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Samstag, 12.05.2018

Triumph ohne Pomp

Die Dresdner Musikfestspiele laufen wieder. Ihr Ex-Intendant Hartmut Haenchen und der derzeitige Chef Jan Vogler musizieren zur Eröffnung gemeinsam. Das ist nicht das einzige Ungewöhnliche in diesem Jahr.

Von Karsten Blüthgen

Sensibles Zusammenspiel bei einem sperrigen Cello-Konzert: Solist Jan Vogler und Dirigent Hartmut Haenchen musizierten diesen in Dresden weitgehend unbekannten Schostakowitsch bravourös.
Sensibles Zusammenspiel bei einem sperrigen Cello-Konzert: Solist Jan Vogler und Dirigent Hartmut Haenchen musizierten diesen in Dresden weitgehend unbekannten Schostakowitsch bravourös.

© Oliver Killig

Berauschend und gepfeffert, düster und komisch, erleuchtend und ausgelassen – das Programm zur Eröffnung der Dresdner Musikfestspiele vereinte am Donnerstag ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Seiten musikalischen Ausdrucks. Orchesterwerke von Carl Nielsen, Dmitri Schostakowitsch und Johannes Brahms ergaben eine Mischung, die das Publikum im ausverkauften Dresdner Kulturpalast am Ende euphorisieren sollte.

Mit Nielsens Ouvertüre zur Oper „Maskerade“ servierte die Königliche Kapelle Kopenhagen unter Leitung von Hartmut Haenchen zu Beginn ein Häppchen landeseigenen Kulturguts – temporeich, fein schattiert und sogleich ein erstes Mal verweisend auf das Motto dieses Jahrgangs: „Spiegel“. Dass Musik nicht nur sich selbst genügt, dass sie vielmehr stets menschliche Seele oder Gesellschaft spiegelt, dafür wollen die Musikfestspiele im 41. Jahrgang stärker sensibilisieren.

Nielsens Nationaloper handelt von einem Maskenspiel mit gutem Ausgang. Für Schostakowitsch bedeutete Musik oft Flucht vor einem Leben in Repression, Gefahr und Todesangst unter dem Sowjet-Regime. Seine Musik zeigt sich oft selbst doppelbödig, maskiert. So auch das 1966 komponierte zweite Cellokonzert, mit dem sich der Komponist noch Jahre nach Stalins Tod in der Deckung des Humors und der Groteske hält. Solist Jan Vogler und das Orchester gaben der kargen Partitur eine Gestalt, die dem Schönen und Gesanglichen nicht entsagte, die aber nichts beschönigte. Der Kopfsatz wirkte in Phasen wie ein fahler Klagegesang. Danach dominierte zunehmend die typische Schostakowitsch-Motorik. Verhalten, fast gebrochen schwang dieses Konzert aus. Wohltuend kontrastiert dieses weniger bekannte Konzert jene Bravour-Solokonzerte, die Klassik-Programme heute unverändert dominieren. Die Festspiele reflektieren sich damit auch selbst. Das ist nicht das einzige Ungewöhnliche in diesem Jahr. So gibt es ein Festival im Festival, eine „Cellomania“ mit 14 reinen Cello-Konzerten.

Ungewöhnliches bot die Eröffnung schon mit dem Aufeinandertreffen von Intendanten-Kollegen. Das ist sehr selten im Klassikbereich, wo die neuen Chefs oft wenig von den Vorgängern gelten lassen. Jan Vogler aber kann gut mit seinem Amtsvorgänger Haenchen und wollte ihn im Jahr seines 75. Geburtstags mit dabeihaben. Der Dresdner Dirigent wirkte von 2003 bis 2008 als Intendant der städtischen Musikfestspiele, bevor Cellist Vogler den Stab von ihm übernahm. Pomp war bei diesem Treffen nicht vorgesehen – dafür ist dieser Schostakowitsch zu borstig und sperrig. Biograf Krzysztof Meyer nennt es „vielleicht das beste unter allen seinen Instrumentalkonzerten“. Sowohl für Vogler als auch Jubilar Haenchen bedeutete es Neuland. Das mag die Zurückhaltung erklären, die hier teilweise zu spüren war.

Umso mehr wurde Brahms’ erste Sinfonie unter Haenchens vitalem Dirigat zu einer Offenbarung. Während der Kopfsatz meist straff durchgezogen wird, betonte Haenchen das „sostenuto“ stärker, ließ innehalten, nahm Tempo und Lautstärke zurück und machte die innere Logik des Satzes, ja der ganzen Sinfonie mit seltener Deutlichkeit sichtbar. Diese beschreibt dramaturgisch einen Weg „durch Nacht zum Licht“, dessen Ziel im Finalsatz unmissverständlich erreicht war. Haenchen ließ das Orchester plastisch musizieren, ohne das Ganze platt wirken zu lassen.

Während Solist Vogler auf eine Zugabe nach dem Schostakowitsch verzichtete, was gut war, ließ sich Dirigent Haenchen nicht lange bitten, lieferte zwei Nachschläge. Zu Recht, denn mit den Dänen hatte er sich durch die Brahms-Partitur auf atemberaubende Art zum Licht vorgearbeitet. Da durfte Gala-Stimmung aufkommen. Die Zwischenaktmusik aus Franz Schuberts „Rosamunde“ ließ Haenchen hauchzart erblühen. Schließlich fegte Brahms’ 5. Ungarischer Tanz mit noblem Schwung durch den Saal und das Publikum war nicht mehr zu halten. Stehende Ovationen.