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Dienstag, 06.02.2018

Sie lässt die Toten nicht ruhen

Die Autorin Romy Fölck stammt aus einem Dorf bei Meißen und startet nun zum Sprung auf die internationale Krimibühne. Dafür setzt ihr Verlag alle Hebel in Bewegung.

Von Karin Großmann

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Romy Fölck lässt in ihrem Krimi dezent morden, sie richtet keine Schlachtplatte an. Die psychische Entwicklung der Figuren interessiert sie mehr.
Romy Fölck lässt in ihrem Krimi dezent morden, sie richtet keine Schlachtplatte an. Die psychische Entwicklung der Figuren interessiert sie mehr.

© Kerstin Petermann

  • Romy Fölck lässt in ihrem Krimi dezent morden, sie richtet keine Schlachtplatte an. Die psychische Entwicklung der Figuren interessiert sie mehr.
    Romy Fölck lässt in ihrem Krimi dezent morden, sie richtet keine Schlachtplatte an. Die psychische Entwicklung der Figuren interessiert sie mehr.
  • Herbstlicher Nebel bildet in der norddeutschen Landschaft die perfekte, unheimliche Kulisse für die Romane von Romy Völck. Die Autorin aus Sachsen lebt inzwischen in ihrer Wahlheimat, in der auch ihre Krimis spielen.
    Herbstlicher Nebel bildet in der norddeutschen Landschaft die perfekte, unheimliche Kulisse für die Romane von Romy Völck. Die Autorin aus Sachsen lebt inzwischen in ihrer Wahlheimat, in der auch ihre Krimis spielen.

Ein Skelett im Beton, ein entführtes Kind, ein toter Saisonarbeiter und ein zusammengeknüppelter Bauer im Straßengraben – es ist einiges los in dem Nest, in dem der neue Krimi von Romy Fölck spielt. Die Landschaft liefert die unheimlich-perfekte Kulisse, wenn der Herbststurm schwere Wolken über den Deich treibt und das Nebelhorn tutet: Schwaden wie Leichentuch. „Totenweg“ heißt das Buch.

Vor fünf Jahren ist Fölck aus Sachsen in den Norden gezogen. Sie setzte auf Risiko. Mit 38 sortierte sie ihr Leben neu. Sie gab den festen Job bei einer Bank in Leipzig auf. Die Filiale wollte wegziehen, und das, sagt Romy Fölck, nahm sie als Wink des Schicksals. Außerdem hatte sie von einer Fernbeziehung genug. Mit ihrem Mann, der auch aus Sachsen stammt, baute sie in der Haseldorfer Elbmarsch bei Hamburg ein Haus. Dort sitzt sie beim Schreiben am liebsten am Esstisch. Der Blick geht in die Marsch, und gemütlicher ist es auch. „Ich bin eine Genussschreiberin.“

Dunkle Augen, das Haar bis zur Schulter und eine Sprache, der man die Herkunft nicht anmerkt. „Aber klar bin ich mit Leib und Seele immer noch eine Sächsin.“ Romy Fölck ist in Wunschwitz bei Meißen aufgewachsen, wo ihre Familie auch heute lebt. Der Vater arbeitete als Kraftfahrzeugschlosser und Fahrer in einem volkseigenen Fuhrbetrieb. Die Mutter war Lehrerin und unterrichtete die Tochter in Deutsch. Bei den Aufsätzen gab es wohl wenig zu mäkeln. Geschrieben hat sie schon immer gern, sagt Romy Fölck.

Und dieser Frau richtet der Kölner Konzernverlag Bastei Lübbe nun die ganz große Bühne ein. „Denn nur von Dan Brown und Ken Follett kann man nicht leben“, sagt Marketingvorstand Klaus Kluge. Die Autoren belegten 2017 Platz eins und zwei beim Jahresumsatz des deutschen Buchmarkts. Die Gipfelhöhe ist damit vorgegeben. Ein Lehrstück über den Aufbau einer Schriftstellerin nimmt seinen Lauf. Denn Schreiben können viele. Die Kunst liegt im Verkaufen. In Deutschland wurden allein im Vorjahr 3 317 Krimis gedruckt. In dieser Flut kann ein Talent ungeküsst untergehen. Denn Krimileser sind konservativ und halten treu zu jenen Autoren, die sie kennen. Man wird nicht enttäuscht und bekommt genau das, was man erwartet. Das erklärt den anhaltenden Erfolg von Schriftstellern wie Donna Leon, Sebastian Fitzek oder Jo Nesbö.

Sichtbarkeit heißt deshalb das Zauberwort. Wie macht man eine Autorin sichtbar? Wochenlang tüftelte der Verlag an einer Kampagne für Romy Fölck. Die Ernte von einem Apfelhof lässt sich leichter verkaufen als der Mord auf einem Apfelhof.

Fasziniert von alten Fällen

Der erste mysteriöse Todesfall im Roman liegt fast zwanzig Jahre zurück. Im Sommer 1998 war ein Mädchen in einem Viehstall erdrosselt worden. Romy Völck kann sich für unaufgeklärte, alte Fälle begeistern. „Es fasziniert mich, wie ein Verbrechen lange unentdeckt bleiben kann, obwohl doch die Kriminaltechnik heute alle Möglichkeiten hat. Diese Faszination treibt mich zum Schreiben an.“

Im Roman gefällt das nicht jedem. Man möge die Toten ruhen lassen, heißt es, und nicht in alten Geschichten wühlen. Gerade hat sich das Dorf wieder eingerichtet in der Normalität des Alltags. Nun gibt es neue Anschläge auf Leib und Leben, einen Brand, einen Suizid, eine drohende Insolvenz. Die neuen Fälle werden geschickt mit dem Mädchenmord im Viehstall verbunden. Romy Fölck hatte den Backsteinbau beim Joggen entdeckt und sich gleich inspiriert gefühlt. „Laufen öffnet die Gedanken. Manchmal spreche ich unterwegs mit meinen Figuren.“ Einige machen sich sehr verdächtig. Der Plot ist mit überraschenden Wendungen und Cliffhängern konstruiert. Fölcks neues Zuhause spielt mit.

Haseldorf hat rund 1 700 Einwohner, Schloss, Kirche und einen Gasthof, wo Labskaus mit Spiegeleiern und Rollmops für knapp 15 Euro zu den Klassikern zählt. Der Bäcker heißt Krohn wie einer der Verdächtigen im Roman. Romy Fölck wurde schon gefragt, ob ihr seine Brötchen nicht schmecken. Dabei hatte sie nur einen norddeutschen Namen gesucht. „Man gehörte dazu oder nicht“, heißt es im Buch. Romy Fölck erzählt, wie sie am ersten Tag beim Apfelbauern nebenan in der Küche stand, vom Obstbau in Sachsen erzählte und von ihrem Studenteneinsatz in der Apfelplantage. „Da war das Eis sofort gebrochen.“

Solange die Wege an der Pferdekoppel vermatscht sind, steigt die Autorin auf den Crosstrainer im Haus. Die Lauflust hat sie ihrer Hauptfigur mitgegeben. Frida Paulsen, Polizistin und Anwärterin für den Kriminaldienst, kommt wie sie vom Dorf und ist in die Stadt gegangen, um Karriere zu machen. „Wir sind uns ähnlich, ich bin auch ein sehr emotionaler Typ und leicht verletzbar, wenn es um die Familie geht. Über Familie setz ich nichts drüber.“

Frida Paulsen meint zu wissen, wer ihre Freundin im Viehstall erdrosselte. Sie hat was gesehen. Aber sie hat geschwiegen. Jetzt wurde ihr Vater in einer regnerischen Nacht fast erschlagen und in den Straßengraben gestoßen. Und wieder gerät Frida an den Ermittler von damals. Bjarne Haverkorn ist ein wortkarger Kommissar mit den krimiüblichen Macken, ein Einzelgänger mit Sorgenfalten und Ehekrise. Romy Fölck verteidigt die Figur: „So ist doch das wahre Leben! Bei wem läuft es denn wirklich perfekt ab? Haverkorn ist so sympathisch, er musste einen Knacks mitkriegen. Aber einen Alkoholiker wollte ich nicht aus ihm machen.“

Serienjunkie kreiert Serienhelden

Die beiden Ermittler haben das Zeug zu Serienhelden. Serien sind bei Lesern und Fernsehzuschauern beliebt. „Man lernt die Figuren von allen Seiten kennen, auch privat, und irgendwann kommt es einem so vor, als würde man selber zur Familie gehören“, sagt Romy Fölck. Sie nennt sich einen Serienjunkie. Sie plant erst mal vier Bücher mit Frida und Bjarne. „Mal sehen, wo es noch hingeht. Die beiden haben viel Potenzial.“ Mit einem Unsympath würde man sich nicht in die Leseecke zurückziehen. Frida ist Anfang dreißig, Bjarne doppelt so alt. Da ist für jede Leserschicht was dabei.

Meistens startet ein Neuling mit einem Taschenbuch. Der Verlag will erst mal die Chancen testen. So sollte es auch bei Romy Fölck laufen. Ihr Agent hatte das Manuskript von „Totenweg“ rumgeschickt, Bastei Lübbe hatte als Erster reagiert und die Veröffentlichung für letzten Herbst vorbereitet. Das Cover war schon entworfen, der Pressetext gedruckt und die Lesereise geplant. Da legte die Autorin das zweite Manuskript vor. „Das hat uns vom Hocker gehauen“, sagt Marketingvorstand Klaus Kluge. „Dann haben wir eine große Entscheidung getroffen.“ Es war eine Vollbremsung. Sämtliche Pläne wurden verworfen. Gegen den Trend bringt der Verlag „Totenweg“ am 23. Februar gleich im Hardcover und als Spitzentitel des Programms heraus.

Dazu werden Anzeigen in Frauenzeitschriften, Buchmagazinen und in den Reiseplänen der Deutschen Bahn geschaltet. Wer in den Norden unterwegs ist, sollte auf Leichen und Erpressung gefasst sein. Außerdem bucht der Verlag Werbeblöcke in Spartensendern wie RTL Crime, sendet in den sozialen Medien auf allen Kanälen und verbündet sich sogar mit Sprayern. Sie sollen in sechs Großstädten auf die Straßen einen Werbespruch sprühen: „Die Fährte zu mehr Spannung. www.totenweg.de“.

Der Krimi hat sogar eine eigene Internetseite. Dort gibt es ein Gewinnspiel mit schwierigen Fragen: Wer mit Gewalt in eine fremde Wohnung eindringt, ist a) ein Einbrecher oder b) ein Aufräumer? Ein Einbrecher, der mal ordentlich aufräumt, ist leider nicht vorgesehen. Online-Rezensenten können die Autorin leibhaftig treffen und grüßen. Sie können ein „Meet & Greet“ mit Romy Fölck gewinnen. Über 60 Spannungsromane erscheinen jährlich bei Bastei Lübbe. Ein solches Marketingfeuerwerk wird selten gezündet.

Das muss man wollen. Romy Fölck will es. „Das ist mein Traumjob. Jetzt hab ich endlich die Chance, deutschlandweit bekannt zu werden, womöglich über die Grenzen hinaus. Und ich werde alles tun, was ich kann, um den Titel zu promoten. Die Leute vom Verlag haben so tolle Ideen – da laufen sie bei mir offene Türen ein.“

Auf diesen Moment hat die Autorin aus Wunschwitz bei Meißen mehr als zehn Jahre lang hingearbeitet. Weil sie gern schrieb, begann sie ein Journalistikstudium in Leipzig und merkte bald, dass sie die Wirklichkeit lieber erfinden als abbilden wollte. Nach zwei Semestern brach sie den Versuch ab und wechselte zum Jurastudium nach Dresden. Lern erst mal was Vernünftiges, das sagen besorgte Eltern immer. Romy Fölck brachte es bis zum zweiten Staatsexamen. „Dresden ist immer noch meine große Liebe, meine erste Heimatstadt. Da geht mir das Herz auf, wenn ich zu Besuch bin. Dann gehe ich in eines der alten Cafés, wo ich als Studentin saß.“

Das Schicksal der Kleinverleger

Außerdem begann in der Stadt 2006 ihre Krimikarriere. Sie ist ja kein wirklicher Neuling. Der Kahl-Verlag brachte die Romane „Blutspur“, „Täubchenjagd“ und „Duell im Schatten“ heraus. Auch da spielte schon ein alter, ungelöster Fall eine Rolle. Zur Lesung ging Romy Fölck bei Fackelschein über den Elias-Friedhof. Sie vermarktete sich selbst. Der Kahl-Verlag sitzt in einer Striesener Ladenwohnung und kann auch sonst nicht mithalten mit Bastei Lübbe und einem Jahresumsatz von 113 Millionen Euro. Das ist das Schicksal der Kleinverleger: Sie entdecken und fördern einen Autor, bis ein größeres Haus ihn wegschnappt. „Ich hatte befürchtet, dass es bei Lübbe nicht so familiär zugeht, dass man gar nicht auf jeden einzelnen Autor eingehen kann – doch das Gegenteil ist der Fall.“ Ein Vorschuss motiviert zusätzlich. Jedes Jahr ein Buch, und das vier Jahre hintereinanderweg – ist das Fluch oder Ansporn?

„Unter Druck habe ich schon immer am besten gearbeitet“, sagt Romy Fölck. „Das bin ich vom Studium gewöhnt. Ohne Disziplin wird man kein guter Schriftsteller. Man sitzt nicht abends beim Rotwein und tippt vor sich hin. Manchmal ist es acht Stunden Aufsatzschreiben. Talent allein genügt nicht.“

Der Verlagschef lobt das Talent zur Figurenzeichnung: endlich mal kein Wetteifern in Extravaganz und Skurrilität. Aber einen richtigen Schurken gibt es auch. Ein Landspekulant agiert mit unfeinen Mitteln gegen die alteingesessenen Bauern. Sie haben es schwer genug, ihre Höfe und die traditionellen Apfelsorten zu halten, die „Krügers Dickstiel“ und „Gelber Richard“ heißen. Beim Pflücken verdienen die polnischen Erntehelfer in zwei Monaten so viel wie zu Hause in einem halben Jahr. Solche sozialen Konflikte gehören zu einem guten Krimi dazu. Krimis sind oft dichter an der Gegenwart dran als andere Romane. „Jede Familie hat ihre Schatten“, heißt der letzte Satz. Leicht führt eine Lüge zum Streit und sogar zum Mord. Das hat mit Romy Fölcks Alltag aber gar nichts zu tun.

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