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Freitag, 12.10.2018

Plünderungen, Demütigungen, Mord

Von Sven Heitkamp

Demütigung von Beamten der Jüdischen Gemeinde in Dresden am Vormittag des 10. November 1938 vor der Ruine der Dresdner Synagoge: Johannes Clemens, Leiter des Sicherheitsdienstes der SS (links, ein Täter), Leo Jehuda Schornstein (rechts) und mit Zylinder Rolf Pionkowski (2.v.r.) – zwei der Verfolgten und Mitarbeiter der Gemeinde.
Demütigung von Beamten der Jüdischen Gemeinde in Dresden am Vormittag des 10. November 1938 vor der Ruine der Dresdner Synagoge: Johannes Clemens, Leiter des Sicherheitsdienstes der SS (links, ein Täter), Leo Jehuda Schornstein (rechts) und mit Zylinder Rolf Pionkowski (2. v. r.) – zwei der Verfolgten und Mitarbeiter der Gemeinde.

© Archiv der Jüdischen Gemeinde zu Dresden

Mit ihren Eltern lebt Ilse Frischmann im Herbst 1938 in der Dresdner Neustadt, Louisenstraße/Ecke Markgrafen-Straße (heute Rothenburger Straße). Ihre Mutter führt im Erdgeschoss ein kleines Tabakgeschäft. Doch in der Nacht des 9. November 1938 wird alles anders: „SA-Männer kamen mit Lastwagen und Fackeln laut grölend durch unsere Straße“, erzählte die junge Frau Jahre später. „Wir standen am Fenster, hinter den Gardinen, und sahen, wie sie das Textilgeschäft von Natowitz verwüsteten. Dann splitterten in unserem Haus unten die Scheiben.“ Ilse Frischmann wird wenige Jahre später nach Auschwitz deportiert. Doch sie überlebt und kehrt nach Kriegsende nach Dresden zurück.

Bittere Geschichten wie ihre gehören zu den November-Pogromen der Nationalsozialisten, die sich dieses Jahr zum 80. Mal jähren. Der Antisemitismus Hitler-Deutschlands erreichte in jenem Herbst eine neue Stufe der Gewalt. Allein im Gebiet des heutigen Sachsens gab es an rund 60 Orten schwere Übergriffe: Zerstörungen von Geschäften, Wohnungen und jüdischen Gemeinden, Plünderungen, Verschleppungen in Konzentrationslager und sogar Mord. Dabei lebten laut Volkszählung von 1925 nur etwa 23 000 Menschen jüdischen Glaubens in Sachsen.

Opfer, Täter und Zuschauer

Die Ausstellung „Bruch | Stücke“, die jetzt gleichzeitig in Dresden sowie in Leipzig und Chemnitz gezeigt wird, zeichnet die sächsischen Novemberpogrome anhand vieler einzelner Schicksale, Fotos und Namen detailliert nach. Kurator ist der freischaffende Dresdner Historiker Daniel Ristau. Er benennt in seiner Schau die Opfer, die Täter und die Zuschauer. Dank seiner akribischen Arbeit wird auf den Schautafeln auch 80 Jahre später ein anschauliches Bild jener Verfolgungen vermittelt. In Dresden ist die Schau bis 30. November im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde am Hasenberg zu sehen. Nur Originalexponate, die an die Menschen erinnern und ihre Geschichte noch prägnanter werden ließen, gibt es leider nicht.

Allein im Raum Dresden und Ostsachsen sind bisher 15 Orte bekannt, an denen die Täter Wohnungen und Geschäfte von als Juden verfolgten Menschen durchsuchten, demolierten und plünderten. Aus der Region wurden mehr als 150 Männer ins KZ Buchenwald verschleppt, viele starben. Neben vielen Einzelschicksalen greift Ristau auch Ereignisse auf, die später überregionale Bedeutung erlangten: Die Wohnungsdurchsuchungen beim Romanisten Victor Klemperer in Dresden-Dölzschen etwa, und die Abnahme des Davidsterns von der ausgebrannten Dresdner Synagoge am 10. November 1938. Das Foto von Feuerwehrleuten auf einem der Türme, das der Lehrer der jüdischen Gemeinde Aron Höxter unter großen Gefahren aufnahm, wurde ein berühmtes Symbolbild der Pogrome im Deutschen Reich. Solche Fotos seien nicht einfach nur Beiwerk zur Illustration der Geschichte, betont Ristau. Sie hätten eine eigene Geschichte und einen eigenen Wert. Die Dresdner Synagoge war am Abend des 9. November mutmaßlich von SA-Männern angezündet worden. Sie zu löschen blieb der angerückten Feuerwehr jedoch untersagt.

Die Übergriffe der Nazis hören auch am nächsten Morgen nicht auf: Menschen jüdischen Glaubens werden vor den Augen von Schaulustigen gedemütigt, erniedrigt, verschleppt. Es sind Menschen wie Leo Jehuda Schornstein, der Sekretär der Jüdischen Gemeinde in Dresden, der die Drangsalierung durch SA und SS an jenem Vormittag in seinen Erinnerungen schilderte: „Mir wurde ein Gebetsmantel über den Kopf gestülpt, man gab mir zwei silberne Thora-Kronen in die Hand, schob mich an das zur Straße führende Fenster und ,schaukelte‘ mich mit Schlägen im Fenster hin und her, wobei die unten stehende Volksmenge in frenetisches Johlen ausbrach. Diese Prozedur musste ich noch auf einem Stuhl stehend mehrmals wiederholen, wobei sich der Mob auf der Straße noch mehr ergötzte.“

Den Vorwand für die Pogrome hatte der erst 17 Jahre alte polnische Jude Herschel Grynszpan geliefert: Er verübte am 7. November 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath – aus Protest gegen die Diskriminierung von Juden. Kurz zuvor war seine Familie aus Hannover nach Polen abgeschoben worden. Als vom Rath am 9. November an seinen Verletzungen starb, brachen sich die antisemitischen Übergriffe Bahn.

Die Schau beschränkt sich ausdrücklich nicht auf die drei großen sächsischen Städte. Ristau beschreibt bewusst viele Einzelschicksale und Misshandlungen in kleineren Städten wie in Pirna, Meißen und Riesa, in Bautzen, Zittau, Görlitz und anderen Orten. „Bisher findet das Erinnern und Gedenken meist lokal begrenzt statt“, sagt der 38-jährige Historiker. Daher sei es ihm nun darum gegangen, lokale „Bruchstücke“ und Quellen zusammenzuführen und einen Überblick über das gesamte Geschehen im heutigen Freistaat zu schaffen. Bei der Recherche hat er nicht nur die umfangreichen lokalen Quellen genutzt, die in vielen Orten bereits zusammengetragen wurden. Er hat auch bisher unerschlossene Erinnerungsstücke, Autobiografien und Chroniken ausgewertet. Außerdem konnte er noch mit Zeitzeugen sprechen, die die Pogrome als Kinder miterlebt haben. Ristau betrachtet die Ereignisse vor allem als eine Geschichte der Menschen: Der Verfolgten, der Zuschauer, der Helfenden und der Täter. Dahinter stehe auch eine Geschichte der Werte des menschlichen Miteinanders, die gerade heute wieder sehr aktuell seien.

Dass die erste NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Bayerns im Oktober 1921 in Zwickau gegründet wurde und die sächsischen Pogrome zuerst in Chemnitz begannen, sind dabei bemerkenswerte historische Zufälle, die zwangsläufig an heutige Zeiten denken lassen.

Die Ausstellung: Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Dresden, vom 14.10. bis 30.11., geöffnet Mo – Do, 10 – 17 Uhr, So 13 - 16 Uhr, Hasenberg 1,

Das Buch: Daniel Ristau: Bruch | Stücke. Die November-Pogrome in Sachsen 1938, Hentrich & Hentrich Verlag, Leipzig, 244 Seiten, 19,90 Euro