden doch nicht! Sie werden nur auf einheitliche Weise verallgemeinert. Also, ich halte mich an den Schlusssatz des Aufsatzes und erfreu mich an der deutschen Sprache, die es gibt. China lasse ich weg....

  4. nightwalker

    Ich finde den Artikel und das Thema sehr interessant. Nach meiner Meinung wäre unter den aktuellen globalen Bedingung eine Chance, eine "neue" Zweitsprache einzuführen. D.H. nicht English. Alle Sprachen haben regionalen Hintergrund ob als Nation mit einer Nationalsprache oder als Dilakt eines Genietes. English ist für mich gesehen, eine Kolonialsprache, die durch das " Englische Empire" in die Welt getragen wurde. Kein Indianer oder Inder der damagen Zeit sprach die Sprache. Nun erobert sie die Welt, wie der Dollar seiner Zeit. Um eine "neutrale" Kommunikation im globalen Zeitalter zu gestalten, wäre dies ein Anhaltspunkt. Auch wenn der Vergleich "hinkt" Esparanto gilt als Bsp.. Es ist nur der Wille, die Motivation und Erklärung wichtig, hier die Bildung zu entwickeln. Wer alte "Nationalsprachen" lernen möchte, dem steht es frei, diese dann als Drittsprache bzw. Zweitsprache zu studieren.

  5. Moritzburger

    Die Thesen Herrn Ruges kann ich nicht teilen. Die Deutschen lieben ihre Sprache nicht? Doch ich liebe meine Sprache und verzichte bewusst auf jedwedes Denglisch. Mittlerweile machen das sehr viele. Und wie ich beobachte ist es nur noch peinlich wenn man mit Anglizismen um sich wirft. Das ist nicht mehr geil sondern eher prollig. Politiker würde ich da nicht überbewerten, Die kommen meist etwas hinterher. Auch die These dass die USA die kriegerischste Nation seine, kann ich nicht teilen. Gerade er bzw. seine Familie wurde in russische Lager verschleppt. War das friedlich? Was haben die Vietcong, RU und China in Vietnam veranstaltet? War das friedlich? Was in Chile? Immer ging doch die Aggression vom Osten aus? Der Westen, die USA, hat reagiert. Und die USA hat noch nie ein Land besetzt? Auch jetzt der Irak, Nach der Befreiung vom Massenmörder Hussein kann es seinen eigenen Weg gehen. Von was befreit RU/China? Von der Freiheit, der Demokratie, den Menschenrechten etc.

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