erweiterte Suche
Freitag, 06.07.2018

Vernunft als Bildungsziel

Wir sollten Urteile auf Fehler befragen und Falsches wenigstens bei uns selbst korrigieren.

Von Werner J. Patzelt

SZ-Kolumnist Werner J. Patzelt
SZ-Kolumnist Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Eine freiheitliche Demokratie ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn allzu viele Leute mit Politik dauernd so umgehen wie Fahranfänger mit Gaspedal, Bremse und Kupplung. „Aber ich will doch gar kein Politiker werden, höchstens wählen gehen!“ Doch selbst dann wäre Vernunft beim Reden über Politik ein lohnendes, wenn auch Mühe abverlangendes Bildungsziel. Denn nicht weniger als sieben Dinge umfasst jene politische Rationalität, die wir immer wieder vermissen – oft bei Politikern, noch öfter beim streitenden Volk.

Sie beginnt mit der Bereitschaft, das für politische Einschätzungen nötige Wissen zu erwerben und dabei Verzerrungen beziehungsweise die Ungewissheit erhaltener Informationen in Rechnung zu stellen. Dann braucht es die Fähigkeit, Tatsachenbehauptungen von Werturteilen zu unterscheiden – sowie die Gewohnheit, die Prüfung der sachlichen Richtigkeit einer Aussage von der Klärung des ethischen Wertes dessen zu trennen, wovon in der Aussage die Rede ist. Hinzu kommt die Selbstverständlichkeit, Argumentationen und Urteile auf Widersprüche und sachliche Fehler zu befragen – und Falsches wenigstens bei sich selbst zu korrigieren.

Viertens gehört zur politischen Rationalität der Perspektivenwechsel: Man muss einen politischen Sachverhalt oder Streitfall auch mit den Augen des Gegners betrachten können, um nämlich zu verstehen, warum die Ansicht des anderen sich von der eigenen unterscheidet – und was aus dem Perspektivenunterschied zu lernen ist. Fünftens braucht es Geläufigkeit darin, in Zusammenhängen zu denken, die Konsequenzen von Entscheidungen zu erwägen, politische Situationen als Konstellationen von objektiv Vorgegebenem und subjektiven Absichten zu durchschauen.

Sechstens geht es darum, das Wünschbare und Gesollte stets vom Faktischen und jeweils Möglichen zu unterscheiden. Und siebtens bedarf es folgender Einsichten: Politik ist immer ein Komplex von Herrschafts- und Machtstrukturen; es braucht ordnungspolitische Grundentscheidungen; Zielkonflikte sind möglich und Prioritätensetzungen nötig; gerechtes Zusammenleben verlangt Kompromisse; und nicht nur Entscheidungsinhalte, sondern auch die Verfahren des Entscheidens sind höchst folgenreich.

Das alles überfordert? Vielleicht. Doch nur als Untertan lebt es sich einfacher.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.