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Samstag, 10.02.2018

Wachsendes Interesse an Ostmoderne

Die Sicht auf DDR-Architektur und auch die Denkmale beginnt sich zu wandeln. Nach dem Fall der Mauer wollten viele Menschen im Osten davon nichts mehr sehen. Doch mit wachsendem zeitlichen Abstand ändert sich das.

Von Ralf Hübner

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Der Teepott in Warnemünde, ein Hyperschalenbau des Architekten Ulrich Müther von 1968, steht unter Denkmalschutz und ist akut sanierungsbedürftig.
Der Teepott in Warnemünde, ein Hyperschalenbau des Architekten Ulrich Müther von 1968, steht unter Denkmalschutz und ist akut sanierungsbedürftig.

© dpa

Dresden. Lenin, Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck: Viele Denkmale und auch Bauten aus der DDR wurden seit dem Mauerfall vor mehr als 28 Jahren in sächsischen Städten beiseite geräumt. Doch allmählich beginnt sich der Blick auf die steinernen Zeugen aus dieser Zeit zu wandeln, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Die Ostmoderne interessiere mehr Menschen, sagen Fachleute.

Um die Kantine des ehemaligen DDR-Computerherstellers Robotron in Dresden ist ein Kampf entbrannt. Der Flachbau nahe dem Hygienemuseum sollte abgerissen werden und einem neuen Wohngebiet mit Parkanlagen weichen. Nach Protesten und einem Stadtratsvotum sucht die Stadt nun nach einer neuen Lösung.

„Wenn nach Abriss mehrerer Gebäude auch noch dieses wegfällt, erinnert in der Stadt bald nichts mehr an das einst wichtige Unternehmen Robotron“, sagt Matthias Hahndorf von der Initiative osmodern.org, die sich als Plattform für Dresdner Nachkriegsarchitektur versteht. Zudem sei die Kantine auch architektonisch bemerkenswert. „Kein Typenbau, auch wenn teilweise Typenelemente verwendet wurden. Die Architekten wollten etwas Besonderes schaffen. Auch Kunst am Bau ist reich vorhanden.“ Jetzt gibt es die Idee zu einer Begegnungsstätte von Kunst, Wissenschaft, moderner Technik und Politik.

Das Interesse an der Ostmoderne habe zugenommen, glaubt Hahndorf. „Zu den Führungen kommen viele junge Menschen.“ Er beklagt, dass seit dem Mauerfall im Dresdner Stadtzentrum viel DDR-Architektur abgeräumt worden sei. „Die Kahlschlagbilanz ist groß.“ Das alte Centrum-Warenhaus, die Umgestaltung der Prager Straße, die einstige Webergasse, zählt er Beispiele auf. Mit dem neuen Saal des Kulturpalastes hat er hingegen seinen Frieden gemacht. Dort sei „qualitätvolles Neues“ entstanden.

„Das Interesse an der Ostmoderne ist jetzt stärker als nach dem Mauerfall“, bestätigt Susann Buttolo von der Architektenkammer. Die Wahrnehmung sei eine andere geworden. Allerdings sei die Einstellung der Architekten dazu breit gefächert. „Es gibt auch viele, die froh sind, das alles weg ist.“

Die Denkmale aus der DDR haben das Schicksal der Bauwerke geteilt. In Dresden war vergangenes Jahr debattiert worden, das 1992 abgeräumte Lenin-Denkmal zurückzuholen. Der Gedanke wurde wegen der Kosten wieder verworfen.

„Lenin hat es besonders hart getroffen“, sagt die Dresdner Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Luise Helas. Da stehe kaum noch einer in ostdeutschen Städten. Mehr Glück hatte das Ehrenmal für gefallene Rotarmisten. Es wurde in eine Parkanlage am Stadtrand nahe dem Militärhistorischen Museum verbannt. Die Büste von Ernst Thälmann und die Gedenkstätte für den tschechischen Schriftsteller, Kommunisten und Widerstandskämpfer Julius Fucik durften bleiben.

Helas beklagt, dass auch viele Alltagsskulpturen aus DDR-Zeit aus dem Stadtbild verschwunden sind. Im Lapidarium der Stadt lagern nach eigenen Angaben unter anderem Skulpturen wie vier Sandsteinfiguren unterschiedlicher Künstler vom TU-Gelände, die Figurengruppe „Bauarbeiter“ aus Gorbitz oder „Mütter mit Kindern“ von Karl Schönherr.

In Chemnitz genießt der legendäre Karl-Marx-Kopf hingegen geradezu Kultstatus. Die 40 Tonnen schwere und mehr als 7 Meter hohe Porträtbüste ist ein beliebtes Fotomotiv, Treffpunkt, Ort von Veranstaltungen und Konzerten. Der Kopf prangt auf T-Shirts und Tassen.

Denkmäler aus der DDR-Ära wurden in Chemnitz, das seinerzeit Karl-Marx-Stadt hieß, nicht entfernt oder vernichtet - soweit sie auf der Denkmalliste der Stadt stehen, heißt es dazu. Neben dem Marx-Kopf betreffe das unter anderem das Ernst-Thälmann-Denkmal am Schlossteich oder die Marx-Engels-Plastik im Park der Opfer des Faschismus. Lediglich das Panzer-Denkmal sei Anfang der 1990er Jahre demontiert und in ein Armee-Museum nach Bayern gebracht worden.

Und von der DDR-Architektur - der sogenannten Ostmoderne - seien im Stadtzentrum die wichtigsten Gebäude schon 1994 unter Denkmalschutz gestellt worden. Das betreffe unter anderem die Stadthalle mit Park, die ehemalige Hauptpost, Wohnblöcke mit Gesellschaftsbauten auf der Straße der Nationen, das IHK-Gebäude und den Behördenkomplex Brückenstraße. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. MajorKong

    Ich finde den Begriff "Ostmoderne" unpassend. Es handelt sich schlicht und einfach um Architektur der "Moderne". Als weiteres, sehr schönes Beispiel wäre noch das Rundkino sowie der großes Wohnkomplex an der Prager Straße in Dresden zu nennen. Alles allemal besser, als das Disneyland, dass in den vergangenen Jahren rund um den Altmarkt entstanden ist. Was mich allerdings stört ist, dass neben der Geringschätzung von moderner Architektur auch die Beseitigung von Denkmälern, etwa für Lenin, beklagt wird. Hieran kann nichts Verwerfliches finden, denn man sollte keine Denkmäler für Massenmörder erhalten.

  2. Joachim Herrmann

    Jede Zeit hat ihre Architektur, hat ihre Ansichten und ihre Bilderstürmer. Dazu scheint auch und besonders immer wieder die politische Bewertung nachgerade den Bilderstürmern den Weg zu zeigen. Das war zu DDR- Zeiten so und wurde in der "neuen" Zeit ebenso mit brachialer Gewalt durchgesetzt.Nach dem alles vernichtenden 2.WK war klar, das zuerst die Unterbringung von Menschen Vorrang hatte.Aber schon da gab es nicht Wenige, die achtsam mit dem umgingen, was noch war. Gleichwohl wurde dem Zeitgeist Raum gegeben- es war ja auch genügend da. Über Kunst und Architektur zu streiten- ist ein Fass ohne Boden.Auch,dass in die Jahre gekommene Bausubstanz aufzufrischen war und ist, muss ein stetiger Anspruch der Nachgeborenen sein-zumal sich bausubstantielle Mittel auch weiter entwickelt haben.Gelungen scheint mir das im Besonderen im Kulturpalast.An vielen Stellen und besonders auch an Wertvollem wurde einfach Raubbau betrieben und sinnentlehrt die Keule geschwungen-wir müssen noch viel lernen!

  3. Schwejk

    @1: als temporärer Marketing-Begriff ist "Ostmoderne" schon ganz passend. Es wird noch dauern, bis ein Teil dieser Bauten ganz selbstverständlich der Moderne zugerechnet wird. Bis dahin kann dieses Kunstwort Aufmerksamkeit für verschmähte oder verkannte Architektur schaffen und eine (hoffentlich) sachliche Auseinandersetzung befördern. Die Vertreter dieser Zeit stehen ja nun uneingeschränkt im vergleichenden Wettbewerb mit Zeitgenossen in Europa. Da wird manche Überraschung dabei sein; nur weniges war wirklich einzigartig oder neu.

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