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Samstag, 08.09.2018

Schluss mit locker!

Von Oliver Reinhard

Big Beat in Ostberlin: 1964 twisteten Jugendliche vorm Café Warschau in der Karl-Marx-Allee. Doch bald wurden die staatlichen Kulturzügel wieder angezogen, der Beat verboten. Foto: Akademie
Big Beat in Ostberlin: 1964 twisteten Jugendliche vorm Café Warschau in der Karl-Marx-Allee. Doch bald wurden die staatlichen Kulturzügel wieder angezogen, der Beat verboten. Foto: Akademie

Für überzeugte Genossen war der Berliner Mauerbau ein Akt der Notwehr gegen Bedrohung und Ausblutung der DDR durch den Westen. Die meisten Ostdeutschen hingegen, vor allem junge, empfanden den „Antifaschistischen Schutzwall“ als Katastrophe. Auch darauf reagierte die Staatsführung und ließ die Kulturzügel vorübergehend etwas lockerer. Doch gerade die musikalischen West-Importe Swing, Beat und Rock ‘n‘ Roll blieben ihnen ein Dorn im Auge. Misstrauisch wurden Ereignisse wie das öffentliche Twist-Tanzen 1964 in Ostberlin beäugt. Und wenig später war wieder Schluss mit locker.

Auch darüber berichtet die Ausstellung „1968 – Aufbruch und Protest in Prag, Berlin, Leipzig, Dresden“, die am Montag in der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden eröffnet. Sie sucht in Bildern und Porträts Antworten auf die Fragen: Welche Aufbrüche gab es 1968 in Ostdeutschland? Gab es Achtundsechziger in der DDR? Wofür stehen sie und wofür traten sie ein?

Auch das Kino rückt die Akademie mit in den Fokus. Zusammen mit dem tschechischen Zentrum Berlin holte sie die Reihe „1968 im tschechischen Film“ in die Dresdner „Schauburg“ und verspricht Kinoklassiker aus den Sechzigern, „in denen die Liberalisierung in Politik und Kultur des prager Frühlings sichtbar wird“. Sie umfasst die gleichnishafte Parabel „Ein Fall für einen Henkerslehrling“ voller Anspielungen auf die gesellschaftliche Situation, das böse Mitläuferschicksal „Der Leichenverbrenner“ sowie den großartigen „Das Ohr“.

In diesem Drama erzählt Regisseur Karel Kachyna eine – erfundene – Geschichte aus dem Jahr 1952. Als der Vize-Ministerpräsident und seine Gattin abends in ihre Villa zurückkehren, finden sie seltsame Indizien für einen beunruhigenden Verdacht: Offenbar hat jemand ihr Haus durchsucht. War es der Geheimdienst? Weil der Vize-Ministerpräsident sich zuletzt bei der Partei einigermaßen unbeliebt gemacht hat? Statt in dieser Situation zusammenzuhalten, führt ihre wachsende Angst dazu, dass das Ehepaar aufeinander losgeht ... Als „Das Ohr“ 1970 erschien, wurde der Film sofort verboten.

„1968 – Aufbruch und Protest“: Eröffnung am 10. Sep-tember um 19 Uhr in der Sächsischen Akademie der Künste (Palaisplatz 3, Dresden), zu sehen bis zum

12. Dezember wochentags von 14 bis 19 Uhr.

„1968 im tschechischen Film“: am 5., 12., 19. und 26. September um 19 Uhr im Dresdner Kino „Schauburg“.

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