erweiterte Suche
Samstag, 14.10.2017

Polit-Protest mit Pimmeln

Auf der Frankfurter Buchmesse suchen Vandalen den Stand einer Dresdner Zeitschrift heim.

Von Oliver Reinhard, zzt. Frankfurt am Main

5

Fachbesucher werden am Eingang der Buchmesse in Frankfurt am Main vom Sicherheitspersonal kontrolliert.
Fachbesucher werden am Eingang der Buchmesse in Frankfurt am Main vom Sicherheitspersonal kontrolliert.

© dpa

Es ist zum Verrücktwerden. Da möchte man sich endlich mal wieder kopfüber ins Bassin der Buchmesse stürzen und auf Schatzsuche gehen zwischen Hochliteratur und Fantasy, zwischen Werken über Bildung und Erziehung, Geschichte und Globalisierung, Koriander und Kurkuma, möchte Dan Brown zuhören und mit Reinhold Messner plaudern, und mit Freuden über die Funde erzählen. Aber dann, wie Wolf Haas’ berühmter Ermittler Brenner sagen würde, „ist schon wieder was passiert“: Zwei Tage nach dem Kaffee- und Zahnpasta-„Anschlag“ auf den Antaios-Verlag bekommt der Stand der Dresdner Zeitschrift Tumult ungebetenen Nachtbesuch. Unbekannte räumen Regale leer, stehlen das Werbematerial, säen Papierschnitzel aus, malen Pimmel auf ein Plakat und klauen sogar Käsecracker der Verlegergattin.

Man könnte das als bloßen Vandalismus abtun. Wären solche Vorfälle nicht erstens höchst ungewöhnlich und zweitens wohl politisch motiviert. Denn wie Antaios gehört auch der Tumult-Stand zu jenen „rechten“ Adressen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zwar wie immer im Namen der Vielfalt zur Messe zugelassen hat. Doch hatte er dafür viel Kritik einstecken müssen, unter Druck mit einer Demo gegen rechtsextreme Einstellungen Haltung gezeigt und am Vortag im Netz noch einmal auf die drei „dezidiert rechten“ Verlage hingewiesen. Versehen mit der Einladung ans Publikum, „die Begegnungen mit den Verlagen nicht zu scheuen und für Ihre Meinungen und Werte einzutreten“. Gut möglich, dass die Nachtvandalen das im radikalen Sinne missverstanden haben.

Von vorschnellen Schuldzuweisungen hält Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann jedoch gar nichts. „Ich werde ohne näheres Wissen über die Täter nicht über irgendwelche Verantwortlichkeiten spekulieren“, sagt der Dresdner Soziologie-Professor gelassen vor seinen Regalen, die er notdürftig mit Restbeständen wieder aufgefüllt hat. „Ich bin wegen des möglichen politischen Hintergrundes auch nicht moralisch entrüstet. Übrigens auch nicht erstaunt. Ich war wahrscheinlich latent auf so etwas gefasst.“

Immer schon war die Buchmesse auch eine hochpolitische Angelegenheit. Sogar eine unruhige. Doch die Zeiten von politisch motiviertem Vandalismus glaubte man lange vorbei. Nun scheinen sie zurück, neu belebt von Toren, die mit ihren Taten groteskerweise Gratiswerbung machen für jene, denen sie eigentlich schaden wollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Dresdner45

    Gibt es bei dieser Buchmesse keinen Wachschutz? Wieso wird im Vorfeld von der politischen "Zentrale" Stimmung gegen verschiedene Verlage gemacht? Hat NUR diese "Zentrale" die richtige politische Meinung und woher wollen sie dies wissen? Sollte nicht der mündige Bürger selbst entscheiden, was er für gut hält oder auch nicht? Die DDR rückt ideologisch immer näher... Es ist einfach nur noch zum schämen!

  2. Dresdner Fremdschämer

    Ich schäme mich für solche Kommentare wie den Ihren. Freiheit bedeutet Verantwortung und nicht die Freiheit zum Hetzen und Hassen Andersdenkender, Andersglaubender und Anderslebender. Wenn Sie 45 sind, dann haben Sie glücklicherweise nicht allzuviel von der DDR erlebt. Seien sie froh darüber ;-)

  3. Thomas Rosenberg

    „Ich werde ohne näheres Wissen über die Täter nicht über irgendwelche Verantwortlichkeiten spekulieren“ Kann man das nicht einfach mal so stehen lassen? Das ist doch vernünftig.

  4. entejens

    @Thomas #3: Hat man doch so stehen lassen, oder was stört Dich jetzt genau?

  5. Mikaelo

    @2 "Freiheit bedeutet Verantwortung und nicht die Freiheit zum Hetzen und Hassen Andersdenkender, Andersglaubender und Anderslebender." Das war sehr schön formuliert. Aber was machen den die Schmierer und Zerstörer? Ist das Verantwortung(sbewusst) oder ist das Zerstörung, Hass und Hetze gegen Andersdenkende? Warum ist es gut wenn der Eine es macht und böse (schlecht) wenn es der Andere macht? Ihr malt euch eure Welt, wie sie euch gefällt.

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.