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Samstag, 17.02.2018

Und ich sitze und halte still

Elke Erb hat Generationen von Dichtern beeinflusst. Jetzt wird sie 80. In der Lausitz findet sie Sommerbilder für ihre Texte.

Von Karin Großmann

Elke Erb veröffentlichte ein Dutzend Bücher und ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Foto: imago
Elke Erb veröffentlichte ein Dutzend Bücher und ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Foto: imago

© imago/gezett

An ihrem achten Geburtstag trägt sie einen Stoffblümchenkranz. Sonnenschein liegt auf der Winterwiese. Die Kinder gehen draußen im Kreis und singen. Dieses Bild hält Elke Erb in einem Gedicht fest. An diesem Sonntag wird sie achtzig. Obwohl sie so unklassisch wirkt wie nur denkbar, zählt sie zu den Klassikern der deutschen Gegenwartsliteratur. Eine poetische Instanz ohne alle Allüren. Ihr Thema: „wo es schmerzt“.

Drei Generationen von Dichtern fühlten und fühlen sich ihr verwandt und setzen sich auseinander mit dem, wie sie schreibt. Das sind die Dichter ihrer eigenen Generation, die vom Prenzlauer Berg in der DDR und die Jungen von heute. Neben dem Handwerk lernen sie Haltung und den Blick auf die Welt. Unerhört neugierig ist dieser Blick, als sei jederzeit mit Unverhofftem zu rechnen. „Das Staunen ist nichts anderes als ein ungehindertes Wahrnehmen und Ermessen.“ Elke Erb entdeckt das Überraschende im Vertrauten, in Berlin, wo sie lebt, und in der Lausitz am Fuß des Czorneboh, wo sie seit vierzig Jahren ihre Sommer verbringt und schreibt. „Da sitze ich draußen auf dem Boden, um mich ist die Natur, und ich sitze und halte still.“ Einmal sieht sie drei Rehe im gleichen Takt in den Busch springen und holt ein schwarzes Rehmäulchen ins Gedicht.

Nebenan wohnte der Poet Kito Lorenc. Ihre Texte haben manches gemeinsam. Das ist vor allem die unbändige Lust, die Wörter beim Wort zu nehmen und sie so lange zu wenden, bis sie einen neuen Sinn hergeben. Wenn einer überwintert, warum sollte er nicht auch übersommern im Heu? Wenn es ein Lügenmaul gibt, warum nicht auch eine Lügenstirn? Und hört man den Wipfeln nicht an, wie sie wippen im Wind?

Das mag einfach klingen, doch so leicht macht es Elke Erb ihren Lesern nicht. Sie arbeitet mit Andeutungen und Assoziationen, fällt sich selbst ins Wort und nimmt das Kleinste fürs Ganze. „Ich galt lange als unverständlich, das hat sich geändert, als es aus war mit den hohlen Phrasen. Lange her. So kam ich weiter mit den Gedichten.“ Den üblichen Schubläden verweigert sich die Autorin und spaziert mittendurch zwischen Prosa und Poesie, und das seit ihrem ersten Band „Gutachten“ von 1975. In den Achtzigern erschienen beim Ostberliner Aufbau-Verlag die Bücher „Vexierbild“ und „Kastanienallee“. Sie hatten geradezu Kultstatus. Immer spielen Typografie, Papier und die äußere Form des Buchs eine Rolle.

Wenn Elke Erb ihre Texte liest, klingt ein weicher Ton mit. 1949 war ihre Familie aus einem Eifelnest nach Halle an der Saale gezogen, wo die Töchter zunächst in den Franckeschen Stiftungen lebten. Elke Erb arbeitete in der Landwirtschaft, studierte Germanistik, Slawistik und Pädagogik und arbeitete für den Mitteldeutschen Verlag, bis sie 1966 freischaffend wurde. Ihr Auskommen verdiente sie vor allem als Übersetzerin und Nachdichterin aus dem Russischen, Weißrussischen und Georgischen und als Herausgeberin.

Sie arbeitete auch an inoffiziellen Lyrikanthologien und Künstlerbüchern mit, etwa für die Obergrabenpresse in Dresden. Den Gesellschaftswechsel 1989 kommentierte Erb spöttisch als „postfeudalen Fürstenwandel“. Untergründige Ironie und Selbstironie gehören zu ihren bevorzugten Stilmitteln. Freimütig gibt sie Einblicke in ihre Werkstatt, zuletzt im Band „Gedichte und Kommentare“. Im Mai hält Elke Erb beim 19. Poesiefestival in Berlin eine Rede: „Das Gedicht ist, was es tut“.

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