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Freitag, 09.03.2018

Verlag distanziert sich von Uwe Tellkamp

Der Dresdner Schriftsteller hatte am Donnerstag im Kulturpalast bei einer Diskussion vor einer „Gesinnungsdiktatur“ gewarnt. Der Suhrkamp-Verlag hält davon nichts und reagiert mit einem Tweet.

Uwe Tellkamp stößt mit seinen Äußerungen bei einer Diskussion im Dresdner Kulturpalast auf Kritik von seinem Verleger.
Uwe Tellkamp stößt mit seinen Äußerungen bei einer Diskussion im Dresdner Kulturpalast auf Kritik von seinem Verleger.

© Juergen Loesel / loesel-photogra

Dresden. Nur wenige Stunden nach der Debatte zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein im Dresdner Kulturpalast hat sich der Suhrkamp-Verlag von Äußerungen seines Autors Uwe Tellkamp („Der Turm“) distanziert.

Der Dresdner Schriftsteller hatte am Donnerstag im Kulturpalast vor einer „Gesinnungsdiktatur“ gewarnt und beklagt, dass in Deutschland die Meinungsfreiheit ausgehöhlt werde. Am Freitag stellte der Frankfurter Verlag auf Twitter klar: „Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp“.

Fotos von der Diskussion

Tellkamp und der Dichter Durs Grünbein hatten sich einen verbalen Schlagabtausch um die Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit geliefert. Bei der Debatte vor mehreren Hundert Zuschauern sagte der 49-jährige Tellkamp zu den Motiven von Flüchtlingen unter anderem: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“

Beide Autoren haben in der Stadt ihre Wurzeln und gehören zu den angesehensten, sprachmächtigsten Vertretern ihrer Branche. Den Anlass des Gesprächs liefern die Ereignisse auf der Frankfurter Buchmesse. Der Börsenverein als Branchenvertreter hatte dort zum Protest gegen rechtsnationale Verlage aufgefordert. Daraufhin warnte eine vom Dresdner Buchhaus Loschwitz initiierte „Charta 2017“ vor „Meinungsdiktatur“.

Grünbein, wie Tellkamp in Dresden geboren, warb für einen Wandel in der politischen Debatte und verteidigte die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Tellkamp bemängelte, dass die Grenzöffnung am Bundestag vorbei erfolgt sei. Den Medien unterstellte er, in der politischen Auseinandersetzung mit zweierlei Maß zu messen.

In seinem Roman „Der Turm“ (2008) hatte Tellkamp die letzten Jahre der DDR von 1982 bis 1989 im bürgerlichen Dresdner Milieu aufgearbeitet. Dafür erhielt er den Deutschen Buchpreis und weitere Auszeichnungen. Regisseur Christian Schwochow verfilmte den Roman mit Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen in den Hauptrollen. Der von der ARD im Oktober 2012 erstmals ausgestrahlte Zweiteiler wurde mehrfach preisgekrönt. Das Werk wurde auch auf die Bühne gebracht.

Uwe Tellkamp gehört zu den Erstunterzeichnern dieses Textes. Die Literaturveranstalter von der Dresdner Villa Augustin reagierten mit einem „Aufruf“, der „verbale Entgleisungen“ kritisierte. Grünbein gehört zu der Schriftstellergruppe, die dieser Charta „verbale Entgleisungen“ vorwirft. Die Diskussion wurde von Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung, moderiert. Hier gibt es die Veranstaltung noch einmal komplett zu sehen - sie beginnt ab Minute 11 mit der Begrüßung von Annekatrin Klepsch, Dresdens Kulturbürgermeisterin. (SZ/dpa)

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 45 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Erhard Jakob

    In einer bundesweit erscheinenden >tageszeitung< habe ich folgende Anzeige aufgegeben: *@ Pegida e.V.! Der Freistaat Sachsen ist beschuldigt zwei Gerichtsprotokolle gefälscht zu haben! Beweis: Siehe Bundestags-Petition 4-18-07-301-046685. Erhard Jakob Mobil: 0176/96349755*. Am Montag, den 5. März 2018, war ich das erste Mal bei einer >PEGIDA Veranstaltung< und habe diesen Text auf einem Plakat (1m x 1,2m) gezeigt. Die AfD ist in diese Sache involviert. Natürlich habe ich gehofft, dass der AfD Chef Jörg Urban dazu reden wird. Meine Hoffnung erfüllte sich nicht! An Tellkamp und Grünbeil! Nehmt diesen Text als Diskussions-Papier und redet darüber!

  2. Schwejk

    Habe mir das gestern Nacht noch angehört. Bitte mehr davon, denn es trägt zur Entzauberung bei: ein Romanschreiber ist noch lange kein brillianter Geistesarbeiter, eine Journalistin ist noch lange keine tiefgründige Gesellschaftsanalystin und aus dem Publikum kommt noch lange nicht "die" Volksmeinung. Mit ziemlich offenen Mund habe ich zur Kenntnis genommen, wie Tellkamp sich auf der Bühne selber demontiert hat - und finde das gut! Grünbein brauchte nicht all zu viel dagegen zu setzen, denn wiedergekäute Angstthesen und nur aufgelistete Zeitungszitate sind keine Basis für einen tiefer schürfenden Dialog. Muss man verstehen, dass Tellkamp seine Angst vor brennenden Autos usw. einseitig auf die linke Radikale projezierte, aber kein Wort zu der Angst vor unerwarteter körperlicher Gewalt, wie sie Menschen nach dem Stadtfest Dresden durch Rechtsextreme erfahren mussten, verliert - und sich wortschwallend beklagt, "in die rechte Ecke" gestellt zu werden? Jeder präsentiert sich wie er kann.

  3. dippoldine

    Leider finde ich den Link zum Video nicht! Oder ist es gar eingebunden und wird im Gegensatz zu den Werbevideos NICHT angezeigt. @Sächsische Zeitung: Bitte Link einfügen oder Einbindung prüfen. Danke

  4. so ä dresdner

    @1: ... whatever that means ...

  5. Berg

    Also, es wäre das Allerletzte für mich, mir die Welt von Tellkamp&Co erklären zu lassen. Auf welche eigenen Erfahrungen können denn zwei solche Schreiberlinge zurückgreifen? Waren sie mal einige Jahre in einer Montagehalle, in einem Konstruktionsbüro, in einem Sourcingbüro oder in einer Schule, einer Kulturzentrale praktisch tätig? Welche Parteisitzungen kennen sie? - Da kann doch nur Gequatsche herauskommen. - Hier regieren zwei Regierungen, Bundes-, Landes-, gebildet nach dem Mehrheitsprinzip. So. Das ist erstmal die politische Rahmenbedingung. - In der Wirtschaft herrscht der Konkurrenzkampf des Kapitalismus als Grundprinzip. So. Leute, DAS muss erstmal verinnerlicht werden. - Dann können wir über die anderen, die Oppositionellen, Unverstandenen, Benachteiligten, Abgehängten, Gegner und die Desinteressierten, Nichtwähler usw. reden. Aber nicht mit Tellkamp&Co.

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