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Donnerstag, 14.06.2018

Rockstar des Jazz

Vor zehn Jahren starb der schwedische Pianist Esbjörn Svensson beim Tauchen. Sein Einfluss ist bis heute groß.

Von Werner Herpell

Es hatte etwas Rauschhaftes und zugleich Zärtliches, wie Esbjörn Svensson sein Piano bearbeitete. Muskulöser Groove und mutige Improvisation, eine profunde Kenntnis der Musikgeschichte, die Eingängigkeit von Pop und Nordic-Folk neben komplexen klassischen Strukturen – all das ließ der Schwede in sein Spiel einfließen. Mit Leidenschaft und Kreativität eroberte Svensson dem Jazz ein neues Publikum. Aber das Wunder währte nur bis zu einem fatalen Tauchgang bei Stockholm. Svensson, noch unerfahren im Unterwasser-Metier, wurde am 14. Juni 2008 leblos auf dem Grund gefunden. Der rastlose Jazz-Erneuerer, den Kritiker längst auf Augenhöhe mit Stars wie Bill Evans, Keith Jarrett, Herbie Hancock oder Brad Mehldau sahen, starb mit nur 44 Jahren durch einen Unfall in seiner knapp bemessenen Freizeit.

Diesen Schock hat die Musikwelt auch am zehnten Todestag am Donnerstag nicht verwunden. Denn Svensson verpasste dem traditionsbehafteten Jazz – zusammen mit seinem Jugendfreund, dem fantasievollen Schlagzeuger Magnus Öström, und dem Hardrock-Fan Dan Berglund am Bass – 15 Jahre lang eine Frischzellenkur, die bis heute wirkt. Kommerziellen Erfolg hatte die Band mit ihrer fast durchgängig selbst komponierten Musik, darunter viele zum Niederknien schöne Balladen, noch dazu.

Das Esbjörn Svensson Trio sah sich als „eine Rockband, die Jazz spielt“. Jederzeit offen für Einflüsse aus elektronischer Musik, Postrock und Ambient, überschritt es immer wieder Grenzen. Nach Anfängen in kleinen Stockholmer Bars traten die drei Musiker seit Ende der 90er-Jahre regelmäßig im übrigen Europa und irgendwann auch im Jazz-Mutterland USA auf. Die Auszeichnungen wurden zahlreicher, die Hallen größer, die Zuhörer jünger und bunter.

Wie so viele Fans auf der ganzen Welt trauert auch der schwedische Jazz-Posaunist Nils Landgren am Todestag um Esbjörn Svensson. Er nahm zwei bezaubernde Duo-Alben mit dem acht Jahre jüngeren Pianisten auf, er hält bis heute engen Kontakt zur Svensson-Familie. „Esbjörn war eine freie Seele. Kreativ, harmonisch und freundlich, mit Integrität – und er wusste genau, was er wollte“, erinnert sich Landgren.

In den Notizen zu seinem Debüt „When Everyone Has Gone“ schrieb Svensson: „Vielleicht werden wir keine Stars. Aber da ist immer diese Freude, diese Aufregung. Diese Band ermöglicht mir, musikalische Träume wahr werden zu lassen.“ Man würde gern erfahren, in welche Richtung sich seine musikalischen Träume entwickelt hätten. Doch Svenssons Geschichte blieb unvollendet. (dpa)

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