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Mittwoch, 14.03.2018

Überall nur Kälte

Andrej Swjaginzews „Loveless“ ist zu gleichen Teilen Thriller, erbarmungsloses Ehedrama und präzise Sozialstudie.

Von Andreas Körner

Aus ist’s mit der Liebe: Die Trennung von Schenja (Marjana Spiwak) und Boris (Alexej Rozin) ist beschlossene Sache, nur Formalitäten stehen noch aus.
Aus ist’s mit der Liebe: Die Trennung von Schenja (Marjana Spiwak) und Boris (Alexej Rozin) ist beschlossene Sache, nur Formalitäten stehen noch aus.

© Alpenrepublik

Andrej Swjaginzew ist Mitte 50 und hasst Verallgemeinerungen. Der Regisseur will einfach Geschichten von Frauen und Männern erzählen können, ohne gleich als Sprachrohr oder Kritiker der russischen Gesellschaft herhalten zu müssen. Egoismus, Selbstsucht und Gleichgültigkeit gebe es überall auf der Welt. Ihm gehe es um emotionale Verfassungen. In „Loveless“ ist es nicht gut um sie bestellt.

Sie tragen keine Liebe in sich, jedenfalls keine mehr zum Menschen, der einst das Ja zur Ehe bekam. Die Trennung von Schenja und Boris (Marjana Spiwak und Alexej Rozin) ist beschlossene Sache, nur Formalitäten stehen noch aus. Die Wohnung muss verkauft, die gegenseitige Verachtung in Schach gehalten werden. Ach, und da wäre ja auch noch der gemeinsame Sohn. Aljoscha ist für seine Eltern wie eines dieser ungeliebten Möbelstücke, das man einst erworben und im Zimmer hin- und hergeschoben hat, um dann doch zu merken, dass es gar nicht passt.

Andrej Swjaginzew, dessen Dramen „Die Rückkehr“ (2003) und „Leviathan“ (2013) wie Leuchttürme eines aufsehenerregenden osteuropäischen Kinos sind, widmet sich hier erneut einem privat anmutenden, schnell jedoch mit Metaphern aufgeladenen Stoff. Wo das Sujet eher nach oft gesehen klingt, ist „Loveless“ am Ende vieles, genau das aber nicht. Der Film ist zu gleichen Teilen Thriller, erbarmungsloses Ehedrama und präzise Sozialstudie, ist hier streng russisch, dort im Schmerz einer ausweglosen Situation universell. Es geht darum, wie Werte verdampfen, wie sich die Idee von Familie pulverisiert und die Gesellschaft alles bietet, nur kein Fangnetz.

Die Fetzen zwischen Mama und Papa fliegen wild. Wieder steht Aljoscha im Mittelpunkt der Debatten darüber, wer ihn nach der Scheidung „mitnimmt“. Keiner will es. Ihn ins Internat abzuschieben, wäre eine Lösung. Wegen der Disziplin. Danach warte eh die Armee auf einen neuen Soldaten. Vater ist auf Arbeit in den Zwängen der „russisch-orthodoxen Scharia“ festgezurrt und verschweigt deshalb besser, dass er sich trennt. Mutter kümmert sich um ihre Schönheit und gibt Geld eher aus, als dass sie es verdient. Beide haben längst eine neue Partnerin, einen neuen Partner – neue Leben. Allein, es fehlt der Glaube daran, dass sie diese besser meistern könnten als die abgelegten.

Der nächste verbissene Streit. Die Tür zum Wohnzimmer, dem Schlachtfeld der Eltern, schließt sich, Aljoscha steht im Dunkel dahinter. Der Zwölfjährige ist Zeuge in eigener Sache. Er schluchzt tonlose, bittere Tränen. Diese frühe Szene brennt sich ein und schwelt bis zum Schluss. Denn Aljoscha wird bald ein letztes Mal die Treppe seines schmucklosen Zuhauses herunterrennen und nicht mehr auftauchen. Er lauert dennoch hinter jedem Bild.

Dieser Junge bekäme sofort das Mitleid des Betrachters, würde „Loveless“ sich ihm widmen, würde ihn zeigen, wie er vielleicht in der Gegend herumstreunt, sich etwas zu essen besorgt und wärmende Ecken sucht. Könnte aber auch sein, Aljoscha passiert etwas anderes, noch Schlimmeres. Da er einfach nur fehlt, bleibt das unterbewusste Sehen scharf. Im bewussten Sehen schichtet „Loveless“ die Sympathien gar nicht erst um. Keine Frau und kein Mann sind hier liebenswert. Der Fokus auf das Noch-Ehepaar lässt die Nebenfiguren verblassen. Kälte flutet aus der Handlung. Nur als es darum geht, den Sohn zu finden, der, was immer geschieht oder geschah, ihr Sohn bleiben wird, ist das mit dem vorverurteilenden Taxieren der Eltern plötzlich diffuser als geglaubt. Eine präzise Antwort darauf, woraus sich neue Gefühle speisen und wie sie in dieser Kälte überleben können, gibt es nicht.

Für Regisseur Swjaginzew ist ein Suchtrupp die Zelle des Halts, der „einzige Ausweg aus der Gleichgültigkeit“. Den Koordinator dieser freiwilligen Bürgerinnen und Bürger lässt er allein aus humanitären Gründen agieren, so, „als hinge sein eigenes Leben davon ab“. „Eine solche Handlung“, so Swjaginzew, „ist für mich der einzige Weg, der fortschreitenden Entmenschlichung entgegenzutreten und die Verwirrung der Welt zu beruhigen.“ Wie er seine dramatischen Elemente dosiert und mit dem Vagen spielt, ist exzellent komponiert, hält wach und gebannt.

Und im Fernseher laufen fortwährend die Bilder der Krim-Krise zwischen Russland und der Ukraine. Wir haben verstanden, auch das!

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