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Donnerstag, 14.06.2018

Routinierte Schockeffekte

Marilyn Manson spielt in Dresden ein knapp bemessenes Konzert, dessen Dramaturgie bei den Fans für Verwirrung sorgt.

Von Philipp Demankowski

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Marilyn Manson inszeniert sich gerne als Inkarnation des Bösen.
Marilyn Manson inszeniert sich gerne als Inkarnation des Bösen.

© Redferns

Der selbst ernannte Antichrist-Superstar findet heute nicht mehr unbedingt im Auge des Popkultur-Wirbelsturms statt. Seine letzten beiden Alben „The Pale Emperor“ und „Heaven Upside Down“ verwalteten die bekannten Motive zwischen Liebe und Sex sowie Glaubens- und Konsumkritik aber auf überraschend hohem Niveau. Der Industrial der Anfangstage, mit dem sich Marilyn Manson Mitte der Neunziger zum ersten Plattenvertrag spielte, ist noch nicht passé. Stattdessen wird er gerade bei „Heaven Upside Down“ wieder stark referenziert. Zu verdanken ist das auch der Mitwirkung des aktuellen Gitarristen Tyler Bates, den Manson durch die TV-Serie „Californication“ kennenlernte.

Mit dem hauptamtlichen Soundtrack-Komponisten hat Manson einen Partner gefunden, der die eigene kreative Leistung zumindest anzustacheln vermag. Beim Songwriting-Prozess des aktuellen Albums standen dann Bands wie Ministry oder Joy Division Pate. Musik also, die wichtig war, als Marilyn Manson und seine gleichnamige Band gerade der Enge seiner Heimat Florida entkamen, um das Projekt Rockstar-Leben mit Schockeffekt ernsthaft in Angriff zu nehmen. Insofern überrascht es nicht, dass beim Konzert am Dienstag in der gut gefüllten Dresdner „Jungen Garde“ die Songs des Frühwerks „Antichrist Superstar“ im Vordergrund stehen. Gleich vier Lieder gibt die Band von eben jenem Album zum Besten, das vielen bis heute als ihr bestes gilt. Ansonsten gleicht die Setlist einer Werkschau. Hits wie „mOBSCENE“, „This Is The New Shit“ oder das Eurythmics-Cover „Sweet Dreams (Are Made of This)“ kommen und gehen. Die Show fällt dann aber doch recht routiniert aus. An Licht- und visuellen Effekten haben die Konzertplaner offenbar gespart, was angesichts der Bedeutung provokanter Symbolik bei Marilyn Manson schon eine Enttäuschung ist.

Dafür legt sich der 49-Jährige immer mal ein anderes Gewand an, wobei ihm das Federkleid zur Glam-Hymne „The Dope Show“ am besten steht. Auch an den üblichen Konzertspielereien mangelt es nicht. Es darf fleißig mitgeklatscht werden und ein weiblicher Fan darf sogar ein kleines Tänzchen auf der Bühne aufführen. Dass bei der ersten Zugabennummer doch noch das überdimensionierte Rednerpult am hinteren Bühnenrand zum Einsatz kommt, ist nur ein schwacher Trost. Zwar ist die Verballhornung totalitärer Regimes deutlich erkennbar, verliert aber ihre Wirkung dadurch, dass kaum einer das Ende des offiziellen Konzertteils mitbekommen hat. Zugabe-Rufe und anfeuerndes Klatschen bleiben aus, was zum Teil auch einer verfehlten Konzertdramaturgie anzukreiden ist.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Anne-Christin

    Da hat wohl der Journalist während der reichlichen "Zugabe"-Rufe geträumt... Egal wie Manson in den letzten Jahren sein Konzert gestaltet, ob provokativ, an der Grenze zum völligen Zusammenbruch oder souverän professionell, die SZ scheint in ihrer Kritik immer zum gleichen Schluss zu kommen, der (wen überrascht das noch?) nie dem, der anwesenden Fans entspricht. Vielleicht schickt ihr irgendwann mal jemanden, der auch tatsächlich ein bisschen Ahnung von der Materie hat und in der Lage ist sich ein Urteil zu bilden was nicht an den gleichen Parametern wie ein tokio hotel liegt Konzert gemessen wird ;-)

  2. Marie

    Ich stimme meiner Vorrednerin zu. Nach der Konzertreview vom letzten Jahr und dieser hier, könnte man echt die Lust verlieren Marilyn Manson Live erleben zu wollen. Unerwähnt bleibt im Artikel die unglaubliche Stimmkraft, die Manson in der Jungen Garde gezeigt hat und diese hätte selbst den kritischsten Musikjournalisten vom Hocker hauen müssen. Schade das man auch noch 2018 bei Manson nur auf "Schockeffekte" hofft... Die Kritikpunkte an der Dramaturgie sind jedoch realistisch und auch mich hat die kurze Spielzeit enttäuscht. Obwohl ich erste Reihe links stand, kam ich mir recht allein vor als ich Zugabe rufen wollte da viele um mich herum, durch die vielen Pausen zwischen den Songs, glaubten es ginge einfach weiter und, selbst nachdem schon der Abbau begonnen hatte, hofften Marilyn Manson komme noch einmal auf die Bühne. Mein persönliches Fazit dieses Abends ist jedoch trotzdem überaus positiv und ich bin noch zwei Tage danach beeindruckt von der Akustik und der Stimme.

  3. Stefanie Kaufhold

    Die SZ berichtet über Marilyn Manson immer tendenziös, und zwar abwertend. Diesmal zwar nicht gar so schlimm wie beim letzten Konzertbericht, aber man bleibt sich treu.

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