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Montag, 09.07.2018

Treibt da ein Schlingel Schabernack mit Erich Kästners Fräulein Andacht?

Von Petra Albers

Sapperlot! Was ist das für ein hanebüchener Kokolores – so redet heute wohl niemand mehr. Manch einer mag über diese alten und sehr alt klingenden Wörter abfällig den Kopf schütteln, bei anderen wecken sie eher angenehme nostalgische Gefühle – und viele jüngerer Menschen haben solche Ausdrücke wahrscheinlich überhaupt noch nie gehört. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verschwinden immer wieder Wörter aus dem aktiven Sprachgebrauch. „Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach“, sagt Claudia Wich-Reif, Professorin für Geschichte der Deutschen Sprache an der Uni Bonn: „Wir brauchen diese Wörter nicht mehr.“

Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Häufig werden Begriffe durch modernere, oft aus dem Englischen stammende Bezeichnungen ersetzt, zum Beispiel „High Heels“ statt „Stöckelschuh“. Andere Wörter sind nicht mehr politisch korrekt und werden abgelöst, weil sie etwa als diskriminierend gelten.

Hanebüchene Hainbuchen

Manchmal verschwinden Wörter, weil es die Sache, die sie bezeichnen, kaum noch gibt, etwa „Schwindsucht“, aber auch „Walkman“ oder „Videorekorder“. Die letzten beiden Begriffe zeigten, dass keineswegs nur sehr alte Wörter vom Aussterben bedroht sind, sondern durchaus auch relativ junge Begriffe, die schlichtweg vom Fortschritt überholt würden, sagt Wich-Reif. „Durch das Wegfallen von Wörtern verarmt die Sprache aber nicht“, betont die Sprachwissenschaftlerin. „Wir bekommen ja auch ständig neue Wörter dazu.“ Viele davon kämen aus der Jugendsprache.

Katharina Mahrenholtz hat 100 „vergessene Wörter“ in einem kürzlich im Duden-Verlag erschienenen Buch zusammengestellt und ihre Herkunft beleuchtet. „Kaum jemand kennt zum Beispiel die ursprüngliche Bedeutung von „hanebüchen“ oder benutzt den Ausdruck aufgrund dessen“, sagt die Journalistin. Denn seinen Ursprung hat „hanebüchen“ im Namen der Hainbuche, einem Baum mit sehr knorrigem Holz. Daraus bildete sich das Adjektiv „hainbüchen“, was im 18. Jahrhundert zu „hanebüchen“ wurde und seine Bedeutung zu „absurd“ oder „unerhört“ wandelte.

„Kokolores“ entstand wahrscheinlich im 16. Jahrhundert als Nachahmung eines Hahnenschreis, so wie „Kikeriki“. Es ist als Synonym für „Unsinn“ oder „Quatsch“ inzwischen eher ungebräuchlich, ähnlich wie „Firlefanz“, „Mumpitz“ oder auch „Schabernack“. Letzteres stammt aus der Zeit des 14. Jahrhunderts, als Till Eulenspiegel seine Streiche spielte.

Auf der Suche nach „dem Buche“

„Ich mag diese „Unsinn“-Wörter, sie implizieren schon vom Klang her eine gewisse Lustigkeit“, meint Mahrenholtz. Deshalb verwende sie sie auch manchmal noch, genauso wie andere, die für sie mit persönlichen Erinnerungen verbunden sind. Kindheitserinnerungen und Nostalgie seien häufig Gründe, warum jemand ein inzwischen ungebräuchliches Wort weiterbenutzt, oder weil er bedauert, dass es kaum noch zu hören ist, sagt auch Wich-Reif. Beim Ausruf „Sapperlot!“ denkt so mancher vielleicht an den „Räuber Hotzenplotz“, beim heute höchstens noch in der Gastronomie zu hörenden „Fräulein“ fällt Erich-Kästner-Fans vielleicht das Kindermädchen „Fräulein Andacht“ aus „Pünktchen und Anton“ ein.

Allerdings sind die Wörter ja nicht wirklich weg. Sie existieren in alten Texten durchaus weiter. „Sprache unterliegt dem Wandel und ist immer auch ein Kennzeichen für eine bestimmte Zeit“, betont Claudia Wich-Reif. Übrigens verschwinden nicht nur einzelne Wörter aus dem Sprachgebrauch. Auch in der Grammatik gehen Dinge verloren. Etwa das Dativ-E wie bei „dem Manne“ oder „dem Buche“. „Dem trauert wohl niemand nach“, meint die Wissenschaftlerin. Ihr Fazit: „Wenn wir alles behalten hätten, was irgendwann mal da war, würden wir heute wahrscheinlich noch Althochdeutsch sprechen.“

Katharina Mahrenholtz: Luftikus & Tausendsassa.

Verliebt in 100 vergessene Wörter. Duden, 160 S., 15 €

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