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Freitag, 09.02.2018

Orgiastischer Spuk

Andrés Orozco-Estrada am Pult der Staatskapelle legt einen fantastischen Berlioz auf.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Andrés Orozco-Estrada am Pult der Staatskapelle.
Andrés Orozco-Estrada am Pult der Staatskapelle.

© Matthias Creutziger/Semperoper

Mozarts strahlendes C-Dur-Konzert KV 467 von 1785 und Puccinis nebulöses „Preludio sinfonico“ von 1882 trennen zeitlich ein Jahrhundert und musikalisch Welten. Mozart war, als er sein 21. Klavierkonzert schrieb, zwar erst 29, aber schon absolut auf der Höhe seiner Kunst. Dieses raffinierte Werk gehört bis heute zu den meistgespielten Konzerten überhaupt.

Puccini hingegen, der sich später zum überragenden Opernmeister seiner Generation mauserte, stand mit 23 noch hörbar am Anfang. Es ist nicht so, dass er mit seinem A-Dur-Preludio Wagner nachgeahmt hätte. Es war aber lange Zeit üblich, jegliche Tonschöpfung, die sich spätromantisch verschatteter Harmonik bediente, ins Verhältnis zum „Herrn des Rings“ zu setzen, eine lässliche Mode.

Die Eigenart des Puccini-Stücks, mit dem die Staatskapelle am Mittwoch das Bankett eröffnete, besteht weniger darin, dass es nach Wagner oder anderweitig teutonisch klingen könnte, sondern in seiner Unentschiedenheit. Das wogt und wabert, Dirigent Andrés Orozco-Estrada am Pult der Kapelle zauberte ein breites Wandbild in die Semperoper. Indes, es fehlte noch an der Farbe, am kantablen Leuchten, das Puccini später meisterhaft beherrschen sollte. Ein flimmerndes Frühwerk also, ein Aufwärmer für den Abend, mehr nicht. Danach Mozart, doch wer dem neuerlichen Dresdner Gastspiel des Ausnahmepianisten Radu Lupu entgegengefiebert hatte, sah sich mit einem Wechsel konfrontiert.

Für den erkrankten 72-jährigen Rumänen, dessen grandiose Schubert-Aufnahmen aus den 1980ern noch heute das Maß der Dinge sind, sprang mit Rudolf Buchbinder ein profunder Mozart-Kenner ein. Der spielte KV 467 auswendig, und er intonierte souverän, nahm die Ecksätze überaus flott und flüssig. Das Andante aber, für unverbesserliche Romantiker das Sahnestück aus Mozarts Tortenschrank, gab er ausgesprochen langsam, fast wie ein Adagio, sodass der Kontrast noch ohrenfälliger wurde. Sein virtuoses Geschick ist unbestritten, diesem Vortrag fehlte eigentlich nichts, und doch fuhr das nicht unter die Haut. Freundlicher Applaus, keine Zugabe.

Dann aber Berlioz, und schnell war klar, dass dessen „Symphonie fantastique“ von 1830 der Höhepunkt des Abends werden dürfte, ein exzessives Erlebnis. Diese dramatische „Episode aus dem Leben eines Künstlers“, so der Urtitel des seinerzeit revolutionären Orchesterwerks, wurde zur nervenaufreibenden Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Kapelle kultivierte die spieltechnisch extremen Herausforderungen par excellence. Der Kolumbianer am Pult, einer der Besten seiner Generation, hatte die Hände in der Glut. Der 40-Jährige ließ tanzen, taumeln, Blitze zucken und das Ganze in eine orgiastische Sabbatnacht münden, dass einem bange werden konnte. Große Kunst, ein Beifallssturm krönte den letztlich doch hinreißenden Abend.

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