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Donnerstag, 03.04.2014

Von Top-Moms und Herd-Heimchen

Vollzeit-Mama als Makel: Beginnt ein neuer Krieg der Mütter?

Von Johanna Lemke

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Ist die Vollzeit-Mutter das neue gesellschaftliche Feindbild? Oft genug zerfleischen sich Mütter gegenseitig.
Ist die Vollzeit-Mutter das neue gesellschaftliche Feindbild? Oft genug zerfleischen sich Mütter gegenseitig.

© dpa

Anna ist traurig. „Kindergartenzeit ist für Eltern echt nicht schön!“, schreibt sie in einem Internet-Forum. Anna erzählt, wie sie ihren einjährigen Sohn in der Kita erlebt. Die Betreuung sei nicht optimal. Das Kind werde nicht genug beachtet, das beunruhige sie. Man kann sich sicher sein: Bald wird in der Kommentarspalte ein Kampf beginnen: Kita-Befürworterinnen gegen Kita-Gegnerinnen, die einen beschwören die förderliche Wirkung der Fremdbetreuung, die anderen führen alle verfügbaren Zivilisationskrankheiten darauf zurück, dass Kinder „zu früh“ in die Kita kommen. So läuft es immer. Tagtäglich tobt der Krieg der Mütter.

Annas Klage ist einem neuen Buch entnommen: „Feindbild Mutterglück“. Geschrieben hat es die Journalistin Antje Schmelcher, die ihre Karriere für ihre drei Kinder auf Eis gelegt hat. Sie beklagt die mangelnde Anerkennung von Frauen, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder zu Hause zu betreuen und den Beruf zurückzustellen. Vor ein paar Jahren machte die Moderatorin Eva Herman schon mal einen Versuch in diese Richtung, sie wurde dafür heftig kritisiert. Seitdem ist viel passiert: Das nach wie vor skandalöse Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen steht auf der medialen Agenda, das Elterngeld soll den beruflichen Wiedereinstieg von Müttern fördern, und überall wird offen über eine Frauenquote in Führungsebenen diskutiert. Der Konsens lautet: Es soll Frauen möglich sein, Kinder zu bekommen und gleichzeitig berufstätig zu sein. Aber es ist noch lange nicht selbstverständlich. In Deutschland arbeiten nur wenige Mütter in Vollzeit, wenn sie überhaupt arbeiten. Gerade in westdeutschen ländlichen Gegenden ist die gar nicht berufstätige Mutter absolut die Regel.

Antje Schmelcher hat das offenbar anders erlebt. Sie fühlte sich als Mutter kritisch beäugt, ihre Arbeitgeber hätten ihr zu verstehen gegeben, dass sie entweder Vollzeit oder gar nicht arbeiten könne. Und in Berliner Szenebezirken sei sie schief angeguckt worden, wenn sie zugab, dass sie ihre Kinder daheim betreue. Man müsse heutzutage „Top-Mom“ sein, also eine Super-Mama, sonst sei man nichts wert. Statt des Dogmas „Küche und Kinder“ gelte heute „Kinder, Kita und Karriere“. Dabei ginge es ausschließlich um wirtschaftliche Gesichtspunkte, Schmelcher nennt das „Arbeitsmarktfeminismus“ oder „Frauenverwertung“. Sie beklagt, dass Mütter nur als „Humankapital“ für eine wachsende Wirtschaft gesehen würden. Und sie hat nicht unrecht: Natürlich haben Politiker Interesse daran, Frauen in steuerpflichtige Jobs zu bringen, die Wirtschaft braucht weibliche Fachkräfte. Ein Herd-Heimchen bringt kaum Punkte für das Bruttosozialprodukt.

Hetzkampagne gegen Mamas

Nun ist es aber so: Berufstätige Frauen sind nicht nur für die Volkswirtschaft gut. Sie sind auch für sich selbst gut. Weil sie sich kaufen können, was sie möchten. Weil sie in die Rentenkasse einzahlen. Weil sie im Falle einer Trennung vom Partner für sich selbst und eventuelle Kinder sorgen können. Weibliche Berufstätigkeit zu fordern ist daher ein Ur-Anliegen des Kampfes für Gleichberechtigung. Tatsächlich gab es eine unsägliche, auf Berlin beschränkte, Hetzkampagne gegen sogenannte Latte-Macchiato-Mütter, die mit ihren Kinderwagen die Bürgersteige blockierten. Außerhalb der Hauptstadt ist die fürsorgliche Mutter aber in der Regel das Ideal.

Und dann packt Schmelcher das Totschlagargument aller modernen Familienhüterinnen aus: das Gefühl. „Mutterglück“ nennt sie das recht mystisch, ohne es je zu definieren. Es muss herhalten für Horrorszenarien einer herzlosen Arbeitswelt, in der die Bedürfnisse von Müttern und ihren Kindern ignoriert würden. Ihre Konsequenz ist der Rückzug ins Private. Dass sich die Arbeitswelt ändern sollte, dass Firmen familienfreundlicher werden oder mehr Männer Familienzeit einfordern müssten, um Frauen zu entlasten, zieht Schmelcher kaum in Betracht. Sie fordert von der Politik, mehr für Vollzeit-Mütter zu tun. Was genau, das sagt sie nicht.

Wie so oft im Mütter-Krieg werden ominöse Gefühle oder biologistisch begründete Bedürfnisse hervorgekramt. Der Nationalsozialismus sei schuld, dass von Frauen heute noch Härte gegenüber ihrem Kind gefordert werde, so Schmelcher. Auch in der DDR, wo Frauen stark in den Arbeitsmarkt eingebunden wurden, sei die „kalte Mutter“ das Ideal gewesen. Dass es damals wie heute für viele Frauen einfach enorm befriedigend sein kann, nicht nur für das Beiseitigen von Popeln oder eine Eins auf dem Zeugnis des Kindes Anerkennung zu bekommen, zieht sie nicht in Betracht. Und sie kritisiert damit indirekt berufstätige Mütter, weil diese ja ihre Bedürfnisse und die der Kinder ignorierten.

Frauen wie Antje Schmelcher verhindern nicht den Krieg der Mütter. Sie treiben ihn weiter voran.

Antje Schmelcher: Feindbild Mutterglück. Warum Muttersein und Emanzipation kein Widerspruch ist.
Orell Füssli Verlag, 208 Seiten, 16,95 Euro

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Nieselpriem

    Wunderbarer Artikel, Frau Lemke! Alles schreit nach einer neuen Frauenbewegung, aber solange Mütter sich untereinander an die Köppe gehen, hat Emanzipation gar keine Chance. Die männerdominierte Wirtschaft hat als Feindbild längst ausgedient, die Feind sitzt in unseren Köpfen! Wir Mütter machen uns gegenseitig das Leben so schwer mit unserer Wertung und Beurteilung der Anderen, dass leider damit leider Themen wie Gehältergerechtigkeit WIRKLICH angegangen werden können.

  2. Henrike

    Sehr guter Artikel! Solange Frauen sich gegenseitig an die Köppe gehen, hat Emanzipation keine Chance! Die männerdominierte Wirtschaft hat als Feindbild längst ausgedient, der Feind sitzt in unseren Köpfen! Wenn man die Ressourcen, die die teilweise haarsträubenden Diskussionen und Grabenkriege binden, kanalisieren könnte, um Gehältergerechtigkeit und andere wirklich wichtige Themen anzugehen, wäre allen geholfen. Aber statt dessen beharken wir uns gegenseitig, ich schäme mich öffentlich!

  3. Spitze Feder

    Wenn Frau Schmelcher wirklich mutterglücklich wäre, würde sie sich einfach ihres Mutterglücks freuen und wäre meilenweit entfernt davon, ein anklagendes Buch zu schreiben. Sie ist eben schlichtweg unglücklich und möchte das dadurch ändern, dass ihr privater Zustand zum allgemein akzeptierten und gewertschätzten Normalzustand erklärt wird. Selbst wenn wir hypothetisch mal annehmen würden, ihr gelänge es tatsächlich, das Rad der Geschichte solcherart zurückzudrehen - darf stark bezweifelt werden, dass sie dadurch glücklich(er) wird. Es sei denn, sie bezöge ihr Glücksgefühl allein daraus, alle anderen besiegt zu haben. Im Übrigen scheint ja auch der Kindsvater der Mutterglücklichen selbst ihr den vollen Umfang der gewünschten Anerkennung zu verwehren, oder?

  4. Shewolf

    Ich finde es viel schlimmer, daß frau nicht mal mehr einen Teilzeitjob findet, nachdem sie sich aus freiem Entschluß ein paar Jahre den Kindern gewidment hat! Ich kann und will gar nicht in Vollzeit arbeiten. Ganz besonders hier in Sachsen scheint es so zu sein, daß man sich nur zwischen Vollzeithausfrau und Vollzeitjob entscheiden kann. Schaut man etwas weiter nach Westen sieht das ganz anders aus.

  5. achenar

    "Frauen wie Antje Schmelcher verhindern nicht den Krieg der Mütter. Sie treiben ihn weiter voran." So ein Argument ist der Tod jeder Debattenkultur, beinahe stalinistisch.

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