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Samstag, 11.08.2018

Öffentliches Ärgernis

Christoph Hein setzt seine Chronik der Gesellschaft fort: Sein neuer Roman erzählt von einer unerwünschten Liebe und von der Zerstörung der ostdeutschen Hochschullandschaft.

Von Karin Großmann

Christoph Hein spannt in seinem neuen Roman den Bogen von den Fünfzigerjahren bis in die Neunziger und bezieht die politische Geschichte dieser Zeit mit ein. In Dresden steht die Adaption seines Buches „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ auf dem Spielplan im Kleinen Haus. Hannover bringt Heins Roman „Trutz“ auf die Bühne.
Christoph Hein spannt in seinem neuen Roman den Bogen von den Fünfzigerjahren bis in die Neunziger und bezieht die politische Geschichte dieser Zeit mit ein. In Dresden steht die Adaption seines Buches „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ auf dem Spielplan im Kleinen Haus. Hannover bringt Heins Roman „Trutz“ auf die Bühne.

© imago/Steffen Schellhorn

Sie achten beide auf guten Stil, lesen moderne Dichter und unterscheiden sich auch sonst von den anderen Jungen der Klasse. Beim Ostseeurlaub entdecken sie am FKK-Strand mehr als Sympathie füreinander. Eine erste scheue Liebe verbindet Friedeward und Wolfgang, die sich nun Friedl und Wölfchen nennen. Es ist ein kurzes Glück. Bald kommt der Absturz, und das hört auch nicht auf. Christoph Hein erzählt, welchen Zumutungen Homosexuelle in den Fünfzigerjahren ausgesetzt waren – und wie wenig sich seitdem geändert hat. „Gesetze schaffen ein Tabu nicht aus der Welt.“ Hein erzählt so kühl und genau, wie er immer schreibt. Er spielt den scheinbar unbeteiligten Beobachter, der nicht urteilt und nichts bewertet und doch mit seiner Haltung erkennbar wird. Das Buch tut weh. Der 74-jährige Autor zeigt, wie ein Mensch sich selbst verliert, wenn er gezwungen wird, sein wirkliches Ich zu verleugnen. Und er zeigt auch, wie viel Kraft es kostet, auf gesellschaftliche Spielregeln zu pfeifen.

Der Roman „Verwirrnis“, der am Montag auf den Markt kommt, ist ein weiterer Baustein in Heins Chronik der deutschen Gesellschaft. Bücher wie „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, „Glückskind mit Vater“ und „Trutz“ zählen dazu. Da wird an exemplarischen Schicksalen der Zustand der sozialen, mentalen und politischen Verhältnisse erforscht. Es kann einen manchmal grausen angesichts der Wahrheiten, die Hein als akribischer Rechercheur zutage fördert. Das gilt für den neuen Roman gleich doppelt. Er verhandelt auch das Ende der ostdeutschen Hochschullandschaft nach dem Wendeherbst 1989.

Nobles Denkmal für Hans Mayer

Die Geschichte beginnt kurz nach Kriegsende im Eichsfeld, wo, wie es heißt, selbst die Parteisekretäre katholisch sind. Dort arbeitet Friedewards Vater als Lehrer. Er gilt als Mann mit festen Grundsätzen. Bei seinen Kindern hält er sich an den Spruch, dass Prügeln ein Zeichen der Liebe sei. Er schlägt mit der Lederpeitsche, dem Siebenstriemer. Die Tochter entzieht sich der mittelalterlichen Tortur durch Heirat mit einem älteren, kriegsversehrten Papierwarenhändler. Sohn Hartwig verschwindet heimlich, und Friedeward bleibt nur das Gebet. Er betet um den Tod des Vaters.

Als erfahrener Porträtist lässt Christoph Hein noch dem größten Schurken etwas Gerechtigkeit widerfahren. Der Vater begründet seine Brutalität mit der Härte, die er als Kind selbst erfuhr. Nur deshalb sei er im Unterschied zu anderen aufrecht durch die Nazizeit gekommen. „Ich widerstand!“ Diese Kraft wünscht er für seine Kinder. Er schlägt aus nichtigem Anlass zu. Er schlägt erst recht, als vom FKK-Strand eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ins Haus kommt und er später die beiden Jungen zusammen überrascht. Sie behaupten, sie hätten „Tonio Kröger“ überprüfen wollen. Es ist eine schreiend komische Episode in all der Bitternis, wie der Vater die Novelle von Thomas Mann aus der Schulbibliothek stiehlt, nach dem Lesen entrüstet verbrennt, den Vorgang beichtet – und selbstverständlich die Absolution erhält.

Es hat Charme, wie Christoph Hein als Sohn eines evangelischen Pfarrers die katholische Kirche vorführt. Sein Roman braucht den biografischen Eichsfelder Hintergrund. Denn so wird erklärbar, warum Friedeward geduckt und gedemütigt durch die Welt läuft. Er fühlt sich sündig und durch sein sexuelles Begehren beschmutzt. Mit diesem verstörten jungen Mann zeichnet Hein eine große tragische Figur in all ihrem Zwiespalt. Friedeward rückt ins Zentrum des Romans, während sein selbstsicherer Freund fast aus dem Blick gerät.

Und dann tritt Goethe-höchstselbst auf. Mit diesem Spitznamen bedenken die Studenten den scharfsinnigen Schöngeist der Leipziger Germanistik, der wie kein anderer alles kennt von der Barockliteratur bis Kafka. Für seine Vorlesungen genügt ihm ein Spickzettel. Er ist der heimliche Fürst des Hauses, und es ist ein nobles Denkmal, das Christoph Hein dem Gelehrten Hans Mayer setzt. Wer damals im legendären Hörsaal 40 saß, erzählte noch lange davon. Mayer hatte 1948 als Institutschef begonnen und war 1963 nach einer Reise im Westen geblieben. Er sei zu bürgerlich, hieß es, zu wenig klassenkämpferisch, und vernachlässige die Literatur der DDR. Als Verlag und Rundfunk seine Verträge kündigten und der Entzug der Lehrbefugnis drohte, kam das einem Berufsverbot gleich.

Der scheele Blick bleibt

Christoph Hein beschreibt die Mechanismen, wie ein Wissenschaftler isoliert wird. Er nennt Hans Mayer nicht beim Namen. Auch Mayers Homosexualität spielt keine Rolle. Für die Romanfigur Friedeward darf sie keine Rolle spielen. Der Lieblingsstudent von Goethe-höchstselbst verbirgt seine Neigung. Christoph Hein führt immer neue Indizien für erzwungene Heimlichtuerei, Betrug und Täuschung an. Friedeward und Wolfgang leben angespannt in ständiger Selbstkontrolle, um sich nicht zu verraten. Sie tarnen sich mit einem Mantel aus Bürgerlichkeit. Wolfgang verlobt sich zum Schein, und Friedeward heiratet sogar. Damit ist auch seine Frau Jacqueline geschützt. Sie liebt ihre Dozentin, die schon argwöhnisch verfolgt wird.

Der Argwohn bleibt und der scheele Blick, auch wenn sich die Gesetze ändern. Der berüchtigte Paragraf 175 wurde in der DDR 1968 gemildert und 1988 gestrichen. In der Bundesrepublik galt er bis 1994. Nur am Theater, sagt Jacqueline, kümmert es keinen, wer wen liebt. Sie arbeitet als Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden. Christoph Heins Stücke „Die Ritter der Tafelrunde“, „Passage“ und „Landnahme“ wurden hier uraufgeführt. Sie markierten den gesellschaftlichen Umbruch.

Im Roman wird dieser Umbruch am Beispiel der Leipziger Universität beschrieben. Einer von Friedewards Kollegen muss als neuer Rektor den Betrieb „evaluieren“. Das heißt: „Nach den ministeriellen Vorgaben haben wir unseren Standard auf das bundesdeutsche Niveau herunterzufahren.“ Mehr als jeder zweite Mitarbeiter wird entlassen. Das sind nicht nur Funktionäre, sondern Fachkräfte, die der Universität Glanz verliehen. Viele waren bei den Montagsdemonstrationen dabei. Der Rektor ist empört: Der unselige Abwicklungsbeschluss der Landesregierung habe eine gesunde und intakte Hochschullandschaft zerstört. Aus Geldnot werde fragwürdigste Auftragsforschung favorisiert. Die Universität sei in die Hände von Liquidatoren gefallen und mit dem Verkauf der Immobilien enteignet worden.

Die schwerste Aufgabe steht dem Rektor noch bevor. Er kann den Kollegen nicht halten. Es sei denn, Professor Friedeward Ringeling schreibt auf, wie er von der Stasi wegen seiner Homosexualität erpresst wurde. Das wäre das öffentliche Bekenntnis, das er immer verweigert hat. Hein steigert die Tragik seines Romans, bis sie kaum noch auszuhalten ist.

Christoph Hein: Verwirrnis. Suhrkamp, 220 S., 18,99 €

Hörbuchlesung von Sylvester Groth, 6 CDs, DAV

Sendung bei MDR Kultur ab 20. 8., 19.05, 15 Folgen