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Donnerstag, 08.03.2018

So viel Ärger

Jan Weiler lässt Kommissar Kühn wieder in einem abscheulichen Mordfall ermitteln. Der Roman gerät eher zur gesellschaftlichen Bestandsaufnahme als zum Krimi.

Von Susanne Plecher

Jan Weiler lieferte gleich mit seinem Erstling „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ eines der erfolgreichsten Bücher der vergangenen Jahrzehnte ab.
Jan Weiler lieferte gleich mit seinem Erstling „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ eines der erfolgreichsten Bücher der vergangenen Jahrzehnte ab.

© Tibor Boz

Es war einmal ein armer Junge aus einem Ghetto. Der verliebte sich in ein reiches Mädchen. Das Mädchen liebte auch ihn und nahm ihn mit zu seiner Familie, die ihn vorbehaltlos und mit großer Freude bei sich aufnahm. Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

So hat sich das Amir vielleicht gedacht. Der vorbestrafte 17-Jährige libanesischer Herkunft lebt mit Mutter und Bruder in einer ebenso winzigen wie heruntergekommenen Sozialwohnung am Münchener Stadtrand. Er dealt, schlägt, schwänzt die Schule. Der Vater hat die Familie im zwölften Stock des Hochhauses längst verlassen. Amirs Zukunft scheint wenig rosig, bis er auf Julia trifft. Die 16-Jährige stammt aus alteingesessenem Münchener Geldadel. Ihre Familie ist so reich, dass sie eine Marmorstraße aus Dubrovnik abbauen und vor ihrem Anwesen verlegen ließ. Die Mutter fand die Steine so schön. Die Stadt freute sich über den Scheck.

Amir und Julia: Jan Weiler lässt diese beiden in seinem neuen Buch „Kühn hat Ärger“ tatsächlich aufeinander los. Sie verlieben sich krachend und ohne jede Rücksicht auf Ressentiments. Das ist eines der wenigen berührend ehrlichen und strahlend schönen Gefühle im 400 Seiten starken Gesellschaftsroman. Denn was so märchenhaft beginnt, dass man sich als Leser schon verschaukelt vorkommt, endet im Mord. Amir wird brutal zu Tode geprügelt. Die Ordnung ist wiederhergestellt. Etwas so Unwahrscheinliches wie die Liebe zwischen den beiden kann nicht bleiben.

Jan Weiler gehört nach eigenem Bekunden der gehobenen Mittelschicht an. Es beruhigt ihn, sich keine Sorgen um Geld machen zu müssen, sagt er. Der Journalist und Schriftsteller hat mit seinen Ausführungen zum Pubertier und dessen Verfilmung ein Millionenpublikum erreicht. Sein Erstling „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ gehört zu den erfolgreichsten Büchern der vergangenen Jahrzehnte. Mit Humor und spitzer Zunge schreibt er exemplarisch nieder, was er beobachtet: zwischen Kindern und Eltern, Paaren und Schwiegereltern, Nachbarn, Freunden. Mit Martin Kühn, 45, Hauptkommissar bei der Münchener Mordkommission, richtet er den Blick auch auf gesellschaftliche Tendenzen. Was Weiler sieht, ist beunruhigend. 2015 hatte Kühn seinen ersten Auftritt. Damals hatte er „viel zu tun“, nun, im zweiten Roman, hat er viel Ärger.

Der Ärger verseucht Kühns Leben auf so ziemlich allen Ebenen. Er ist ein von Sorgen getriebener Familienvater, ein Mann, dessen Ehe kriselt, ein Kreditnehmer, dessen Immobilie wegen einer alten Sauerei massiv an Wert verliert. Kühns Karriere stagniert ebenso wie seine Gehaltsentwicklung, ein stark erhöhter PSA-Wert in seinem Blut lässt den Schluss auf einen Tumor in der Prostata zu, aber zu einem Seitensprung mit einer Kollegin reicht die Manneskraft dann doch noch. Ein Freund erweist sich als Konkurrent, Nachbarn als Kaufhauserpresser und Mörder oder gut vernetzte Neonazis. Dazu der brutale Mord.

Es schwelt an jeder Ecke. Der Mord an Amir ist nur ein Handlungsstrang von vielen. Die Lösung des Kriminalfalls gerät fast schon zur Nebensache, zum Broterwerb. Der Hauptdarsteller in Jan Weilers Versuchsanordnung ist zufälligerweise Hauptkommissar, er hätte auch irgendetwas anderes arbeiten können.

Das Setting der gesellschaftlichen Pole nutzt Weiler für Milieustudien und soziologische Analysen. Sie sind klischeehaft überzeichnet, vieles ist nicht neu, aber stimmt durch die krasse Darstellung dennoch nachdenklich. Es gelingt ihm, die unterschiedlichen Welten mit wenigen Strichen zu porträtieren. Der Kommissar dümpelt irgendwo dort herum, wo sich einmal die Mittelschicht befunden haben mag. Ihr bisschen Wohlstand rutscht der Mitte durch die Finger. Angst, vor allem vorm sozialen Abstieg, ist allgegenwärtig. Die Armen haben den Kampf aufgegeben, die Reichen knacken Austern. Das Auseinanderdriften der Schichten hat der Autor als eines der großen Gegenwartsthemen erkannt. Selbst jene, die zu den Besserverdienenden zählen, haben oft nicht einmal das Geld für einen Familienurlaub. Auch Kühn muss rechnen.

Manche radikalisieren sich aus Angst vor Statusverlust und kämpfen gegen jene, denen es noch schlechter geht. Dass sie an der Misere keine Schuld tragen, ist unerheblich. „Diese gewaltigen Unterschiede darzustellen ist sehr spannend für mich. Es ist faszinierend und auch verstörend, wie dicht, gerade in einer Stadt wie München, die Milieus aneinandergrenzen und wie wenig sie tatsächlich miteinander zu tun haben“, so der Autor in einem Interview. In seinem Hörspiel „Eingeschlossene Gesellschaft“ variiert er das Thema am Beispiel eines Lehrerkollegiums.

Dass Kühn überhaupt noch Luft bekommt, grenzt an ein Wunder. Jan Weiler packt immer noch ein Schippchen drauf. Mal sehen, wie viel der noch tragen kann, der Kühn. Am Ende des lesenswerten Buches ist der Mordfall gelöst – man regelt alles diskret und mit bester Zahlungsmoral – der Rest aber bleibt offen. Kühn ist noch nicht entlassen vom Seziertisch seines Erfinders. Da kommt noch was.

Jan Weiler: Kühn hat Ärger. Piper Verlag, 400 Seiten, 20 Euro

Jan Weiler: Eingeschlossene Gesellschaft. Hörspiel mit Jan Weiler, Annette Frier u.a.,Regie: Leonhard Koppelmann, Der Hörverlag, 2 CD

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