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Montag, 08.10.2018

Teneriffa unter dem Mikroskop

Mit einer großartigen Familiengeschichte gewinnt Inger-Maria Mahlke den Deutschen Buchpreis.

Von Karin Großmann

Aus 199 Einsendungen als Siegerin ausgewählt: die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke.
Aus 199 Einsendungen als Siegerin ausgewählt: die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke.

© Getty Images

Die Entscheidung ist gefallen. Und sie verwundert nicht. Im Vergleich zu ihren Mitfavoriten hat Inger-Maria Mahlke die raffinierteste Konstruktion gebaut und die aufregendste Geschichte erzählt. Die Autorin erhält an diesem Montagabend für ihren Roman „Archipel“ den mit 25 000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis. Er wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse vergeben und gilt als wirksamstes Marketinginstrument der Branche. Wenn es gut geht, wird dadurch ein Roman bekannt, der ohne den Preis womöglich weniger beachtet würde. Inger-Maria Mahlke kann diese Aufmerksamkeit gebrauchen. Ihre bisherigen drei Bücher wurden von Rezensenten mehr geschätzt als vom Publikum. Die 42-Jährige studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie.

In „Archipel“ erzählt die Autorin von Teneriffa. Doch die Blumeninsel als touristischer Sehnsuchtsort interessiert sie gar nicht. Sie erforscht die Schattenseiten und steigt tief hinab in die Geschichte. Sie beginnt damit in der Gegenwart von 2015 und erzählt zurück bis ins Jahr 1919. In dieser gegenläufigen Chronologie gräbt Inger-Maria Mahlke immer weiter, fördert erschreckende Einzelheiten zutage und überraschende familiäre Verflechtungen. Es ist, als würde sie die Antworten kennen und nun nach den passenden Fragen suchen.

Süchtig nach dem Detail

Es ist mutig, dass die Jury mit dem Preis ein Erzählen anerkennt, das man nicht gerade süffig nennen kann. In einer klaren, lakonischen Sprache arbeitet sich die Autorin Kapitel für Kapitel zurück auf dem Zeitstrahl. Die Methode ist reizvoll und trickreich, denn so erklärt sich vieles im Nachhinein, was zunächst bloß störend oder irritierend wirkt. Es ist der klassische Aha-Effekt, der sich bei der Lektüre einstellt. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass sich nicht jede Wirkung auf eine Ursache zurückführen lässt. Geschichte ereignet sich selten folgerichtig und linear.

Inger-Maria Mahlke ist in Hamburg geboren und lebt in Berlin, hat aber einen Teil ihrer Kindheit auf Teneriffa verbracht. Ihr Blick reicht zurück bis zum Spanischen Bürgerkrieg 1936 und zu Franco als Militärkommandeur der Kanarischen Inseln, weiter zurück bis zu den Nachwehen der Kolonialzeit und zur Grippeepidemie 1919, zu schwarzen Witwen, weißen Witwen und zu den hungernden Kindern, die „mittags und abends in die Küche träufeln, zu spät und mit ungewaschenen Fingern“.

Diese Kinder verbringen ihr Leben im Staub der Dorfstraßen oder am Meer. Dort rennen sie wie kleine schwarze Käfer über die Felsen. Die scharfkantigen Steine machen ihnen nichts aus. Die Hornhaut ihrer Füße ist dick genug, um Zigaretten auszudrücken, wenn keiner von ihnen dran ziehen will. Solche Szenen kann die Autorin in starken, kräftigen Bildern ausmalen, in einer überbordenden Sucht zum Detail. Da wird die Milchhaut im Kännchen ebenso festgehalten wie der hellkörnige Bodensatz des Zuckers, der sich in der Kaffeetasse nicht ganz aufgelöst hat. Jedes Ding wird betrachtet wie unter dem Mikroskop. Das gilt dann auch für die Familien in diesem Roman, die Bernadottes, Bautes und Wieses. Jede trägt ihre eigenen Verfehlungen, Verstrickungen und Versäumnisse.

Der Roman beginnt mit der jungen Rosa, die gerade ihr Kunststudium in Madrid abgebrochen hat und nun nach Hause zurückkehrt mit dem fatalen Gefühl, gescheitert zu sein. Sie fürchtet sich vor der Frage, was sie jetzt tun wird. Sie verbringt ihre Tage mit der TV-Reality-Show „Survivor“, 23 Folgen mit jeweils knapp 45 Minuten. Sie rechnet das aus: „146,625 Stunden hat sie noch vor sich, die Zahl ist irgendwie beruhigend.“ Passenderweise geht es in der Serie um Menschen, die einander nicht kennen und auf einer abgelegenen Insel ausgesetzt werden. Eine Weile sieht es so aus, als könnte Rosa im Altersheim von La Laguna einen Lebenssinn finden. Dort in der Pförtnerloge sitzt Julio, über neunzig, mit einer Biografie als Kurier im Bürgerkrieg und als Gefangener der Faschisten. Julio ist Rosas Großvater mütterlicherseits. Es ist faszinierend, wie hier das Private mit dem Politischen verzwirnt wird.

Beim Gang durch die Epochen baut Mahlke Episoden ein, wie Inseln auf der Insel. Wieder einmal scheint das chronologische Erzählen an ein Ende gekommen zu sein. Eine Welt in Unordnung kann kaum durch Ordnung gespiegelt werden. So hat es kürzlich auch der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp erklärt. Er hatte den Deutschen Buchpreis für den Roman „Der Turm“ erhalten.

Auffallend international

Anders als Tellkamp schreibt Inger-Maria Mahlke nicht ein Thema fort, sondern beginnt jedes Mal neu. Ihr Roman „Wie ihr wollt“ erzählt von weiblicher Selbstbehauptung im Elisabethanischen Zeitalter. Damit stand die Autorin schon mal auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Beharrlich hat sie sich Text für Text hinaufgeschrieben, von Autorenwerkstätten und Stipendien über den Berliner Anfänger-Wettbewerb Open Mike und den Klagenfurter Bachmann-Preis bis zum Deutschen Buchpreis. In ihrer kurzen Rede bedankte sich Inger-Maria Mahlke ausdrücklich bei Barbara Laugwitz, die als Chefin des Rowohlt Verlags kürzlich vor die Tür gesetzt wurde. Mit dem Wissen um die fragilen Prozesse der künstlerischen Produktion habe sie sich sehr für ihre Autoren engagiert.

Es ist seit fünf Jahren das erste Mal, dass der Deutsche Buchpreis an eine Frau geht. Autorinnen sind in diesem Jahr ohnehin stark vertreten. Die Bücher der sechs Favoriten haben überraschend vieles gemeinsam: Sie folgen den Spuren in die Vergangenheit und zielen dabei auf die Gegenwart. Sie erkunden schwierige Familienbande. Dabei erfahren sie mehr vom Düsteren und Bedrohlichen als von den unbeschwerten Seiten des Lebens. Neben dem Hang zur Dystopie fällt die Internationalität dieses Jahrgangs auf. Maria Cecilia Barbetta erzählt von Argentinien, Stephan Thome von China, Maxim Biller von Russland und Tschechien, Nino Haratischwili von Tschetschenien und Susanne Röckel von einem mystischen Land, in dem ein Vogelgott verehrt wird.

Es wäre ja traurig um die deutschsprachige Literatur bestellt, wenn es nur den einen besten Roman der Saison gäbe. Die Frankfurter Buchmesse offeriert bis zum Sonntag noch viel mehr Herzzerreißendes, Wunderbares, Lehrreiches, Verblüffendes und unbedingt Lesenswertes.

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