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Dienstag, 06.11.2018

Testosteron-Alarm in der Semperoper

Die Tänzer der Dresdner Oper zeigen, dass der Mann doch eine Krone der Schöpfung ist. Letztlich entscheidet darüber eine Frau.

Von Bernd Klempnow

Archaische Höhenflüge tanzt das Ballett der Semperoper in der neuen, von den Männern geprägten Produktion „Labyrinth“. Das Premierenpublikum jubelte.
Archaische Höhenflüge tanzt das Ballett der Semperoper in der neuen, von den Männern geprägten Produktion „Labyrinth“. Das Premierenpublikum jubelte.

© Ian Whalen

Was für eine archaische Kraft und Energie. Männer in Beinkleidern jagten 15 Minuten über die Bühne, dass es den Zuschauer förmlich in den Sitz drückte. Extrem war die Sprache der Tänzer, roh und elegant zugleich, hart und ungewöhnlich schnell. Sie waren gewalttätig und zärtlich zueinander, die Wendungen plötzlich und überraschend – zu sich steigernder, suggestiver Musik zweier Marimbafone. Selten packte ein Tanz so emotional durch seine pure Energie, wie es die Choreografie „Black Milk“ von Ohad Naharin vermochte. Obwohl dieses Stück schon 1985 entstanden war – zunächst für fünf Frauen, seit 1991 tanzen es auch Männer. Und das ist gut so. Denn kaum ein Stück trickst derart die Zentrifugalkraft aus. Seit dem Wochenende ist „Black Milk“ im neuen Abend „Labyrinth“ in der Semperoper zu sehen. Und allein für diese 15 Minuten lohnt der Besuch einer Vorstellung.

Dabei bot die vierteilige, von der Staatskapelle begleitete Produktion weitere Seh- und Hör-Erlebnisse. Es ging erstaunlich los, denn wieder einmal bekam die hochpotente Company die Erlaubnis, eine weitere Edelchoreografie des Neoklassik-Stars George Balanchine einzustudieren. Dessen Erben vergeben nur an die besten Truppen diese Lizenz und überwachen die Einstudierung und die Aufführungen penibel. Diesmal fiel die Wahl auf die „Vier Temperamente“ von 1946 zur raffiniert strukturierten Musik von Paul Hindemith.

Die Lust des gehörnten Monsters

Es gilt als ein Schlüsselwerk im Schaffen Balanchines, weil die Tänzer hier weit mehr als nur die Halter und Heber der Ballerinen sind. Im Gegenteil, sie stehen im Mittelpunkt, werden bei ihren Soli und Ensembles von den Frauen gerahmt. Witzige und bizarr-schöne Momente, erstaunliche Richtungswechsel forderten die Künstler bis an Grenzen. Und dass die Männer mal weicher ihre Posen zu tanzen vermochten und sollten als die Frauen – auch dies machte die „Temperamente“ so besonders.

Derart angefixt von Arbeiten, die den Mann als eine Krone der Schöpfung wie noch nie in der Semperoper feiert, fügte sich auch die Uraufführung „Songs for a Siren“ gut ein. Die Auftragskomposition zum großen Debüt des in Dresden lebenden Joseph Hernandez ist vom Ballettklassiker „Sacre“ inspiriert. Das Geschehen seiner Formation trieb mal leidenschaftlich, mal bemüht vor sich hin. Eine Programmatik war nicht erkennbar, aber langweilig geriet das Ganze nicht – zu stark schwang es noch in einem selbst dank der Impulse der Vorgängerstücke.

Und dann war noch ein Triumph angekündigt! Das Ballett der Semperoper durfte als erstes in Deutschland und eines der wenigen überhaupt ein Meisterwerk der Tanz- und Choreografie-Legende Martha Graham erarbeiten. Sie hatte 1947 in „Errand into the Maze“ einen Irrgarten menschlicher Leidenschaften und Ängste entworfen. Die Grand Dame des Modern Dance konzentrierte sich dabei auf den antiken Mythos vom stierköpfigen Minotaurus, dem Ariadne begegnet. Sie inszenierte den Tanz als Reise zum Frausein, als Kampf gegen Dämonen und inkarnierte männliche Lust. Diese Arbeit gilt als die populärste der Graham und hätte der Bringer sein können.

Doch die Dresdner Interpretin Duosi Zhu tanzte die Bewegungen nur perfekt und folgte den Vorgaben, offenbar ohne zu wissen, was sie da zu interpretieren hatte. Das Existenzielle der Choreografie vermochte sie nicht zu gestalten. Vielleicht fehlen den jungen Frauen heute jene Erfahrungen und Kämpfe der Generationen vor ihnen? Sie bewegen sich technisch hochvirtuos, sind viel leistungsfähiger als ihre Kollegen noch vor Jahren – aber all das ersetzt keine Persönlichkeit, wie sie die Graham hatte. Und die war eine Erscheinung, auch noch als nicht mehr aktive Tänzerin. Nur eine kurze Verbeugung beim Schlussapplaus ihrer Company machte sie zum Ereignis, flutete den Raum mit ihrer Aura.

So erwies sich „Errand into the Maze“ als herbe Enttäuschung. Und so stand es am Ende von „Labyrinth“ drei zu null für die Männer des Semperopern- Balletts.

Wieder am 14., 16., 18. und 21. November, Semperoper, Kartentel. 0351 4911705

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