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Donnerstag, 21.12.2017

Springen statt suhlen

Wäre Kolumbus ein besorgter Bürger gewesen, hätte er es nie nach Amerika geschafft.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© R. Bonß

Mancher platte Reim verspricht ein Fünkchen Wahrheit. Für besorgte Bürger eignet sich wohl der folgende: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Wie kitschig, lächerlich, abwegig! Gerade politisches Handeln gründet man besser nicht auf solches Glaubenwollen. „Wunder an der Weichsel“ sind nämlich selten; und in aussichtsloser Lage auf neue „Wunderwaffen“ zu setzen, ist ziemlich dumm. Wie aber steht es mit persönlichen Hoffnungen? Erfüllen die sich nicht bisweilen wider alles Erwarten auf überraschende Weise?

Advent und Weihnachtszeit sind voller Lichter. Weniger wäre oft mehr. Doch auch noch so viele Sterne und Kerzen und Glitzerlampen stören selten. Es tut einfach gut, wenn sie winterliches Dunkel anheimelnd machen. Oder immerhin eine Illusion von Heimeligkeit schaffen, sozusagen den Vorglanz des Wünschenswerten, wenn schon nicht den Abglanz von Besessenem. Und kaum eine Einsamkeit mag bitterer sein, als zu Heiligabend solche Lichter nur wie eine Maskerade zu erleben, als vergänglichen Theaterzauber vor der schwarzen Brandmauer.

Doch wenn hinter der Mauer wirklich ein Licht wäre? Nur noch nicht gefunden, weil man eben im Dunklen tappt und weder ein Fenster noch die Tür nach draußen ertastet? Oder wirkungslos, weil die Jalousien fest geschlossen sind – und jede Ahnung fehlt, wie man sie öffnen könnte? Kommt aber derlei Ahnung auf, dann regt sich im besorgten Bürger oft mancherlei Angst. Könnte so ein Licht denn nicht blenden? Vertraute Wahrnehmungen vielleicht verändern? Erwiese sich gar, bei solchem Licht besehen, manches als recht abweichend von dem, worauf man sich bislang eingestellt hat? Wäre bisherige Orientierung dann nicht entwertet, viel Erfahrung aus früherer Zeit vertan? Dann doch lieber weiter wie bisher! Es wird schon irgendwie vorangehen, auch wenn nichts Neues mehr hinzukommt. Auf derlei hoffen ja nur Kinder. Wir Erwachsenen aber nehmen die Welt, wie sie ist, und behandeln vertraute Grenzen wie endgültig. Nur nicht selbst hinüberstreben ins bislang Unvertraute; man weiß ja nicht, was einen da erwartet ...

Wäre Kolumbus so ein besorgter Bürger gewesen, hätte er es nie nach Amerika geschafft. Dann doch lieber einen Sprung in Neues wagen, statt sich in alte Sorgen einzusuhlen – gerade zu Weihnachten!

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