erweiterte Suche
Samstag, 20.10.2018

Tiefe Sehnsucht nach Harmonie

Mit Otto Mueller wird in Berlin ein unverwechselbarer Expressionist gewürdigt, der auch in Dresden tätig war – mit Blick auf sein Umfeld in Breslau.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Bild 1 von 2

© bpk/Nationalgalerie/Jörg P. Anders

  • Die „Zwei Mädchen“ malte Otto Mueller um 1927 mit Leimfarbe auf Rupfen. Das Bild ist im Bestand der Berliner Nationalgalerie.
    Die „Zwei Mädchen“ malte Otto Mueller um 1927 mit Leimfarbe auf Rupfen. Das Bild ist im Bestand der Berliner Nationalgalerie.

Otto Mueller ist ein Phänomen. Zwar gilt er manchen nur als Randfigur des Expressionismus. In der in Dresden gegründeten Künstlergruppe „Brücke“, der er ab 1910 angehörte, war seine Stimme die leiseste. Dennoch ist die Zuneigung derer, die sein Werk ins Herz geschlossen haben, besonders innig und emotional. Er war der Lyriker, der Poet unter den unangepassten Malern, die damals zu neuen Ufern aufbrachen. Seine Bilder, die variantenreich, aber mit sich ähnelndem Gestus vor allem Mädchen und Frauen beim Baden oder im Wald zeigen, offenbaren seine Sehnsucht nach Harmonie, nach Einklang mit den Urgründen des Seins.

Obwohl er mit Leib und Seele ein Boheme war, ein Künstler, der Freiräume liebte und brauchte und akademische Zwänge verabscheute, hat er in den letzten elf Jahren seines kurzen Lebens auch als Lehrer tiefe Spuren hinterlassen. Unter dem Slogan „Maler. Mentor. Magier“ stellt jetzt eine grandiose Ausstellung in Berlins Museum im Hamburger Bahnhof sein einzigartiges, zutiefst sinnliches Werk in den Kontext seiner späten Wirkstätte und beleuchtet sein Umfeld, seine Freunde und Schüler in Breslau, wo er von 1919 bis 1930 als Professor unterrichtete.

Faszinierende Lebensart

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Ausstellung, die auf spektakuläre Weise deutsche, schlesische, polnische Aspekte zusammenführt, hatte die junge Kunsthistorikerin Dagmar Schmengler, die im Auftrag der Camaro-Stiftung auch als Kuratorin agiert.

In Partnerschaft mit der Berliner Nationalgalerie und dem Nationalmuseum Wroclaw, das die Schau mit kleinen Veränderungen nächstes Jahr ebenfalls zeigen wird, hat sie aus Museumsbeständen und Privatsammlungen mehr als 100 Exponate zusammengeführt, Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Drucke, Fotografien, Bücher und Dokumente, die neben dem Werk Muellers und einiger seiner Schüler auch sein Breslauer Schaffensumfeld sichtbar machen, seine Ausstrahlung und sein mentales Netzwerk – denn er war nicht nur mit seiner Kunst ein Faszinosum für die Studierenden, sondern auch mit seiner Lebensart.

Geboren ist Otto Mueller 1874 in Schlesien, im Riesengebirgsort Liebau. Er war weitläufig mit Carl und Gerhart Hauptmann verwandt, die ihn früh unterstützten. Besonders aber kümmerte sich Gerharts Ex-Frau Marie Thienemann um den jungen Künstler, der oft bei ihr am Rande Dresdens zu Gast war. Mueller studierte ab 1894 einige Zeit an der Dresdner Akademie. 1905 heiratete er in Schönfeld bei Dresden Maria Mayerhofer, Maschka, der er zeitlebens eng verbunden blieb, obwohl sie ihn 1919 verließ. Mit Irene Altmann, Elsbeth Lübke und Elfriede Timm hatte er drei weitere Lebensgefährtinnen, die als Musen und auch als Modelle sein Werk prägen sollten, doch zu keiner war sein Verhältnis so tief wie zu Maschka.

In seiner Zeit bei der „Brücke“ hielt er sich 1911 wohl auch an den Moritzburger Teichen auf. Er war mit Kirchner, Heckel und Pechstein befreundet, Heckel überließ er sein Atelier in der Mommsenstraße. Seine Eigenart, mit Leimfarbe auf Rupfen oder grobes Sackleinen zu malen, was einen spontaneren Gestus als Ölfarbe erlaubte, wurde von den anderen aufgegriffen. Doch keiner vermochte es, die erdigen gedämpften Farben, eine Melange aus Braun-, Ocker-, Gelb- und Grüntönen, so wie er zum Leuchten zu bringen.

Schätze aus Privatsammlungen

Die Höhe seiner Kunst erreichte Mueller nach der „Brücke“-Ära. Viele seiner schönsten und intensivsten Bilder sind nach 1920, in der Breslauer Zeit entstanden. Die Berliner Ausstellung punktet hier mit einer fantastischen Auswahl: „Badende im Schilf“ (1924), „Zwei Mädchen“ (1927) und „Junges Mädchen vor Männerköpfen“ (1929) und einige andere stammen aus der Nationalgalerie. „Sitzende im Schilf“ (1922) aber, „Gehöft mit Esel und Kind“ (1929) sowie einige bemerkenswerte Zeichnungen und Drucke wurden aus Privatsammlungen entliehen und waren bislang kaum oder noch nie öffentlich zu sehen. Blickfang der Schau, auf den Plakaten und dem Katalogtitel zu sehen, ist Muellers dämonisch anmutendes „Selbstbildnis mit Pentagramm“ wohl von 1924, das nach geduldigem Bitten aus Wuppertal nach Berlin geholt werden konnte.

„Die verhaltene Kraft und die schillernde Sensibilität seiner Malerei erschließen sich nicht durch Einordnung in die Kunstgeschichte. Keiner muss etwas über ihn wissen, um seine Bilder genießen und bewundern zu können.“ Das stand 2003 in der Sächsischen Zeitung, und dieser Satz ist auch fünfzehn Jahre später noch gültig. Die Kuratorin beruft sich im Katalog darauf und betont zugleich, dass die Bedeutung Muellers über sein Werk hinausgeht: Die aktuelle Forschung zu seiner Rolle als Mentor vor allem in Breslau hat im Detail ein viel- und engmaschiges Netzwerk ans Licht gebracht. Sein Einfluss und sein Umfeld, dazu Folgeströmungen bis ins späte 20. Jahrhundert, all das zusammen macht den differenzierten Reiz der Ausstellung aus, die auch Tendenzen in der damaligen Breslauer Szene nachspürt, die sich unabhängig von Mueller entwickelten. Recht deutliche Bezüge zu ihm selbst finden sich bei Alexander Camaro, Gerda Stryi, Horst Strempel, Ludwig Peter Kowalski und dem famosen Görlitzer Expressionisten Willy Schmidt. Deren Werke tragen erheblich zum Reichtum der Schau bei.

Ein politischer Aspekt darf nicht unterschlagen werden. Bald nach Muellers Tod wurden seine Bilder, die im Breslauer Museum reichlich vertreten waren, als „entartet“ aussortiert, und die Kulturszene der Metropole im Osten des Deutschen Reiches wandelte sich rapide. Nach dem Krieg wurde die Stadt als Wroclaw polnisch, und wenn dort ab April diese Ausstellung zu sehen sein wird, ist das auch ein Exkurs in die wechselvolle Historie einer polnischen Großstadt, in der mit Otto Mueller ein deutscher Schlesier Spuren hinterlassen hat: als Persönlichkeit, als Charakter, als Schöpfer unverwechselbarer Bilder, in denen tiefe Sehnsucht nach Frieden und Harmonie aufscheint, nach Einklang mit den Urgründen menschlichen Seins. Die Begegnung mit Otto Muellers Bildern kann ein magischer Glücksmoment sein.

„Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau“ bis 3. März im Museum im Hamburger Bahnhof, Berlin, Geöffnet Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr. Katalog 34,90 Euro.