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Sonntag, 08.07.2018

Tod dem Minimalismus

Große Gesten, große Pop-Oper: Florence + The Machine treten mit dem neuen Album dem Zeitgeist gegen das Bein.

Von Andy Dallmann

Weg vom Alkohol und dafür ganz bei sich angekommen: Florence Welsh sagt, ihr neues Album sei voller Liebe.
Weg vom Alkohol und dafür ganz bei sich angekommen: Florence Welsh sagt, ihr neues Album sei voller Liebe.

© Vincent Haycock/Universal

Die Behauptung, im Schaffen eines Künstlers irgendwas vorhersehen zu können, rangiert schon fast auf einer Stufe mit dem tätlichen Angriff. Neunundneunzig von hundert Kreativen ließen sich sogar noch eher würgen, als dass sie gänzlich ungerührt hinnähmen, ihr Werk als erwartbar eingestuft zu sehen. Florence Leontine Mary Welch muss exakt damit leben. Sie sollte aber diese Einschätzung als höchstmögliches Lob abspeichern.

Die vor knapp 32 Jahren in London geborene Sängerin und Songschreiberin bleibt sich seit dem 2009 veröffentlichten Debütalbum „Lungs“ nicht nur mit frappierender Konsequenz treu, sondern pfeift stets auf den Zeitgeist und was der an Beats, Klangzutaten oder Themen gerade so abfeiert.

Das größte, das grundsätzliche Vergnügen, das nun auch die vierte Platte ihres Band-Unternehmens namens Florence + The Machine bereitet, ergibt sich schlicht aus der Wiederhörensfreude. „High As Hope“ klingt, allein schon durch Frau Welchs helle und hochfliegende Stimme, zunächst herrlich vertraut, um dann nach und nach etliche Klang-Extras preiszugeben.

Stars als Aushilfen

Da liefert zum Beispiel Jamie Smith, Beatbastler und Mitgründer von The XX, perlende Mellotron-Sequenzen zu. Der allseits hochgejubelte amerikanische Saxofonist Kamasi Washington spielt nicht nur ein paar Soli, sondern arrangierte bei einigen Songs die kompletten Bläsersätze. Und der kanadische Singer/Songwriter Tobias Jesso Jr. half Florence Welsh beim Ausformulieren ihrer musikalischen Idee. Diverse Einflüsse also, die von der üblichen Größe des Sounds nichts abschnippelten. Auch „High As Hope“ hat etwas von einer Kreuzung aus Pop und ganz großer Oper. Nichts erinnert an Sneakers und Hipster-Jeans, hier wird barocke Pracht zelebriert, die sich glücklicherweise niemals in banale Bombastwölkchen entleert. Im Gegenteil, manchen Detailgenuss muss man sich hart erlauschen.

Etwa den fast schon exzessiven Einsatz der Harfe. Ja, richtig gelesen: Harfe. Nicht die keltische Variante, wie sie im Folk nahezu unverzichtbar ist. Tom Monger, der längst zum festen Machine-Team gehört, zupft die Saiten seiner großen Konzertharfe, dass es eine Freude ist. Überhaupt flirrt und schillert der Sound, lässt die Sonne aufgehen, zugleich aber in ein paar schaurige Abgründe blicken. Einfach mitträllern ist nicht, tanzen lässt es sich schon eher dazu. „Ich werde niemals minimal sein“, hat Florence Welsh gesagt, generell wünscht sie dem Minimalismus einen schnellen Tod. Wozu auch kleinkarierte Beats aus der Büchse, wenn man Pauken haben will – und haben kann? Wozu Alltags-Gejammer, wenn große Gefühle rauswollen. „Da ist sehr viel Liebe in dieser Platte“, so Welsh. „Auch Einsamkeit, aber sehr viel Liebe.“

Während der Arbeit an der Platte sei sie über sechs Monate diszipliniert jeden Tag ins Londoner Studio geradelt, habe dort allerdings schon mal mit Trommelstöcken die Wände bearbeitet und festsitzende Emotionen freigelassen. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem US-Star-Produzenten Emile Haynie, schliff sie das Ganze schließlich in New York zurecht. Die Aussicht auf die dortige Skyline, die sie als Kontrast zum allgemeinen Chaos in der Welt wahrnahm, habe sie dann zum Albumtitel inspiriert, sagt sie. „Da waren zugleich Freude und Wut und am Ende war es eine ehrliche Reise zu mir selbst. Ich fühle mich sehr wohl mit dem, was ich jetzt bin.“

Kein leichter Gang, immerhin musste sie trotz aller Erfolge der vergangenen Jahre durch einige Täler. Dem Rolling Stone etwa sagte sie: „Der Alkohol hat mich in einige dunkle und gefährliche Situationen gebracht, in denen ich mich selbst nicht mehr mochte.“ Es sei der größte Akt von Eigenliebe gewesen, mit dem Trinken aufzuhören. Jetzt hat sie zweifellos ein besseres Mittel für die Seelenhygiene gefunden. „Wenn du manche Sachen nicht aussprechen kannst, dann kannst du sie singen.“ Genau das macht sie, auch deshalb liegt sie mit „High As Hope“ weitab vom Mainstream, wird aber dennoch genug aufmerksame Hörer finden.

Ihren einzigen Deutschland-Auftritt in diesem Jahr hat Florence Welch samt Band am 13. Juli beim „Melt!“-Festival auf dem Ferropolis-Gelände in Gräfenhainichen bei Dessau. Festivalpässe sind noch zu haben, die Tagestickets für den Freitag allerdings schon ausverkauft.

Das Album: Florence + The Machine, High As Hope. Virgin EMI/Universal

Die Deutschland-Tour im Frühjahr 2019: 2.3., München, Olympiahalle; 5.3., Köln, Lanxess-Arena, 9.3., Hamburg, Barclaycard-Arena, 14.3., Berlin, Mercedes-Benz-Arena