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Samstag, 14.02.2009

Nun macht der Direktor blau

Harald Marx geht nach 42Jahren an der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister in den Ruhestand. Zum Abschied zeigt er seine „Wunschbilder“.

Von Birgit Grimm

Dieses Sofa im Büro des Galeriedirektors ist ein tückisches Ding. Man versinkt in den Polstern, doch der Moment der Wahrheit kommt beim Aufstehen. Wie soll man sich denn aus so viel Weichheit wieder herauswühlen? Harald Marx gelingt das fast elegant. Nun gut, er hat 42Jahre Übung.

Der gebürtige Berliner hatte gerade das Diplom in der Tasche, als er 1966 an die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister kam. Vierundzwanzig war er, und er saß in diesen Polstern vielleicht so schüchtern und steif wie heute mancher Praktikant oder manche Volontärin. 1991 wurde er Direktor der Galerie. Am Sonntag wird er mit einem Festakt in den Ruhestand verabschiedet. Das Sofa aber ist immer noch da.

Das Ohr am Puls der Zeit

Harald Marx hat in der Dresdner Galerie Ausstellungen entwickelt und präsentiert, er hat Besucher von Rang und Namen geführt. Er hat geforscht und fleißig publiziert, er hat Höhen und Tiefen erlebt wie die Wiedereröffnung des Semperbaus nach der Rekonstruktion 1992 und den Gasunfall im Semperbau, bei dem zwei Aufsichtskräfte ums Leben kamen. Als die Flut im August 2002 das unterirdische Depot unter Wasser setzte, war der Direktor im Urlaub. Ironie des Schicksals: Er radelte mit seiner Frau Maritta an der Elbe entlang gen Hamburg.

Kunstsammlungs-Chef Martin Roth mag das Sofa nicht. Aber er ist voller Bewunderung für seinen klugen und eloquenten Kollegen, der fließend mehrere Sprachen spricht: „Sachsen ist für ihn die intellektuelle Heimatbasis, aber gleichzeitig hat er neugierig und wissend die Welt durchstreift. Wie oft habe ich ältere Kollegen in der Welt getroffen, die schon in den 70er-Jahren ein Glas ungarischen Rotwein mit Harald Marx getrunken hatten. Er ist der Hüter der Tradition, wohl wissend, dass man das Ohr am Puls der Zeit haben muss, um den Wert der Tradition zu schätzen. Es war mir immer eine Freude, unter ihm Generaldirektor sein zu dürfen“, sagt Martin Roth und schmunzelt.

International geschätzt

Die Themen der Ausstellungen, an denen Harald Marx mitarbeitete und die seine Handschrift trugen, reichen von der „Deutschen Kunst der Dürerzeit“ bis zu „Bergbau und Kunst in Sachsen“. Er war Chef der 2.Sächsischen Landesausstellung in Torgau und hat den Ruhm der Dresdner Malerei des 18.Jahrhunderts nach Madrid und London, Columbus/Ohio, Köln und Dijon getragen. Seinen wissenschaftlichen Weg hatte Marx bereits 1975 abgesteckt mit einer Ausstellung über den sächsischen Hofmaler Louis de Silvestre in Moritzburg. Immer wieder ist es das 18.Jahrhundert, dem er sich widmet – auch in seiner Abschiedsausstellung, die ab Sonntag im Semperbau zu sehen ist. „Weil ich den Dresdnern nicht zeigen möchte, was sie vielleicht schon kennen, bat ich Kollegen in anderen Museen um Leihgaben für meine letzte Ausstellung.“ Die „Wunschbilder“ des Harald Marx sind Gemälde, die im 18. Jahrhundert für Dresden entstanden. Museen in Paris und Versailles, St. Petersburg und Prag, Berlin, Schwerin, Budapest, Brüssel, Dessau, Kassel, Graz und Wien haben sie gern nach Dresden ausgeliehen. So verneigen sich Museumskollegen auf internationalem Parkett vor dem Lebenswerk des Dresdners und würdigen zugleich die Arbeit der Wissenschaftler und Restauratoren der Galerie.

Eine Ausstellung wie diese haben die Dresdner in der Sempergalerie noch nicht gesehen. „Man will ja schließlich irgendwie in Erinnerung bleiben“, frotzelt Marx. Für den Gobelinsaal hat er ein strahlendes, geradezu königliches Blau ausgewählt und ihn eingerichtet wie einen barocken Bildersaal. In bis zu drei Reihen übereinander hängen dort Leihgaben aus aller Welt. Und auf allen Etagen des Semperbaus werden Stadtansichten, Landschaftsbilder und Porträts, die einst für den Dresdner Hof erworben worden waren, das Bild einer Kunstmetropole vervollkommnen, die im 18. Jahrhundert die besten Künstler der Welt in ihren Bann gezogen hatte. „Wunschbilder sind sie im doppelten Sinn“, sagt Marx. „Darin sind auch die Sehnsüchte der Maler Gestalt geworden. Wenn Louis de Silvestre die Damen des Hofes malt, fragt man sich: Sahen die wirklich alle so gut aus oder war es nicht auch ein Traum, dass die Hofgesellschaft so elegant und so vornehm und so schön sein müsste. Und der König sieht stattlich aus und gütig und stark. Ein Ideal von einem Herrscher. Vielleicht ist es Schmeichelei, vielleicht ist es aber auch ein Wunschtraum.“

Von Idealen nur zu träumen, damit hat sich der Museumsmann nie aufgehalten. Wenn er sich die Bedingungen erkämpft, die sein Haus, seine Arbeit, seine Bilder erfordern, dann tut er das niemals laut und ganz selten öffentlich klagend. Feinsinnig nutzt er die Gunst der Stunde, immer höflich, charmant und absolut überzeugend, sodass sein Gegenüber meint, selbst diese Idee gehabt oder zu jener Entscheidung gefunden zu haben.

Dass die Dresdner Gemäldegalerie bei den Besuchern beliebter ist als die Berliner oder als die Alte Pinakothek in München, dass sie 2008 das bestbesuchte Dresdner Museum war, auch das hat sie ihm zu verdanken. Marx, der am Freitag seinen 67. Geburtstag feierte, hält dagegen: „Alles, was ich bin, verdanke ich der Galerie. Doch nun sagt die Wirklichkeit: Du musst gehen. Und die Sehnsucht fragt: Aber wieso denn, du bist doch noch fit! Ich bleibe dem Museum verbunden und werde mit Freude sehen, was meine Kollegen hier machen. Jede Zeit hat ihre Probleme, und jede Zeit hat ihre Möglichkeiten, sie zu lösen“, sagt er – und wendet sich den praktischen Dingen zu, die so kurz vor der Ausstellungseröffnung noch zu erledigen sind. Raumbeschriftungen werden gerade in die Galerie gebracht. Der Chef merkt sofort, dass ein Zitat nicht korrekt ist. Reingard Albert, die Ausstellungsarchitektin, wundert sich über die Größe: Viel zu lang für die Wand, an der die Schrift hängen soll. Das muss geändert werden.

Reingard Albert ist eigentlich längst im Ruhestand. „Wir haben so oft und so gut zusammengearbeitet, dass ich sie unbedingt auch bei meiner letzten Ausstellung an meiner Seite haben wollte“, sagt der Direktor. Frau Albert hat die barocke Hängung der Gemälde im Gobelinsaal vor Wochen maßstabsgerecht aufgezeichnet. Die Planspiele auf Papier waren notwendig, weil die Leihgaben erst in den letzten Tagen eintrafen. Zeit für eine Generalprobe bleibt nicht.

Semperbau wird 2011 saniert

Transportkisten stehen in Reih und Glied. Innerhalb kürzester Zeit kamen 50 Gemälde an. Jedes Bild, das ins Haus kommt, jede Leihgabe, die das Haus verlässt, verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Restauratoren. Pro Jahr schickt das Museum etwa 100 Bilder auf Reisen. Die ständige Ausstellung wird 2011 für anderthalb Jahre ins Japanische Palais umziehen, weil der Semperbau dringend saniert werden muss.

Darum wird sich dann freilich der Nachfolger von Harald Marx kümmern. Bis zum 1.März wird Marx sein Büro ausräumen: Außer jeder Menge Bücher befinden sich dort auch Gemälde – zum Beispiel von seinem Freund, dem Frauenkirchenmaler Christoph Wetzel. „Während die Couch nicht mir gehört, werde ich die Bilder mit nach Hause nehmen.“ Das sind keine kleinen Formate.

Cranach-Galerie für Dresden

Ein Gemälde hat er nach Leipzig zu Tochter Stephanie gebracht. Sie ist Künstlerin, ihre Schwester Carola Kunsthistorikerin. Wie könnte es anders sein: Der stolze Familienvater bekennt, dass er einst Kunsthistoriker wurde, „weil es zum Künstler nicht reichte.“ Gern zeigt er sich mit seinen drei Frauen, zumal die Gelegenheiten seltener wurden, seit die Töchter aus dem Haus sind und Felix die Familie auf Trab hält. Als der Kleine seinen Opa unlängst von der Arbeit abholte, hatten ihn die Damen gut vorbereitet. Der Zweijährige stürmte ins Büro und rief: „Raffael sehen!“. Nur zu gern führte ihn sein Großvater zur „Sixtinischen Madonna“. Eigentlich fesselt es jeden, wenn Harald Marx über Kunst spricht. Felix allerdings fand es spannender, die Bank im Saal der Sixtina zu untersuchen.

Im Ruhestand will Harald Marx über Kunst schreiben, Ausstellungen seiner Künstlerfreunde eröffnen und nicht müde werden, dafür zu werben, dass im Semperbau eine Cranach-Galerie eingerichtet wird. Dresden hat den weltweit größten Cranach-Bestand.

Und wer wird nun sein Direktoren-Sofa besitzen? Die Stelle war weltweit ausgeschrieben. Es dürfte mehrere Bewerber geben, aber vielleicht liegt die Lösung ja ganz nah?! Marx sagt, er wisse es nicht. „Sicher bin ich mir allerdings, dass mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin diese Couch über den Jordan befördern wird.“