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Dienstag, 02.01.2018

Ufa-Showtreppe im Semperbau

Evergreens aus allen Zeiten: Musiker der Region begeistern mit Anspruchsvollem und Raffinessen zum Jahreswechsel.

Von Jens Daniel Schubert

Schöne Bilder aus der Semperoper auch fürs ZDF: Das Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann mit den Solisten Angela Denoke (l.), Elisabeth Kulman und Daniel Behle.
Schöne Bilder aus der Semperoper auch fürs ZDF: Das Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann mit den Solisten Angela Denoke (l.), Elisabeth Kulman und Daniel Behle.

© Matthias Creutziger

Ovationen und gute Stimmung – mit gefeierten Konzerten haben die Orchester und Chöre in Sachsen das Jahr 2017 ausklingen lassen. Das Publikum in den traditionell ausverkauften Häusern erlebte heiter-beschwingtes Musizieren, klingende Traditionspflege, charmante Moderationen und viele Überraschungen. Ein Überblick der Höhepunkte.

Die Staatskapelle feiert in Semperoper und ZDF den Tanz auf dem Vulkan

Die Staatskapelle überschrieb ihr Konzert, das live vom ZDF übertragen wurde, „Semperoper im Filmfieber“. Um anlässlich des 100. Geburtstags der Ufa „an die großen Schlager der Tonfilmzeit“ zu erinnern, schlug sie den Bogen mit den Filmen „Der blaue Engel“ und „Bei dir war es immer so schön“ von 1930 bis 1954. Im Vorfeld wurde polemisiert, dass „dezidierte Nazischlager“ erklingen würden. Auf „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ von 1942 trifft das durchaus zu. Über die Hälfte der 26 Stücke stammen aus den zwölf braunen der hundert bunten Ufa-Jahre. Ein Skandal? Zu banal sind die Liedchen: „Kann denn Liebe Sünde sein“, „Ob blond, ob braun …“, „Ich steh‘ im Regen“. Ob freilich das Programm „anhand der Lied-Auswahl die komplexe und auch teils schwierige Geschichte der Ufa widerspiegelt“, wie Chef Christian Thielemann beschwichtigend anmerkte, sei dahingestellt. Ihm ist es jedenfalls gelungen, die eigenartig heitere Kehrseite jener dunklen Zeit mit mehr oder weniger unbeschwerten Schlagern in die Oper zu bringen: „Weil ich fasziniert bin von ihrer unvergleichlichen Qualität.“ Ansichtssache?

Dargeboten wurden sie mit Schmackes und Stilgefühl. Die Kapelle und das von Johannes Wulff-Woesten historisch eingestimmte Salonorchester gaben ihr Bestes, mit federnden Streichern und schmatzendem Blech, und die Gesangssolisten gefielen dem fleißig applaudierenden Publikum nicht minder: Angela Denoke, Elisabeth Kulman und Daniel Behle trällerten am Ende gemeinsam den Hit aus „Tanz auf dem Vulkan“ von 1938: „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, womit der Bogen zu Silvester trefflich geschlagen war. Der Hingucker aber war Tanzbär Thielemann. Würden andere Dirigenten so albern herumhüpfen, auf einem Bein oder im Sitzen dirigieren, würden sie sich zum Obst machen. Bei ihm wirkte das völlig natürlich, er war ganz er selbst, der richtige Mann fürs Gute-Laune-Fernsehen mit einem Millionenpublikum im Zweiten. Jens-Uwe Sommerschuh

Dresdens Philharmoniker schwelgen im Kulturpalast nicht nur im Walzertakt

Dreimal ein voller Dresdner Kulturpalast mit je 1 800 Besuchern. Die kamen schon sektlaunig herein, der neue Saal war stimmungsvoll erleuchtet, und sogar zwei nette Silvesterbäume umrahmen das Podium der Dresdener Philharmoniker. Die boten nach Jahren wieder, was ihr Stammpublikum am meisten liebt: Ein heiteres, von guter Musik und charmanten Moderationen geprägtes Programm, zusammengestellt und geleitet vom sympathischen Konzertmeister Wolfgang Hentrich. Tom Pauls führte durch Selbiges, mit klug ausgewählten Anekdoten und kabarettistischen Einlagen, nicht zu schnurrig, schon gar nicht selbstverliebt, sondern kurz und prägnant. Und Frau Bähnert ließ er daheim auf dem Sofa. Das hat die alte Dame auch verdient.

Das Thema „Freut Euch des Lebens“ gab ein Klassiker von Johann Strauß vor, und weil diese Freude am Leben so gut zum Jahreswechsel passt, erklang er gleich mehrfach. Dominant war die Familie Strauß vertreten. Hentrich und Kollegen bogen und wiegten sich im Rhythmus von mitreißenden Walzern und Polkas. Gleichfalls spielten sie traumhafte Weisen wie Jules Massenets „Meditation“ oder Dmitri Schostakowitschs Jazz-Suite-Walzer Nr. 2. Sie begleiteten als feinfühliges Opernorchester die schrille, zu diesem Anlass passend aufgedrehte Koloratursopranistin Simone Kermes bei Bravourstücken als Juliette oder Robert-Stolz-Interpretin, die den Dirigenten als „Kaiser meiner Seele“ anhimmelte.

Dass Hentrich ein Frauenschwarm ist, war dann Tom Pauls ein Ärgernis, der Friedrich Hollaenders „Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“ in bester Couplets-Manier bot, um in der „Krapfenwald“-Polka musikalisch aufzutrumpfen. Zudem steuerte der Dresdner Professor Rainer Lischka eine jazzige Uraufführung bei. Der Dresdner Tuba-Virtuose Jörg Wachsmuth bot schöne und verblüffende Spielarten auf seinem unterschätzten Instrument. Und das macht eben das Besondere solcher vermeintlichen Estradenprogramme aus, wenn Hentrich und Pauls sie zusammenstellen: Es gibt scheinbar Leichtes – auf hohem Niveau, anspruchsvolle, jeden einnehmende Klassik, kurze Lacher und Raffinessen. 5 400 beseelte Hörer stimmten gern ins „Prosit Neujahr!“ ihrer Philharmoniker ein. Bernd Klempnow

Die Elbland Philharmonie spielt eine Premiere als Kontrast zum Jubelchor

Der neue Chefdirigent Ekkehard Klemm macht Ernst. Neue Musik, möglichst von Komponisten aus der Region, erklingt in jedem Konzert der Elbland Philharmonie Sachsen. Da macht auch das Konzert zum Jahresausklang keine Ausnahme. Und so war am Silvesterabend neben der traditionellen Neunten von Beethoven mit ihrem jubelnd-bombastischen „Freude, schöner Götterfunken…“ eine Uraufführung zu erleben. Günter Schwarzes „Zersprungene Glocken“ thematisiert das Geläut der Dresdner Frauenkirche, seine Zerstörung und Wiedererrichtung. Der Programmhefttext erläutert die Bezüge der Musik zum Bauwerk anschaulich. Hörbar ist davon wenig. Geläut und Kirche klingen durch Orgel und ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan.

Beethovens idealistischen Hymnus einer freien, gleichberechtigten und brüderlichen Gemeinschaft, einer friedlichen Gesellschaft zu kontrastieren, ist ein nachvollziehbarer Ansatz. Dass die zersprungenen Glocken der Frauenkirche die Gefährdung des Ideals verdeutlichen, ist einleuchtend. Ob der musikalische Kontrapunkt von Schwarzes Musik zu Beethoven gelungen ist, bleibt vielfach eine Geschmacksfrage. Wenn man die dramatische Entwicklung, die Beethovens Sinfonie innewohnt, mit Schwarzes Struktur vergleicht, ist der Unterschied gewaltig. Beethoven baut Spannung und Emotion auf. Höhepunkte bahnen sich an. Gedanken werden entwickelt. Schwarze baut Klangbilder, in die unvermittelt anderes hereinbricht. Fremdes schlägt unvermittelt zu. Wie in einer Collage stehen Eindrücke nebeneinander.

Klemms Beethoven-Interpretation paart von Beginn an souveräne, sichere Führung mit musikantisch mitreißenden Effekten. Elbland Philharmonie, Landesbühnenchor und Singakademie sind im Werk ebenso sicher wie flexibel, den Impulsen vom Pult zu folgen. Das Solistenquartett mit Stephanie Krone, Silke Richter, Jürgen Müller und Paul Gukhoe Song war kraftvoll strahlend. Im Jubel mit Beethoven löste sich manch Verstörendes der Uraufführung davor. Auf ein Neues!

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