erweiterte Suche
Montag, 12.03.2018

Sprachmusik

Auf der Bühne von Semper Zwei brachten Nora Gomringer und Günter „Baby“ Sommer „Grimms Wörter“ von Günter Grass zum Klingen.

Von Michael Wüstefeld

Es waren einmal zwei, die Günter und Günter hießen, seit 1986 als unzertrennlich und landesweit berühmt galten. Günter Grass führte das Wort. Günter „Baby“ Sommer rührte die Trommel. So trommelten sie fast drei Jahrzehnte gemeinsam für die Literatur. Wo immer sie hinkamen, sorgten Günter und Günter für Wirbel, ganz gleich, ob sie „Blechtrommel“ oder „Hundejahre“, „Butt“ oder „Mein Jahrhundert“ aufführten. Als sie das von Günter Grass 2010 erschienene Buch „Grimms Wörter“ mit Pauken und Trommeln hörbar werden lassen wollten, starb Grass 2015. Weil er aber bereits eine Dramaturgie seiner „Liebeserklärung“ an die deutsche Sprache entworfen hatte, komponierte Sommer für Schlagzeug und Schlagwerk eine bühnenreife Fassung und holte die Sprech-Performerin Nora Gomringer ins Boot. Freitagabend kamen „Grimms Wörter“ endlich auch in Dresden, in Sommers Reihe „Fenster aus Jazz“, auf die Bühne von „Semper Zwei“.

Trommelwirbel. Von links kommt Günter „Baby“ Sommer mit einer Blechtrommel vorm Bauch, von rechts Nora Gomringer mit einem Buch unterm Arm. Hinter den Akteuren leuchtet auf Videoleinwand die erste Buchseite mit einem großen „A“, das von Weidenkätzchen gerahmt wird. Sommer läßt die Pauken grummeln, Gomringer setzt ein: „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram. Wörter von altersher, die abgetan sind oder abseits im Angstrad laufen“. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Jacob und Wilhelm Grimm und die Entstehungsgeschichte des von ihnen 1838 begonnenen „Deutschen Wörterbuchs“. Wie sehr Günter Grass ein Sprachfest inszeniert hat, wie ansteckend seine Wortkaskaden für Interpreten und Publikum sind, wird an diesem Abend mehr als deutlich. Gomringer und Sommer sind bestens aufeinander eingestimmt. Musik wird Sprache, und Sprechen wird Musik. Ein vielgestaltiges Hörstück entsteht, bei dem neben klassischen Schlaginstrumenten auch diverse Küchengerätschaften und wie „Baby“-Spielzeug anmutende Schlagwerkteile ihre Bestimmung finden, darunter Agogo, Cabasa, Cymbel, Guiro, Klangschale, Maracas, Shaker, Caxixis, Glockenstab und Drum Tambuta. Wenn Sommer gelegentlich summt, zischt und brummt, rhythmisiert Gomringer ihren Vortrag oder quiekt, trillert und singt. Sommer nutzt Muschelhorn, Mundharmonika, Maultrommel, Vibraphon oder Schlitztrommel. Gomringer wechselt Tempi und Modulation. Obwohl der Percussionist auf seinen Fellen viel Druck erzeugen könnte, was sich nur in wenigen Sololäufen Bahn bricht, lässt er im Dienst des Lesevortrags zumeist vornehme Zurückhaltung walten. Umso mehr legt sich Nora Gomringer ins Zeug, hetzt jedoch die Sprache mitunter, sodass es nicht immer leicht ist, dem Text zu folgen. Als „Baby“ Sommers „UFO drum“ zum Schluss leiser und leiser wird, werden vielleicht einige im Publikum der unverwechselbaren Vortragsstimme von Günter Grass nachgesonnen haben, die so einfach nicht zu ersetzen ist.

MP3-CD: Grimms Wörter von Günter Grass
Vertont von Günter „Baby“ Sommer; gelesen von Nora Gomringer; Steidl Verlag
10 Euro

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.