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Dienstag, 20.02.2018

Umjubelt und umstritten

Der Nobelpreisträger Günter Blobel war ein großer Freund Dresdens. Oft hat er sich eingemischt in den Wiederaufbau des Neumarktes – nicht immer zur Freude anderer.

Von Sandro Rahrisch, Katrin Saft und Stephan Schön

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Günter Blobel im Jahr 1999 in seinem Laboratory, kurz nachdem er Medizin-Nobelpreisträger wurde. Die Skyline von Manhattan am Fenster und Maria Theresia von Österreich neben sich. Zukunft trifft Geschichte.
Günter Blobel im Jahr 1999 in seinem Laboratory, kurz nachdem er Medizin-Nobelpreisträger wurde. Die Skyline von Manhattan am Fenster und Maria Theresia von Österreich neben sich. Zukunft trifft Geschichte.

© SZ/Stephan Schön

Eine der letzten Kriegswunden des Dresdner Neumarkts wollte Günter Blobel schließen. Mehrere Millionen Euro hat er in den Wiederaufbau des kleinen Kaufhauses „Au petit bazar“ gesteckt. Ein Eckhaus gegenüber der Frauenkirche, das er aus Kindheitstagen kennt. Bis zur Zerstörung war es eine gute Adresse für Ballkleider. Blobel kann nicht mehr miterleben, wie wieder Leben in das kleine, noch unfertige Neumarkt-Kaufhaus ziehen wird. Der Nobelpreisträger und Dresden-Freund ist am Sonntag einem Krebsleiden erlegen.

„Es tut sehr weh“, sagt Heidrun Hannusch, die mit Blobel den Dresdner Friedenspreis ins Leben gerufen hat. Das habe sie nicht erwartet. Zum Richtfest des „Au petitit bazar“ Mitte Januar ließ der 81-Jährige seinen Gästen noch ausrichten, dass er zur Eröffnung im Frühjahr 2019 nach Dresden reisen werde. Außerdem wollte Blobel am Sonntag bei der Verleihung des Friedenspreises an den früheren Weltklasse-Sprinter Tommie Smith per Video in der Semperoper zugeschaltet werden. Doch das war schon nicht mehr möglich.

Die Bilder des lebendigen, historischen Dresdens ließen Günter Blobel nie wieder los. Die der Trümmer ebenso wenig. Geboren wurde er im Mai 1936 im schlesischen Waltersdorf. Mit acht Jahren flohen er und seine Familie vor den Russen. „Bis dahin war meine Kindheit eine Idylle“, schrieb er einmal. Auf dem Weg nach Westen kam er durch Dresden. Die vielen Türme und die Kuppel der Frauenkirche seien selbst für ein Kind unglaublich gewesen.

Bis die Flugzeuge kamen. „Das Feuer war so hell, dass man nachts hätte Zeitung lesen können“, erzählte er der New York Times. Dabei war er schon viele Kilometer von der Stadt entfernt, als die Bomben über Dresden abgeworfen wurden. „Nach dem Krieg sind wir zweimal durch Dresden gefahren und ich habe die unglaubliche Zerstörung gesehen.“ Damals habe er sich geschworen: „Wenn es jemals eine Chance gibt, dass ich helfen kann, das wiederaufzubauen, werde ich es machen.“

Blobel machte zu DDR-Zeiten in Freiberg das Abitur und ging anschließend wegen des Medizinstudiums in den Westen. Kurz nach der politischen Wende gründete er in New York den Verein „Friends of Dresden“ und sammelte Geld für die Stadt an der Elbe. Als er den Nobelpreis bekam, spendete er 820 000 Euro vom Preisgeld für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Er gab Geld für den Synagoge-Neubau und setzte sich für die historische Rekonstruktion des Neumarktes ein. „Wenn man ein Wort finden wollte, das Günter Blobel charakterisierte, war es Leidenschaft“, sagt Heidrun Hannusch. „Alles, was er tat, tat er mit grenzenloser Leidenschaft.“ Menschen, die mit ihm angeeckt sind, sprechen allerdings von Sturheit.

Um die unzerstörte Elbtal-Flusslandschaft zu bewahren, stellte er sich von Anfang an gegen die Waldschlößchenbrücken-Pläne. Schon 2004 geißelte er diese als „Verbrechen an der Dresdner Stadtlandschaft“. Sie zerstöre den grandiosen Blick vom Waldschlößchenareal auf die Frauenkirche. Blobel drohte und kündigte an, sich aus der von ihm gegründeten US-amerikanischen Fördergesellschaft „Friends of Dresden“ zurückzuziehen, wenn die Brücke gebaut werden sollte. Und er schreckte auch nicht davor zurück, die Dresdner vom fernen New York aus aufzurufen, nur noch die Stadträte zu wählen, die gegen den Bau der Brücke gestimmt haben. Viele Dresdner empfanden das als Einmischung und Erpressung.

Doch Blobel ging noch einen Schritt weiter: 2005, nachdem sich bei einem Bürgerentscheid 67,8 Prozent der Teilnehmer für die Brücke ausgesprochen hatten, informierte er in Paris die Unesco über das geplante Vorhaben – und löste damit die Aberkennung des Welterbetitels aus. Das nahmen ihm sehr viele Dresdner übel. Sie warfen ihm vor, demokratische Prozesse aushebeln und die Stadt fremdbestimmen zu wollen.

Doch seine Entscheidung sei richtig gewesen, sagte er vor zwei Jahren im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Auch wenn er damals geahnt hätte, dass seine Initiative zum Verlust des Titels führen würde. „Diese große Kommission kann man nicht beeinflussen. Und sie wäre von selbst darauf gekommen, dass das nicht vereinbar miteinander ist.“ Niemals könne er sich mit der Brücke anfreunden. Und Sturheit und Borniertheit hätten auch ihre positiven Seiten. „Man muss in der Wissenschaft eine gewisse Sturheit haben, um etwas zu Ende zu bringen.“ Man dürfe ein Nein nicht einfach als Antwort hinnehmen. Weder in der Forschung noch bei anderen Projekten. „Nie, niemals“, setzte er in einem Interview hinzu und ließ die Faust auf den Tisch krachen. „Ich hasse halbe Sachen!“ So ein Typ sei er nun mal gewesen, sagt Kai Simons, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden. Blobel habe ihm vor Jahren dazu geraten, in Dresden genau auf diesem Gebiet weiterzuforschen. Bis zu seinem Tod standen beide in Kontakt.

Hass habe Günter Blobel in all den Auseinandersetzungen aber nie gehabt, sagt Simons. Selbst dann nicht, als die Debatten um und über ihn als Verhinderer des Weltkulturerbes an Schärfe kaum noch zu überbieten waren.

Auch in der Forschung stieß Blobel auf Widerstand. Mehr als 20 Jahre vergingen, bis er für seine Arbeit den Medizin-Nobelpreis bekam. Auf nur anderthalb Seiten hatte er 1975 seine Theorie skizziert. Es geht um Zellkerne und Wege dort hinein. Da gibt es Schleusen und Kanäle, die es lebenswichtigen Stoffen überhaupt erst ermöglichen, an die richtigen Stellen in den Zellen zu gelangen. Blobel nannte es Autobahnen, auf denen diese Lebensbausteine alle Staus umfahren. Proteine, die Bausteine des Lebens, besitzen Adresszettel und die Zellen wiederum Postleitzahlen. So finden die zigtausend Stoffe überhaupt an die richtigen Stellen. Stimmt mit den Adresszetteln irgendetwas nicht, dann kann dies zu schweren Erkrankungen führen. Mithilfe seiner Entdeckung kommen Wissenschaftler heute den wirklichen Auslösern solcher Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs näher. 1999 wurde er dafür ausgezeichnet.

Die Rockefeller University, an der Blobel seit 1967 wirkte, informierte am Sonntag in einem internen Schreiben die Mitarbeiter und Forscher. „Er wird schmerzlich vermisst werden“, schrieb der Präsident der Universität, Richard Lifton. „Günter löste eines der Hauptprobleme in der Zellbiologie – wie neu synthetisierte Proteine für den Export aus der Zelle oder zu anderen Zellorganellen gerichtet sind“, fasste Lifton die bis heute wegweisende Entdeckung zusammen und bezeichnete Blobels Arbeit als bahnbrechend. Sie sei der Grundstein für das moderne Gebiet der molekularen Zellbiologie, auf dem Generationen von Wissenschaftlern ihre Erkenntnisse aufbauen würden.

Bis zuletzt arbeitete Günter Blobel an der Universität. Die Sächsische Zeitung hat ihn das letzte Mal vor elf Monaten in seinem New Yorker Labor mit Traumblick auf den East River und die Queensboro-Brücke besucht. Da machte er immer noch eine stattliche Figur mit seinem schlohweißen, dichten Haar und einem sportlichen Streifenhemd. Es gehe ihm ausgezeichnet, sagte er damals. Er wolle so lange arbeiten, wie es ihm Spaß mache, um seine wissenschaftlichen Erfahrungen weiterzugeben.

Auch mit 80 Jahren hatte er noch nichts von seiner trotzig-forschen Art eingebüßt und ließ den Dresdnern seinen Standpunkt zur Arbeit der Neumarkt-Wächter ausrichten. Denn bevor die ersten Ziegelsteine seines „Au petit bazar“ aufeinandergesetzt werden konnten, gab es viel Knatsch darüber, wie das Haus aussehen soll. Blobel wollte sein Märchenschloss, wie er es nannte, weder originalgetreu wiederaufbauen, noch etwas gänzlich Neues schaffen. Die Schaufensterfront, die sich früher über zwei Etagen erstreckte, stauchte er zusammen. Und die Decken wollte er deutlich höher haben, was der Gesellschaft Historischer Neumarkt missfiel. Dem Verein, dessen Aushängeschild er einst war, warf er „fundamentalistische Forderungen“ in Bezug auf die Originalität seines Neubaus vor. In den Zimmern solle man wohnen können. So verwinkelt und eng wie früher wolle das heute niemand mehr.

Schon sein anfängliches Interesse an der Neumarkt-Immobilie kam nicht bei jedem gut an. Blobel, der für einen historischen Wiederaufbau stand, kaufte 2006 von jüdischen Erben ein Teilgrundstück im sogenannten Quartier VI, auf dem damals ein modernes Gewandhaus entstehen sollte. Nachweisen konnte man es ihm zwar nie. Doch seine Kritiker behaupteten, dass er das nur getan hätte, um den Bau zu verhindern – was ihm letztlich auch geglückt ist. Denn als Miteigentümer hatte er auch Mitspracherecht. In Zukunft sollen zwei Platanenreihen an das alte Gewandhaus erinnern.

In dieser Zeit lernte er den Neumarkt-Investor Arturo Prisco näher kennen, der ebenfalls im Quartier VI gemeinsam mit einer holländischen Firma bauen wollte. Zu Prisco, dem Schöngeist, fasste Blobel Vertrauen. „Wir haben damals oft zusammengesessen und Pläne geschmiedet“, sagte Prisco am Montag. „Wir haben uns respektiert.“ Die Stadt verkaufte aber an das Immobilienunternehmen „Unser Schönes Dresden“ (USD), statt an Prisco, weil dieses mehr Geld bot, aber auch mit mehr Nutzfläche plante.

Blobels Handicap war auch, dass er vom fernen New York aus zu selten am Neumarkt präsent sein konnte. In der amerikanischen Metropole lernte er die Kunsthistorikerin und Restaurantbesitzerin Laura Maioglio kennen, seine spätere Frau. Seine Dresdner Vorhaben legte er in die Hände des Architekten Michael Kaiser, dem ehemaligen Stadtplaner von Ex-Baubürgermeister Gunter Just (SPD). Kaiser genoss Blobels vollstes Vertrauen, denn auch er war erbitterter Gegner der Waldschlößchenbrücke. Beide hatten sich in den Protestzeiten kennen- und schätzen gelernt.

Inzwischen können Stadtverwaltung und Neumarkt-Gesellschaft mit dem Neubau leben. „Günter Blobel hat sich über Jahrzehnte mit so viel Kraft und großem Herzen für Dresden eingesetzt, wie es ein wahrer Freund zu tun vermag“, sagte Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke), stellvertretend für den Oberbürgermeister. „Und wie ein wahrer Freund hat sich Blobel nicht gescheut, auch kritische Töne anzuschlagen, wenn es an exponierten Orten der Stadt um die Frage ging, zu bewahren oder neu zu gestalten.“ Sein Engagement sei eine große Ehre und eine unschätzbare Hilfe gewesen.

Ein Stück von Dresden hatte Günter Blobel immer bei sich. In seinem Büro hängt ein großes Gemälde von der Frauenkirche, wie eine Trophäe. Ihre formvollendete Einbettung in die weitgehend originalgetreuen Stadtstrukturen sollte ihr großer Gönner und „Friend of Dresden“ leider nicht mehr erleben dürfen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Haag

    Neueste, hoch wissenschaftliche und sauber recherchierte Erkenntnisse gibt das Triumvirat der SZ Schreiberlinge hier in der Bildunterschrift bekannt. Es gab eine Königin von Sachsen und die hieß Maria Theresia. Toll was doch Geschichtskenntnisse Alles bewirken. Wer lesen kann ist klar im Vorteil und ein Geschichtsbuch oder Herr Googel (das ist eine Suchmaschine) hätten vor einer derartigen Pleite bewahrt. Allen Dummlingen gesagt: Maria Theresia war Kaiserin von Österreich, der sogenannten k.u.k. Monarchie und regierte als Frau mittels der pragmatischen Sanktionen. Wer nicht weiß, was das ist - Herr Google hilft prompt! (Anm. d. Red.: Ein bedauerlicher Fehler - vielen Dank für Ihren Hinweis!)

  2. Stefan

    @1: Manchmal passiert so etwas in der Schnelle, wenn man die historischen Zusammenhänge nicht so parat hat oder noch einmal prüft. Sie sollten dann aber auch genauer sein: Den Begriff "k.u.k. Monarchie" gab es erst seit dem österreich-ungarischen Ausgleich 1867, noch nicht zu Maria Theresias Zeiten.

  3. H.Hartmann

    Professor Blobel vielen Dank für alles was sie für Dresden getan haben!

  4. Martin D.

    Natürlich gab es auch eine Königin Maria Theresia von Sachsen, Ehefrau König Antons, geborene Erzherzogin von Österreich, Enkeltochter der „Kaiserin“ Maria Theresia. Um welche der beiden Damen es sich auf dem Gemälde handelt, ist mir allerdings nicht klar. Der „Fehler“ war vielleicht gar keiner!

  5. Drittetreppelinks

    @1 Haag: schon um das eigene Gesicht zu wahren, sollte fachliche Kritik etwas sachlicher ausfallen. Zumal wenn man sich so aus dem Fenster lehnt wie Sie. Allen Dummlingen sei gesagt: vor 1804 gab es keine Kaiser und Kaiserinnen von Österreich, und auch Maria Theresia war eine solche nicht.

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