erweiterte Suche
Freitag, 05.10.2018

Stolz im Osten

Die AfD beutet die Komplexe vieler Bürger aus. So entstehen Trotz und Stolz.

Von Michael Bittner

© Ronald Bonß

Vor einer Weile lief ich durch ein Städtchen in Brandenburg. Ich kam an einer Vitrine vorbei, in der Parteien um Aufmerksamkeit buhlten. Auch die AfD lud die Bürger zu einer Veranstaltung ein – und zwar zu einem Subbotnik! Nanu? Die AfD als Partei der Ostalgie? Seitdem denke ich über den Erfolg nach, mit dem die AfD sich jenen Mangel an deutscher Einheit zunutze macht, der am gleichnamigen Tag immer routiniert beklagt wird. Warum wählen im Osten auch unzufriedene Durchschnittsbürger die AfD, während sie im Westen bloß jenes rechtsradikale Milieu mobilisiert, das schon früher mancherorts die NPD oder die Republikaner auf über 10 Prozent hievte?

Lange bot nur die Linke eine Heimat für Ostdeutsche, die sich vom Westen verarscht fühlten. Nicht wenige wurden ja auch wirklich einst über den Tisch gezogen und werden heute noch benachteiligt. Es ist schon komisch, aber auch ein bisschen tragisch, dass sich in der AfD die Ossis nun schon wieder von einer rein westdeutschen Führungsriege unterbuttern lassen – ganz so wie andernorts. Trotzdem fühlt sich ein Viertel der Ostdeutschen von dieser Partei vertreten. Wie kommt’s?

Die AfD versteht es geschickt, die Minderwertigkeitskomplexe vieler Ostdeutscher auszubeuten. Die Linke beklagt, man lasse die Ossis nicht das „Westniveau“ erreichen. Die AfD ruft stattdessen: „Ostdeutsche! Seid froh, dass ihr nicht wie die Wessis seid! Man will euch einreden, es mangele euch an Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. In Wahrheit seid ihr klüger und durchschaut den Multi-Kulti-Wahnsinn! Es heißt, ihr wäret zu träge und ängstlich, würdet euch zu selten in der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Politik engagieren. In Wahrheit wisst ihr nur, was direkte Demokratie ist! Ihr wartet auf einen Prachtkerl wie Putin oder Orban, der endlich den Willen des Volkes durchsetzt!“

Eine Erzählung, die Stolz und Trotz weckt, ist nicht zufällig erfolgreicher als ein Diskurs, der Ostdeutsche nur als wandelnde Defizite kennt. Wer den Plan, die Sehnsucht nach dem autoritären, monokulturellen Staat zur neuen ostdeutschen Identität zu machen, vereiteln will, der muss ein menschlicheres, hoffnungsvolleres ostdeutsches Selbstbewusstsein zeigen. Andreas Dresens neuer Film „Gundermann“ ist ein erster, gelungener Versuch.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.