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Freitag, 13.04.2018

Überraschende Rückkehr eines Gemobbten

Semyon Bychkov dirigiert plötzlich die Staatskapelle. Er war – wie andere Maestros – im Streit mit dem Orchester gegangen. Eine neue Versöhnungspolitik?

Von Bernd Klempnow

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Semyon Bychkov ist nun nach über 15Jahren wieder bei der Staatskapelle in der Semperoper zu erleben. Im Sommer trifft er viele Dresdner Musiker in Bayreuth als „Parsifal“-Dirigent.
Semyon Bychkov ist nun nach über 15 Jahren wieder bei der Staatskapelle in der Semperoper zu erleben. Im Sommer trifft er viele Dresdner Musiker in Bayreuth als „Parsifal“-Dirigent.

© U. Nicoletti

Die Sächsische Staatskapelle ist immer wieder für Überraschungen gut – nicht nur musikalisch. Speziell ihre Zusammenarbeit mit Dirigenten sorgt regelmäßig für Schlagzeilen: Wie manch Maestro erst gewählt, dann gemobbt wurde, wie mancher das Handtuch warf oder zeitweise unerwünscht war. Allein drei Chefdirigenten gingen dem Traditionsorchester in den vergangenen 15 Jahren verloren. Bis jetzt gab es mit ihnen keine Versöhnung am Pult. Doch diese Politik ändert sich gerade: Als erster Ex kehrt Semyon Bychkov an diesem Wochenende zur Staatskapelle in die Semperoper zurück. Er war von 1999 bis 2003 Chefdirigent des Hauses.

Geplant war das, aber nicht so. „Wir sind seit Längerem mit Semyon Bychkov im Kontakt. Erst jüngst habe ich ihn in Leipzig beim Gastdirigat besucht“, sagt Orchesterdirektor Jan Nast. Für 2020 war die offizielle Rückkehr vereinbart. Doch nun kommt der 65-Jährige schon jetzt. Er springt im 9. Sinfoniekonzert für Myung-Whun Chung ein, der einen Unfall hatte.

„Eine so kurzfristige Ersatzsuche mitten in einer laufenden Saison ist stets eine ganz besondere Herausforderung“, so Nast. „Dass Semyon Bychkov uns nun so spontan zwischen zwei lange geplanten Dirigaten aus einer unglücklichen Situation hilft, ist nicht hoch genug anzurechnen.“

Durch den Wechsel bedingt, muss das Programm geändert werden. Statt Werken von Pärt, Debussy und Ravel erklingen nun Luciano Berios reizvolle „Sinfonia“ für acht Singstimmen und Orchester sowie Tschaikowskys eindrückliche Symphonie Nr. 5.

Auch der weltweit gefeierte Gast ist positiv gestimmt: „Ich bin froh, nach langer Abwesenheit nach Dresden zurückzukehren, und freue mich darauf, mich wieder mit der Staatskapelle vertraut zu machen.“ Das war er schon einmal. Der gebürtige Leningrader, längst US-Bürger, musizierte ab 1993 in Dresden und wurde 1997 als Chefdirigent der Semperoper vorgestellt. Der Chef der Kapelle, Giuseppe Sinopoli, hatte den Exilrussen vorgeschlagen, weil er aus privaten, vor allem zeitlichen Gründen den Posten nicht selbst übernehmen wollte.

Bychkov leitete bereits vor seinem Amtsantritt unter anderem die „Elektra“, dass den Rezensenten „der Atem stockte“. Umjubelt war auch seine erste Premiere als Chef mit „Lady Macbeth von Mzensk“. Allerdings: Ende der 90er-Jahre wollte Sinopoli dann doch Generalmusikdirektor des Hauses werden und zugesagte Prestige-Objekte seines Kollegen wie „Rosenkavalier“ und „Ring“ übernehmen.

Die Dresdner Wunschliste ist klein

Die Kapelle und einige Claqueure „unterstützten“ ihn auf ihre Weise. Bychkov erntete ungerechtfertigte Buhrufe vom berüchtigten 4. Rang. Es kam zu unüberhörbaren Spannungen zwischen Klangkörper und Dirigent. Im November 2002, acht Monate vor Ablauf des Vertrages, stand er letztmals vor der Kapelle. Man muss wissen, „wofür es sich zu kämpfen lohnt“, sagte er im SZ-Gespräch. Er widmete sich neben Opernprojekten und Orchester-Gastspielen von Wien bis New York vor allem seinem WDR-Orchester. Das nahm unter ihm eine rasante Entwicklung und ist mehrfach in Dresden zu hören gewesen.

Auch mit einem anderen Ex hält die Kapelle Kontakt, um wieder einmal mit ihm zu musizieren. Es ist Bernard Haitink, der nach dem Tod von Sinopoli 2001 für drei Jahre Chefdirigent der Kapelle war. Doch der warf 2004 das Handtuch, als das Orchester den seiner Meinung nach nicht ranggemäßen Fabio Luisi als Chef gewählt hatte. Der Italiener wiederum beendete 2010 vorzeitig sein Dresdner Engagement, als maßgebliche Musiker der Kapelle Christian Thielemann nach Dresden lockten und Luisi aus Chefproduktionen ausgebootet wurde. Einzig mit dem Italiener gibt es derzeit keinen Kontakt.

„Das wird sicher noch dauern“, so Orchesterdirektor Nast. Er gibt aber zu bedenken, dass „die Kapelle bei den wenigen Topdirigenten auf dem Markt gar nicht anders kann“, als mit denen über kurz oder lang zu arbeiten. Deshalb stand Bychkov schon geraume Zeit auf der Dresdner Wunschliste. Jan Nast jedenfalls sagt: „Wir freuen uns sehr auf die Wiederbegegnung.“

Konzerte am 14., 15. und 16. April; am 15. April kostenlose Kinderbetreuung; Kartentel. 0351 4911705;

Radio-Tipp: MDR Kultur sendet das aufgezeichnete Konzert am 17. April ab 20.05 Uhr.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Gruß aus Leipzig

    Wir freuen uns seit mehreren Jahren sehr über die Gewandhaus-Gastspiele von Herrn Bychkov, den die Semperoper bekanntlich nicht mehr wollte. Wie muss aber die künstlerische Verfassung sein, wenn nun die gemobbten Chefs reanimiert werden müssen. Es wäre in der Tat prima, wenn die Kapelle wieder mit Spitzenkräften wie einst Giuseppe Sinopoli für Überraschungen gut wäre. Für eine davon hat das Gewandhausorchester mit Andris Nelsons gesorgt. Schön, dass Herr Bychkov die betroffenen Veranstaltungen gerettet hat. Danke!

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