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Donnerstag, 09.08.2018

Und wo kommen Sie wirklich her?

Von David Hagbäumer

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David Hagenbäumer, geboren 1986 in Seoul, wuchs im Landkreis Osnabrück auf und studierte Kommunikationsmanagement. In Leipzig arbeitete er als Online-Redakteur für Tag24. Seit Juni ist er Redakteur der „Freien Presse“ in Zwickau.Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.
David Hagenbäumer, geboren 1986 in Seoul, wuchs im Landkreis Osnabrück auf und studierte Kommunikationsmanagement. In Leipzig arbeitete er als Online-Redakteur für Tag24. Seit Juni ist er Redakteur der „Freien Presse“ in Zwickau. Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

© Uwe Mann

  • David Hagenbäumer, geboren 1986 in Seoul, wuchs im Landkreis Osnabrück auf und studierte Kommunikationsmanagement. In Leipzig arbeitete er als Online-Redakteur für Tag24. Seit Juni ist er Redakteur der „Freien Presse“ in Zwickau.Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.
    David Hagenbäumer, geboren 1986 in Seoul, wuchs im Landkreis Osnabrück auf und studierte Kommunikationsmanagement. In Leipzig arbeitete er als Online-Redakteur für Tag24. Seit Juni ist er Redakteur der „Freien Presse“ in Zwickau. Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.
  • Japanerin? Koreanerin? Chinesin? Vietnamesin? Asiatin! Foto: Getty
    Japanerin? Koreanerin? Chinesin? Vietnamesin? Asiatin! Foto: Getty

Ein neuer Kampf um die Meinungshoheit ist im vollen Gange. Es geht um Alltagsrassismus, um persönliche Erfahrungen und auch ein Stück weit um den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft. Betroffene Menschen schildern beim Kurznachrichtendienst „Twitter“ ihre Erfahrungen mit Rassismus unter dem Schlagwort #MeTwo, das so viel heißt wie „IchZwei“ und bedeutet, dass ein Mensch mehrere Heimat-Identitäten haben kann. Nun gibt es erwartungsgemäß Gegenstimmen zu #MeTwo, die den geschilderten Alltagsrassismus verharmlosen, verhöhnen, rechtfertigen. Viele dieser Stimmen geben Menschen mit Migrationshintergrund eine Mitschuld.

Dabei ist diese Abwehrhaltung unangebracht. Es geht bei der #MeTwo-Debatte nicht darum, Deutschland pauschal Rassismus vorzuwerfen. Vielmehr bietet diese vom Gießener Studenten Ali Can ins Leben gerufene Aktion Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen, sie nicht länger unkommentiert „herunterschlucken“ zu müssen. Die Botschaft an die „weiße Mehrheitsgesellschaft“ könnte lauten: „Wir gehören immer dazu und nicht erst dann, wenn es Euch in den Kram passt.“

In den meisten Fällen scheint es diese Mehrheitsgesellschaft zu sein, die bestimmt, wer deutsch und wer Migrant, wer Ausländer ist. Diese Mehrheitsgesellschaft schlicht als Gruppe von „Weißen“ zu definieren, führt in die Irre. Begriffe wie „Bio-Deutsche“ oder gar „Kartoffeln“ zu verwenden, ist unfair. Und doch spielt diese Gruppe in den meisten rassistischen Erfahrungen die Hauptrolle – auch in meinen.

Ich wurde in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul geboren, kam im Säuglingsalter als Adoptivkind nach Deutschland. Meine Erinnerungen an mein Geburtsland: null. Stattdessen wuchs ich gut behütet in der niedersächsischen Provinz mit Heimatfilmen, deutschen Volksliedern und Schützenfesten zwischen Bauernhöfen auf.

Den Hinweis, nicht einwandfrei als Teil dieses Landes anerkannt zu werden, gaben mir fremde Menschen auf der Straße und meine Mitschüler, als ich auf die Realschule wechselte. Von Kindheit an sprachen mich Personen im Vorbeigehen an, wo ich denn herkomme. Bis heute beantworte ich diese Frage mit meiner niedersächsischen Heimat. Darauf folgt regelmäßig die nächste Frage: „Und wo kommen Sie wirklich her?“ Ist die erste Frage freundlich gestellt, wird der Ton bei der zweiten bohrender. Nenne ich meinen Geburtsort, kann ich die Erleichterung im Gesicht meines Gegenübers ablesen. In der Regel folgt als Verabschiedung ein Satz wie: „Dafür sprechen Sie aber gut Deutsch.“ Nun weiß mein Gegenüber alles, was er über mich wissen muss. Ein Leben, heruntergebrochen auf mein exotisches Aussehen.

Noch prägender waren für mich die Hänseleien anderer Kinder. Für sie war ich der Chinese, der Japaner oder „Japse“. Altersgenossen fuchtelten mit vermeintlichen Karate-Bewegungen vor meinem Gesicht herum, äfften die chinesische oder japanische Sprache inklusive alberner Verbeugung nach oder machten Schlitzaugen. Das passiert mir bis heute. Bis heute reagiere ich allergisch darauf, wenn Menschen in meiner Gegenwart über vermeintliche Chinesen oder japanische Touristen herziehen, in dem Wissen, dass asiatisch aussehende Menschen oft wahllos in einen Topf geworfen werden. Wenn der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) in einer Rede in Hamburg Chinesen als „Schlitzaugen“ bezeichnet, fühle ich mich angesprochen, obwohl ich gar nicht gemeint bin. Wer die Wortwahl Oettingers verteidigen will, kann meine Reaktion überempfindlich nennen. Man kann aber auch versuchen, sich vorzustellen, wie es ist, im Alltag regelmäßig fälschlicherweise als Chinese bezeichnet zu werden. Negativer Höhepunkt ist für mich aber das Wort „Fidschi“, das zu DDR-Zeiten als Sammelbegriff für vietnamesische Gastarbeiter benutzt wurde. Und heute wird der Name der kleinen Inselgruppe im Südpazifik als Synonym für die Bevölkerung Asiens – rund vier Milliarden Menschen – verwendet.

Über diese Erlebnisse zu sprechen, erfordert von jedem Betroffenen Überwindung. #MeTwo ist kein Gerichtsprozess, viele Betroffene sehen sich nicht als Kläger. Sie wollen die Menschen dafür sensibilisieren, dass Rassismus nicht immer in der braunen Gestalt daherkommt. Oft ist Rassismus auch nur die vermeintlich harmlose Wiedergabe von Vorurteilen. Rassismus arbeitet sich an Oberflächlichkeiten ab, wie am Aussehen oder am Namen. Er zieht eine sprachliche Grenze, diskriminiert eine Gruppe von Menschen von einer anderen anhand oft unbedeutender Merkmale. Dies geschieht bewusst und unbewusst, verfestigt sich in den Köpfen der Menschen und beeinflusst so Gesellschaftsdebatten. Insoweit hat Alltagsrassismus auch nur bedingt etwas mit der Integrationsdebatte zu tun. Rassismus hat keinen Respekt vor der Integrations- und Lebensleistung betroffener Menschen. Es kommt nicht darauf an, ob er oder sie in diesem Land aufgewachsen ist, hier lebt, liebt und arbeitet.

Um auf Mesut Özil zurückzukommen: 2010 lief er im Trikot der deutschen Nationalelf gegen das Heimatland seiner Eltern, die Türkei, auf. Dafür pfiffen ihn die türkischen Fans gnadenlos aus. Viele verstanden nicht, wie der in Gelsenkirchen geborene Mittelfeldspieler sich für Deutschland entscheiden konnte. Für sie spielten der deutsche Pass sowie Özils Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet keine Rolle, nur seine türkischen Wurzeln. Auch das sollte Teil einer ehrlichen #MeTwo-Debatte sein. (fp)

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