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Freitag, 16.03.2018

Uwe, Uwe

Auf wessen Seite muss man stehen, um beim Meinungsstreit über den Stil klagen zu dürfen? Und wo bleiben die Tatsachen?

Von Werner J. Patzelt

 Prof. Werner J. Patzelt
Prof. Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Was für ein Unwetter hat denn nun schon wieder Dresden heimgesucht! Mindestens drei Spannungsfelder überlagern einander beim jetzigen Streit um die zwei Uwes, nämlich Tellkamp und Steimle. Erstens: Welche Denk- und Redeweisen beim Aufbringen oder Wegdrücken von Themen gelten hierzulande als geboten, welche anderen aber als nicht akzeptabel? Sodann: Haben Rassismus und Rechtspopulismus unserem Land den Aufstieg zur moralischen Großmacht vermasselt – oder ist die öffentliche Präsenz von beidem die Folge einer fahrlässigen Migrations- und Integrationspolitik? Und am Ende: Auf wessen Seite muss man stehen, um beim politischen Meinungsstreit ungerügt über welchen Stil der Auseinandersetzung klagen zu dürfen?

Beiderseits nimmt bei solchen Debatten selbstgerechte Emotionalisierung wechselwirkend zu. Auf der Strecke bleiben die Zurkenntnisnahme auch unliebsamer Tatsachen und der Vorrang von Vernunft vor bloßem Gefühl. Auch geraten bisherige Verwalter kultureller Hegemonie beim gegenwärtigen Rendezvous mit der Wirklichkeit allmählich in die Defensive. Sie fühlen, dass sich auf breite Unterstützung zwar noch in den besseren Kreisen zählen lässt, doch nicht mehr beim einfachen Volk. Deshalb nicht mehr siegessicher, erörtern die früheren Herren öffentlicher Narrative nun lieber Stilfragen des Streitens („Das klingt ja wie bei Pegida!“) als dessen Inhalte. Und es wird das Spiel mit dem Ungesagten, ins Gesagte Hineindeutbaren, klar reizvoller als die Auseinandersetzung mit umstrittenen Sachverhalten.

Manches wirkt, als würde da um Glaubensfragen gestritten. Die Haltung zu Geflüchteten oder zur AfD wird zur Scheidelinie, die auszugrenzende Ketzer von Glaubensgeschwistern bundesdeutscher Zivilreligion trennt. Zwar könnte man wissen, dass Luthers Ächtung den Proteststurm der Reformation eher angefacht als besänftigt hat. Doch gewisse Fehler fühlen sich für den, der sie begeht, wohl so selbsterhöhend an, dass er von ihnen auch dann nicht lässt, wenn sie sich längst als der eigenen Sache abträglich erwiesen haben. Derzeit gilt das für die Gegnerbekämpfung durch Stigmatisierung und Ausgrenzung statt durch kommunikativen Nahkampf.

Wie schade, dass so viele Gutmeinende beim Umgang mit heutiger System- und Elitenkritik immer noch politisch allzu wenig können!

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

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