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Freitag, 06.07.2018

Taucher nach der Wahrheit

Von Sabine Glaubitz

2013 bekam der französische Regisseur Claude Lanzmann bei der Berlinale den Ehrenbären. Foto: dpa
2013 bekam der französische Regisseur Claude Lanzmann bei der Berlinale den Ehrenbären. Foto: dpa

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Antisemitismus, Unmenschlichkeit und Gewalt: Claude Lanzmann hat sich in seinen Filmen mit Themen auseinandergesetzt, deren Narben noch heute schmerzen. Mit seinem neuneinhalbstündigen Zeitzeugnis „Shoah“ über den Völkermord an den europäischen Juden schrieb sich der französische Filmemacher, Philosoph und Schriftsteller in das Gedächtnis der Menschheit. Nun ist der Sohn jüdischer Eltern im Alter von 92 Jahren gestorben.

„Vergegenwärtigen der Vergangenheit“ nannte Lanzmann seine Arbeit. Dabei holte er Ereignisse in die Gegenwart aus dem dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte, dem Holocaust. Mit „Shoah“ hat Lanzmann einen der radikalsten Filme über die Vernichtung europäischer Juden im Nationalsozialismus überhaupt gedreht.

Napalm auf Nordkorea

Zu Lanzmanns filmischen Wagnissen zählt auch „Der letzte der Ungerechten“. Mit der 2013 auf dem Filmfestival in Cannes präsentierten Doku wollte er Benjamin Murmelstein rehabilitieren, den letzten Vorsitzenden des Judenrates in Theresienstadt. Nach 1945 kam dieser wegen Kollaboration mit den Nazis in Haft, wurde aber nach 18 Monaten freigesprochen.

Mit „Napalm“ rückte Lanzmann 2017 in Cannes den Koreakrieg in den Fokus, bei dem US-amerikanische Flieger große Mengen Napalm abwarfen. In dem Film, für den er 2004 und 2015 in das diktatorisch geführte Land unter kommunistischer Führung reiste, erinnert er sich an die Krankenschwester Kim Kum-sun, in die er sich während seines mehrwöchigen Aufenthalts im Jahr 1958 unsterblich verliebt hatte. Die Liebesgeschichte mit der Krankenschwester beschrieb er 2010 in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase. Erinnerungen“. Mit dem Band, der auch auf Deutsch erschienen ist, feierte Lanzmann noch 84-jährig erfolgreich sein Debüt als Schriftsteller. Fünf Jahre später gab er mit „Das Grab des göttlichen Tauchers“ einen weiteren Rückblick auf sein Leben, das bewegend und anekdotenreich war.

Lanzmann wurde 1925 im Großraum Paris geboren. Er studierte Philosophie und war Lektor an der Freien Universität Berlin. Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerienkrieg. Er war mit Jean-Paul Sartre befreundet und führte mit Simone de Beauvoir eine siebenjährige eheähnliche Beziehung. Verheiratet war Lanzmann in erster Ehe mit der französischen Schauspielerin Judith Magre, in den 70er-Jahren heiratete er die im Juli 2016 gestorbene deutsche Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Auf dem Buchcover von „Das Grab des göttlichen Tauchers“ ist ein nackter Mann abgebildet, der kopfüber ins azurblaue Meer springt. „Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere“, begründete Lanzmann die Wahl des Bildes. Er hat diesen Wasserspringer zu einer Metapher für sein Leben gemacht: Stets tauchte er nach der Wahrheit. (dpa)

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