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Samstag, 21.04.2018

Überall Umwege, Abwege, Sprünge

Der Dresdner Dichter Michael Rom starb früh. Jetzt vereint ein Sammelband seine Songs, Stücke und lyrischen Bilder.

Von Uwe Salzbrenner

In der DDR spielte Michael Rom in einer Dresdner Punkband, arbeitete im Radeburger Heimatmuseum und am Theater Junge Generation. Erstmals erscheint jetzt eine Übersicht über sein Werk.
In der DDR spielte Michael Rom in einer Dresdner Punkband, arbeitete im Radeburger Heimatmuseum und am Theater Junge Generation. Erstmals erscheint jetzt eine Übersicht über sein Werk.

© Archiv Daniela Schnabel

Der Schriftsteller Franz Fühmann packt 1981 ein paar von Michael Roms Texten in eine Anthologie, die er der Akademie der Künste der DDR vorlegt. Aber es besteht keine Chance, das Konvolut von jungen Dichtern zu veröffentlichen, nicht mal als Arbeitsheft für Germanisten, Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler. Angeblich steckt zu viel Unmut, Missmut darin. Zu viel, das die DDR ablehnt. Die Öffentlichkeit für einen Dichter wie Rom sind Wohnzimmerlesungen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, heimlich von der Staatssicherheit mitgeschnitten.

Er singt zudem in Dresden in einer Punkband, die sich Vierte Wurzel aus Zwitschermaschine nennt – an der Seite der Maler Cornelia Schleime und Ralf Kerbach. Die Band musiziert in Ateliers, auf Studentenfesten, unterm Dach der Kirche, durchaus nicht so schnell und simpel, wie man sich Punk vorstellt. Nach Kerbachs Weggang 1982 nach Westberlin stellt Rom zwei Ausreiseanträge. Gründet und betreibt mit Freunden das Experimentaltheater „Sum“, bis er im Februar 1984 freikommt.

Offiziell ist er in jenen Jahren zuerst Mitarbeiter, später Leiter des Heimatmuseums Radeburg. Nach Ansicht der Behörden nimmt er sich jedoch zu viele Freiheiten für Kunst und Musik. Deshalb muss er als Hausmeister ins Schloss Moritzburg wechseln, wird Malsaalhelfer und Kleindarsteller am Theater der Jungen Generation Dresden, arbeitet im Versand der Sächsischen Hauptbibelgesellschaft. Im Westen wohnt er zuerst in Köln, später in Frankfurt am Main. Hier und da druckt man seine Texte. 1990 zieht er nach Berlin und wird dort am 29. April 1991 bei einem Raubüberfall auf ein Hotel erschossen, als er aushilfsweise als Nachtportier sein Geld verdient. Da ist Michael Rom erst 33 Jahre alt. Sein Nachlass galt lange als verschollen.

Der ehemalige Zwitschermaschine-Schlagzeuger Wolfgang Grossmann hat jetzt an Texten und Zeichnungen zusammengetragen, was bei Freunden und in Archiven zu finden war: die frühen Gedichte und Songs, alle in konsequenter Kleinschreibung, von denen drei bei Franz Fühmann in der Mappe gelegen haben. Außerdem das Theaterstück, das 1985 bei Kiepenheuer & Witsch in der Anthologie „Berührung ist nur eine Randerscheinung. Neue Literatur aus der DDR“ erschien. Wiedergefunden wurden Roms Malerbücher, seine Zeichnungen und der Lesungsmitschnitt eines „Lyrischen Bildes“ im Literarischen Colloqium Berlin. Es war in der Zusammenarbeit mit dem ungarn-deutschen Maler Thomas Olescher entstanden.

Bei der Besichtigung der frühen Texte wird offenkundig: Missmut trifft es nur halb. „alle lichter brennen/ der freigeist geht um/ bist du es … warst du es …“ Da ist neben verfaulter Hoffnung viel Begierde spürbar, die große Geste, Jux und Überschwang. Da scheint nichts fertig. Da wechseln unablässig Ton und Rhythmus, Adressat und Material. Der Sänger und Schauspieler Michael Rom dürfte im Vortrag höchst begnadet gewesen sein, um solche Zeilen heil ans Publikum zu bringen.

Die Texte und lyrischen Bilder offenbaren: Die Fallhöhe selbst im frühen Gedicht ist Programm. Man kann bei Rom von einem Hunger nach Variationen sprechen. Überall Umwege, Abwege, Sprünge; Kritik an engen Verhältnissen. Rom sieht sich, Mythen folgend, als Schöpfer, was wiederum ausschweifende Doppelbilder erzeugt: Er betet den Wald an und ist auch der Wald, sagt „Sonne“ und wird eine. Dies trifft das Interesse an Zeitgeschichte. Wie kommt ein junger Mensch in einem repressiven, einem dialektisch und moralisch auserklärten Umfeld zur eigenen Stimme? Durch Abweichen und Drüberstellen, wie es schon die Romantiker geschafft haben, die Expressionisten oder die Dichter der Wiener Gruppe. „etwas ruft, etwas winkt, etwas wächst, etwas wuchert.“ Rom hat seine Sprache gefunden.

Michael Rom: will nicht zu den großohrigen elefanten, herausgegeben von Wolfgang Grossmann, Verlag Vorwerk 8, 192 Seiten, 24 Euro

Lesung am 26. April, 19 Uhr, Galerie Holger John, Dresden, Rähnitzgasse 17

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