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Donnerstag, 04.05.2017

Unser Problem mit dem Comic

Die Amerikaner haben Superman, die Franzosen Asterix, die Belgier die Schlümpfe - und Deutschland? Deutschland ist bei Comics ein Entwicklungsland. Jetzt gibt es Nachhilfe von der Bundeskunsthalle.

Von Christoph Driessen

Ein Darsteller in einem Schlumpf-Kostüm am 2. Mai 2017 in Berlin am Lustgarten (Symbolfoto).
Ein Darsteller in einem Schlumpf-Kostüm am 2. Mai 2017 in Berlin am Lustgarten (Symbolfoto).

© dpa

Bonn. Comics in Deutschland - das ist ein Trauerspiel. Sagt Alexander Braun, Kurator der größten Ausstellung zur Comic-Geschichte, die es in Deutschland bisher gegeben hat. Der beste Beweis für seine These: In Frankreich, Belgien und vielen anderen Ländern kann man als Erwachsener ohne weiteres in der U-Bahn ein Comic-Heft lesen, im Entwicklungsland Deutschland dagegen wird man immer noch komisch angeguckt.

Mit der ihr eigenen Gründlichkeit erteilt die Bundeskunsthalle den Deutschen von Sonntag (7. Mai) an Nachhilfe in Sachen Comics. Zentrale Botschaft: Die Sprechblase wird in vielen Ländern zur Hochkultur gerechnet. So hat die Bundeskunsthalle um Manga-Originale aus Japan geradezu gekämpft - „das ist so, wie wenn man den Louvre dazu bringen wollte, die Mona Lisa rauszurücken“, erzählt Braun.

Entstanden sind die Comics Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen Zeitungen. Es gab noch kein Radio, kein Kino - die Zeitung war das Medium schlechthin. Mit den Comics wurden farbige Bilder erstmals auch für Arbeiter erschwinglich. Der Comic war damals die Leitkultur im Entertainment-Bereich. Die Bonner Ausstellung macht deutlich, wieviel kinetische Energie in den frühen Comics steckt: So läuft in „Little Nemo in Slumberland“ von 1906 ein Elefant in 3-D-Manier auf den Betrachter zu.

Das von der Zeitung unabhängige Comicheft kam Ende der 1930er Jahre mit dem beispiellosen Erfolg von Superman auf. Die Hefte wurden vor allem von Jugendlichen gekauft: „Da entstand die erste Jugendkultur - zehn Jahre vor Rock ’n‘ Roll“, sagt Braun.

Europa ignorierte die Entwicklung erstmal lange, denn was konnte schon Gutes aus Amerika kommen? Erst um 1930 tat sich was - im kleinen Belgien. Dort erschien Tintin, auf Deutsch: Tim und Struppi. Die Serie von Hergé war mit ihren klaren Konturen und der flächigen Kolorierung stilbildend und ist heute Gegenstand einer geradezu wissenschaftlich betriebenen „Tintinologie“. Weitere belgische Comic-Stars sind Lucky Luke, Gaston und die Schlümpfe. Die Franzosen haben - natürlich! - Asterix.

Und Deutschland? „Das ist eine lange Geschichte der Ignoranz“, seufzt Braun. Als mit GIs und Care-Paketen erste Comics aus Amerika einschwebten, wurden sie als „Schmutz und Schund“, „Esperanto der Analphabeten“, ja als „Vergiftung der Seelen und Sinne unserer Kinder“ verteufelt. Braun sieht darin ein Ablenkungsmanöver der Nazi-Generation: Wer sich so stark für eine saubere Jugend engagierte, der musste doch zwangsläufig ein reines Gewissen haben. Später entwickelte Figuren wie Fix und Foxi oder der Igel Mecki blieben bieder.

Dabei wäre auch eine ganz andere Entwicklung denkbar gewesen, denn Deutsche haben den Comic im 19. Jahrhundert miterfunden: Als Vorläufer gelten die Bildgeschichten des Max-und-Moritz-Erfinders Wilhelm Busch (1832-1908), auch wenn bei ihm noch die Sprechblasen fehlen. Die fügte dann als einer der ersten der aus Schleswig-Holstein in die USA ausgewanderte Rudolph Dirks (1877-1968) ein. Seine „Katzenjammer Kids“ kamen 1897 heraus - und erscheinen als ältester Comicstrip bis heute. (dpa)