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Dienstag, 27.06.2017

„Solange es Armut gibt, gibt es Verbrechen“

Jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, sagt Krimiautor Don Winslow. Er warnt vor einer neuen Mafia in New York.

Don Winslow erzählt in seinem neuen Thriller vom größten Einsatz gegen den Heroinhandel in der Geschichte New Yorks.
Don Winslow erzählt in seinem neuen Thriller vom größten Einsatz gegen den Heroinhandel in der Geschichte New Yorks.

© dpa

Rasante Plots, hohes Tempo und realistische Szenarien sind das Markenzeichen von Don Winslow. Mit seinen 20 Romanen zählt der 62-jährige Amerikaner zu den wichtigsten Krimiautoren der Welt und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet. „Das Kartell“ und „Tage der Toten“ zählen zu seinen Klassikern. Es sind Thriller über die mexikanischen Drogenkartelle und den Kampf der USA gegen den Drogenhandel. Oliver Stone verfilmte Winslows Buch „Savages – Zeit des Zorns“. Soeben ist der neue Roman „Corruption“ erschienen. Der ehemalige Privatdetektiv und Journalist Don Winslow lebt mit seiner Familie in Kalifornien.

Für die Recherche zu Ihrem neuen Thriller sind Sie in Ihre alte Heimat New York City zurückgekehrt – wie war das Wiedersehen?

Ein großes Abenteuer! Ich streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte meine früheren Lieblingsplätze, sprach mit Gangstern, Drogendealern und Polizisten. Da sich mein Roman vor allem um den Alltag eines Elite-Cops und seiner Einsatztruppe dreht, habe ich besonders viel Zeit mit Polizisten und ihren Familien verbracht. Am besten war, dass ich bei ihren Einsätzen mitfahren durfte: Verhaftungen, Razzien, Schießereien. Ich habe alles aus nächster Nähe mitverfolgt.

Hatten Sie keine Angst?

Überhaupt nicht. Ich bekam eine schusssichere Weste und wusste, dass die Cops mich im Ernstfall beschützen würden. Außerdem kannte ich ja die Gegend. Ich bin das Leben auf der Straße von früher gewohnt. Ich wohnte mitten in Harlem, und um mich herum gab es täglich Überfälle und Morde. Ich ging in dieselben Kneipen und Bars wie Dealer, Cops, Nutten und Künstler. In gewisser Weise habe ich also schon mein ganzes Leben für dieses Buch recherchiert. Den ersten Entwurf von „Corruption“ hatte ich extrem schnell fertig, gerade, als ob ich Angst gehabt hätte, vorher geschnappt zu werden. Aber natürlich ist jeder Roman mehr ein Marathon als ein Sprint, und es gibt Zeiten, da läuft es nicht so gut. Da muss man durch.

Was ist Ihre Lieblingserinnerung an New York?

Drei Uhr morgens in einer heißen Julinacht. Ich gehe müde nach Hause, den Broadway hoch, und bei einem Buchladen an der Ecke stehen alle Fenster offen. Von drinnen dröhnt die Stimme von Edith Piaf auf Schallplatte nach draußen, und auf der Straße stehen Leute, die wie ich fasziniert zuhören. Das war unglaublich, aber typisch für New York. Ich liebe diese Stadt, auch wenn sie sich stark verändert hat.

Sie schreiben, dass Korruption zur DNA New Yorks gehört. Wie meinen Sie das?

Die Stadt wurde schon mit einem Betrug gegründet, als sie für 24 Dollar in Perlen von den Ureinwohnern gekauft wurde. Danach wurde New York auf Bestechung aufgebaut – es gibt keinen einzigen Stein, für den nicht irgendjemand seinen Anteil bekommen hat. Ladeninhaber und Barbetreiber haben schon immer Schutzgeld an Gangs gezahlt, auch an die Polizei. Für viele Jahre war die „Mafiasteuer“ in der Baubranche ein offenes Geheimnis, und jeder wusste, dass man für Beton, Gips und sogar für die Arbeiter extra zahlen musste, denn die Mafia kontrollierte sogar Gewerkschaften.

Und damit ist es jetzt vorbei?

Da bin ich mir gar nicht sicher. Viele Experten meinen, dass die Mafia vor einem großen Comeback steht. Kein Wunder, denn Geld wird in New York ständig von einer Tasche in die nächste geschoben. Zurzeit haben wir wieder einen großen Skandal: Hochrangige Polizisten haben von reichen Bürgern Geschenke angenommen und ihnen danach Gefälligkeiten erwiesen.

Trotzdem gilt New York heute als sauber und vergleichsweise friedlich. Es heißt, die Kriminalität sei kein großes Problem mehr.

Das ist natürlich Quatsch. Solange es Armut gibt und die Drogen nicht legalisiert werden, wird es immer Gangs und Verbrechen geben. Fast alle großen Verbrechen hängen mit dem Drogenhandel zusammen.

Was würde eine Legalisierung bringen?

Man muss den unglaublich hohen Profit, der im Drogenhandel gemacht wird, vernichten. Durch die Legalisierung würde man den Kartellen und Dealern die Macht entziehen und könnte als Staat selbst die Kontrolle übernehmen. In der Folge würden die Morde zurückgehen. Aber es müsste noch viel mehr passieren: Hört endlich auf, Kleinkriminelle in den Knast zu stecken! Unser Justizsystem ist eine Maschine, die einen konstanten Zufluss von Öl in Form von Verhaftungen braucht, um sich selbst zu erhalten. Und es wird immer schlimmer: „Gefängnisprivatisierung“ ist das traurigste englische Wort unserer Zeit, denn es beweist, dass wir das Einsperren unserer Bürger kommerzialisieren.

„Wir sind alle korrupt“, sagt die Hauptfigur Ihres neuen Thrillers, der Elite-Polizist Denny Malone. Hat er recht?

In seiner Welt in New York sind tatsächlich alle korrupt. Er beobachtet das jeden Tag, wenn er mit seiner Sondereinheit durch Harlem zieht und Verbrecher jagt. Das ist eine der moralischen Gefahren seines Jobs: Man glaubt, dass jeder trickst, lügt und bestechlich ist. Außerdem sehen Malone und seine Truppe ständig, welch riesige Summen im Drogenhandel verdient werden – das verführt. Ich sehe das etwas differenzierter. Jeder von uns hat den Samen der Korruption in sich, aber entscheidend ist, ob man ihn keimen lässt.

Hat man Ihnen schon einmal Geld geboten, um in einer bestimmten Weise zu schreiben?

Verleger haben mir hohe Summen versprochen, wenn ich endlich mal einen ganz normalen, banalen Krimi schreibe. Aber darauf habe ich keine Lust! Man hat mir oft gesagt, dass ich zu düster, politisch, brutal, verschroben und komplex schreibe, und dass meine Karriere bald am Ende ist. Zum Glück ist es anders gekommen. Und ich bin meinem Stil treu geblieben.

Sie scheuen sich nicht, auch positiv über Gangster und bestechliche Polizisten zu schreiben. Mögen Sie etwa Ihre fragwürdigen Figuren?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Es mag seltsam klingen, aber wenn ich schreibe, bemühe ich mich ganz bewusst, nicht objektiv zu sein. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mit Distanz aufs Geschehen zu blicken und es zu kommentieren, sondern in die Köpfe meiner Figuren zu gehen und dafür zu sorgen, dass meine Leser alles durch deren Augen sehen. Zweifellos tun meine Figuren grenzwertige, unangemessene Dinge, aber es ist völlig egal, wie ich darüber denke. Wichtig ist nur, wie sie darüber denken. Erst dann können meine Leser ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Ihre Figuren konsumieren Drogen, um Höchstleistungen bringen zu können. Was brauchen Sie, um ein komplexes Werk wie „Corruption“ zu schreiben?

Kaffee. Immer wieder Kaffee, frisch gemahlen. Ich gebe gerne zu, dass ich davon abhängig bin und mich auch nicht behandeln lassen möchte. Aber natürlich treibt mich nicht nur das Koffein voran: Ich war schon immer verrückt danach, zu schreiben.

Interview: Günter Keil

Don Winslow: Corruption. Übersetzt von Chris Hirte,

Droemer, 544 Seiten, 22,99 Euro

Hörbuch gelesen von Dietmar Wunder, Lübbe Audio

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