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Mittwoch, 07.03.2018 TV-Tipp

Sündenfall der Polizei und der Presse

Dem Geiseldrama von Gladbeck haben sich Künstler seit 1988 schon mehrfach gewidmet. Der zweiteilige Film, den das Erste jetzt zeigt, gilt als TV-Highlight.

Von Dorit Koch

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Aus dem Film: Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt. Leider gab es solche Szenen in der Wirklichkeit.
Aus dem Film: Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt. Leider gab es solche Szenen in der Wirklichkeit.

© ARD /dpa

Zum 30. Mal jährt sich das Geiseldrama von Gladbeck in diesem Sommer. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle im Nachkriegsdeutschland, der die Bundesrepublik an drei Tagen in Atem hielt, der zwei Geiseln und einem Polizisten das Leben kostete, der als Versagen der Staatsmacht und als journalistischer Sündenfall in die Geschichte einging. Einer der beiden Täter, Dieter Degowski, ist gerade aus der Haft entlassen worden. Der andere, Hans-Jürgen Rösner, sitzt weiter. Er war es auch, der „Gladbeck“ juristisch verhindern wollte: jenen TV-Zweiteiler, den das Erste am Mittwoch und Donnerstag zeigt. Ein Film, der auch zum Nachdenken über „Gaffermentalität“ in Zeiten von sozialen Netzwerken und Smartphones anregen soll.

Live dabei sind damals Millionen TV-Zuschauer streckenweise, als die Täter nach dem missglückten Banküberfall in Gladbeck mit Geiseln durchs Land fliehen – verfolgt von einer hilflos wirkenden Polizei und einer Presseschar wie im Rausch. Vor laufenden Kameras geben die Verbrecher Interviews, während sie in Bremen Geiseln in einem Bus in ihrer Gewalt haben.

In Köln kommt es zur bizarren „Pressekonferenz“ aus dem dicht umlagerten Fluchtwagen heraus: Die 18-jährige Geisel Silke Bischoff muss Fragen beantworten, während Degowski ihr die Waffe an den Kopf hält. Medienvertreter geben den Tätern Hinweise auf verdeckte Ermittler. Die Polizei kann das von Reportern und Schaulustigen umringte Fahrzeug nicht stürmen. Ein Journalist steigt ein und lotst die Gangster aus der Stadt. Regisseur Kilian Riedhof will die „Erschütterung und Ohnmacht“, die er selber angesichts von Gladbeck empfunden habe, auf das Publikum übertragen. „Filme dürfen nicht im Kopf stecken bleiben, sie müssen uns bewegen. Das Trauma von Gladbeck braucht unsere kollektive Empathie, um verarbeitet zu werden“, sagt der 46-Jährige.

Sein Film bewegt und holt den Nervenkrieg aus dem August 1988 zurück auf den Bildschirm. Sascha Alexander Gerjak als Rösner, Alexander Scheer als Degowski und Zsa Zsa Inci Buerkle als Silke Bischoff gleichen den realen Vorbildern für ihre Rollen nicht nur frappierend. Die größtmögliche Faktentreue, die dem „Gladbeck“-Team wichtig war, reicht bis hin zu Bewegungsabläufen und Körpersprache.

Im Zentrum steht für Riedhof die Begegnung mit dem Animalischen und die Frage, wie sich dessen anarchische Gewalt auf Polizisten, Journalisten und vor allem die Geiseln auswirkte. „Es brauchte damals nicht viel, und in 54 Stunden verwandelte sich die unschuldige Bundesrepublik in ein anarchisches, animalisches Feld.“ 54 Stunden komprimiert in zwei Mal 90 Minuten. Kein Dokudrama, sondern „ein dramatisch verdichtender Spielfilm“, so Riedhof. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt dienten unter anderem die Untersuchungsberichte aus Nordrhein-Westfalen und Bremen als Quellen. Daneben seien etwa Tondokumente umfassender als zuvor ausgewertet worden, sagt Produzentin Regina Ziegler über das mehrjährige Projekt. „Gladbeck“ beleuchtet das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln: aus der Sicht von Polizei, Journalisten und Geiseln.

Nach Gladbeck überarbeitete die Polizei grundlegend die Einsatztaktik, der Presserat legte fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. (dpa)

„Gladbeck“, Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. C.G.

    Über das Gladbecker Drama ist in der Vergangenheit wahrlich genug und ausführlich berichtet worden - Neuigkeiten oder bisher Unbekanntes dürfte auch K. Riedhof nicht zu berichten wissen. Meine Meinung dazu: Der Film ist nichts anderes als die Fortsetzung des damaligen Voyeurismus unter dem Deckmäntelchen der sachlichen Berichterstattung. Die Motivation der Programmmacher dürfte eher in einer möglichst hohen Einschaltquote, als in der allgemeinen Informationspflicht der Öffentlichkeit zu finden sein.

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