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Freitag, 18.05.2018

Träume von der Insel

Die Batzdorfer Pfingstfestspiele sind eine Woche lang ganz auf Kuba eingestellt.

Von Rainer Kasselt

Drei kubanische Schauspielerinnen mit fantastischem Kopfschmuck stimmten temperamentvoll auf den Abend ein. Mit dem Programm wollen sie folkloristische Lieder bewahren, die von der Kultur aus den USA verdrängt werden.
Drei kubanische Schauspielerinnen mit fantastischem Kopfschmuck stimmten temperamentvoll auf den Abend ein. Mit dem Programm wollen sie folkloristische Lieder bewahren, die von der Kultur aus den USA verdrängt werden.

© Pfingstfestspiele

Schwein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Die Geschwister Dulce, Pucho und Celestino leben auf engstem Raum gemeinsam mit dem Borstenvieh. Es gehört zur Familie, sie haben es liebevoll aufgezogen, gemästet, nun soll es in der Silvesternacht 1999 geschlachtet werden, was allen wehtut. Das Schwein, vor den Nachbarn im Plattenbau verborgen, ist ihre ganze Hoffnung. Es verspricht ihnen kleinen Wohlstand, Fleisch und Fett.

„Fett“, so heißt das Stück des kubanischen Autors Albert Pedro Torriente, im Original „Manteca“. Es hatte am Mittwoch zur Eröffnung der 21. Batzdorfer Pfingstfestspiele zweifache Premiere. Im ersten Teil wird der Text auf Deutsch mit deutschen Darstellern gezeigt. Nach der Pause folgt die kubanische Fassung mit dem Ensemble des Teatro del Viento. Reizvoll für die Zuschauer, zwei Interpretationen des Dramas zu vergleichen. Leider nutzte nur die Hälfte des Publikums diese Möglichkeit, vielleicht der späten Abendstunde geschuldet.

Das Leben auf der Karibikinsel, einst als „Paradies auf Erden“ gepriesen, hat sich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Europa total verändert, im Großen wie im Kleinen. Davon erzählt das vielschichtige Stück teils realistisch, teils grotesk. Jede Figur hat ihr eigenes Päckchen zu tragen. Pucho, erfolgloser Schriftsteller, gespielt von Carsten Linke, eingesponnen in eine Welt der Träume, beklagt den Verlust der Utopie. Schwester Dulce verübelt es dem Bruder, dass er ihrer Mutter seine Homosexualität offenbarte. Dulce, derb und bodenständig von Kati Grasse verkörpert, bemüht sich um Ausgleich und Harmonie. Die Familie ist das Einzige, woran sie glaubt. Sie bringt spöttisches Verständnis für Puchos Schreiben auf, möglicherweise steckt ein zweiter Gabriel García Marquez in ihm. Ein Literatur-Nobelpreisträger in der Familie, das wäre doch was.

Bruder Celestino, differenziert von Renat Safiullin gespielt, sehnt sich nach der Sowjetunion zurück, wo er viele Jahre als Ingenieur arbeitete. Dort lernte er seine russische Frau kennen. Sie ist nach dem Ende der UdSSR mit den Kindern in ihrer Heimat geblieben. Celestino verwindet die Trennung nicht, sieht sich als Feigling und verkappter Kommunist. Arne Retzlaff, verheiratet mit einer kubanischen Malerin, hat das Stück grüblerisch, mit heftigen Ausbrüchen, Prügelei zwischen den Brüdern und nachdenklichen Momenten inszeniert. Berührend das Schlussbild, wenn die Geschwister von einer besseren Welt träumen, ein bisschen Glück erhoffen.

Farbiger, sinnlicher und leidenschaftlicher bringt der kubanische Regisseur Freddy Núnez Estenoz das Stück auf die Bühne. Die Schauspieler, halb so alt wie die deutschen Kollegen, strahlen heitere Gelassenheit aus. Mit Tanz, Erotik und viel Gesang trotzen sie der missliebigen Gegenwart, weisen westliche Kultureinflüsse in die Schranken, setzen auf Tradition. Und bereiten dem armen, geliebten Schwein einen fröhlichen Abgang.

Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, der Ausstellung „Kuba erlebt“, bei Wein und Cuba Libre wird die „Kubanische Woche“ bis Pfingstmontag auf Schloss Batzdorf fortgesetzt. Ein Höhepunkt der von Tom Quaas geleiteten Festspiele ist die Aufführung von Christoph Heins „Die Ritter der Tafelrunde“ in spanischer Sprache. Arne Retzlaff hatte das Stück 2015 mit dem Teatro del Viento zur kubanischen Erstaufführung gebracht.

„Manteca/Fett“ wieder am 18., 19., 20. 5., je 20 Uhr; „Die Ritter der Tafelrunde“, am 21. 5., 17 Uhr; Kartentelefon: 03521 4591951

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